Umbaumaßnahmen bei KS Gleitlager Papenburger gibt trotz ALS-Diagnose nicht auf

Von Jan-Hendrik Kuntze


Papenburg. Zuerst war es nur das leichte Nachziehen eines Beines, dann konnte er nicht mehr joggen. Ein paar Monate später sitzt Hanno Viertel aus Papenburg im Rollstuhl. Ärzte diagnostizieren bei ihm die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine unheilbare Nervenkrankheit. Trotzdem soll alles so lange wie möglich beim Alten bleiben.

Vom Auftreten der ersten Beschwerden im Januar 2015 bis zur endgültigen Diagnose hat es rund ein Dreivierteljahr gedauert. „Mit ALS verband ich bis dahin nur die Ice-Bucket-Challenge und Stephen Hawking“, berichtet Viertel. Der britische Astrophysiker ist der wohl bekannteste noch lebende ALS-Patient. Und die Eisduschen waren der Sommertrend 2014, als sich Millionen Menschen einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf kippen ließen, um auf ALS aufmerksam zu machen.

Nun ist Viertel selbst von der Krankheit betroffen, in deren Verlauf es zu einer irreversiblen Schädigung der Nervenzellen kommt, die für die Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind. Nach und nach sind immer mehr Körperfunktionen nicht mehr möglich.

Nachdem seine Beine ihm nicht mehr gehorchen wollen, greift die Krankheit nun auch langsam seine Stimme an. „Mit dem Ausbruch der ALS ist meine weitere Lebenserwartung auf fünf bis zehn Jahre beschränkt“, erklärt der 37-Jährige. Doch genau könne das niemand prognostizieren.

Trotz der niederschmetternden Diagnose hat Viertel kühlen Kopf bewahrt und für sich allein zwei Möglichkeiten gesehen: „Entweder ich gebe mich auf oder ich mache weiter. Aber ich habe einen dreijährigen Sohn. Der hat ein Recht auf seinen Vater.“ Somit war die Entscheidung für den IT-Fachmann schnell klar. Er würde die Krankheit annehmen und so gut wie möglich versuchen, sein Leben weiterzuführen wie bisher.

Umbaumaßnahmen am Arbeitsplatz

Auf diesem Weg sind einige Hürden zu überwinden. Viele davon kann Viertel nicht allein bewältigen. Das Umfeld muss mitspielen. So zum Beispiel sein Arbeitgeber KS Gleitlager. Damit ihr IT-Koordinator weiterhin halbtags für das Unternehmen tätig sein kann, investierte die Firma mithilfe der Deutschen Rentenversicherung sowie des Landesintegrationsamtes eine kleinere sechsstellige Summe für Umbaumaßnahmen des Bürotraktes, um diesen barrierefrei zu gestalten. „Wir haben in einen Aufzug, elektronische Türöffner sowie überdachte, behindertengerechte Parkplätze investiert“, zählt Personalreferentin Hannelore Sartorius einige der Veränderungen auf.

„Arbeit füllt mich aus“

„Wir brauchen die Arbeitskraft von Herrn Viertel hier am Standort“, begründet Personalleiter Heinz Fischer den Einsatz des Unternehmens ganz pragmatisch. Schließlich sei Viertel der einzige IT-Koordinator vor Ort und somit unverzichtbar. Dennoch: Gesetzlich verpflichtend waren die Umbaumaßnahmen nicht. Deshalb lobt auch Hermann Nagel von der Deutschen Rentenversicherung den Arbeitgeber für seinen Einsatz. „Wohlwollende Unternehmen sind eine Grundvoraussetzung für die Reintegration am Arbeitsplatz“, so Nagel. Und auch Viertel ist seinem Arbeitgeber dankbar. Die Arbeit helfe ihm schließlich, mit seiner Situation klarzukommen. „Mein Beruf macht mir Spaß und die Arbeit füllt mich aus“, so Viertel.

Während die Umbaumaßnahmen im Unternehmen – darin sind sich alle Beteiligten einig – recht unbürokratisch und zügig vonstattengingen, war so manch ein Behördengang weitaus langwieriger. So hat es eine Weile gedauert, bis Viertel eine Fahrerlaubnis für sein neues Auto bekommen hat, das komplett mit den Händen bedient wird. Auch in diesem Bereich hat sich Papenburg schließlich ein Stück Normalität zurückerkämpft.

Abstriche sind dennoch unvermeidlich. Vor der ALS-Diagnose war Viertel bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. „An einen Einsatz dort ist natürlich nicht mehr zu denken“, stellt er nüchtern fest. Doch er sagt auch: „Aber die Kameradschaft bleibt natürlich.“ Bleiben wird wohl auch sein pragmatischer Optimismus.