140 Heuler pro Jahr Seehundstation Norddeich klärt über Leittierart des Wattenmeeres auf

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Norddeich. Jedes Jahr päppeln die Mitarbeiter der Seehundstation Nationalpark-Haus in Norddeich um die 140 Seehund-Jungtiere auf, die von ihrer Mutter getrennt wurden. Immer mit dem Ziel: Die Heuler wieder auszuwildern.

Richtig drollig sehen die erst wenige Monate alten Seehunde aus, wenn sie ihren Gegenüber mit den großen dunklen Augen anschauen. Liegt ein solcher Heuler an einem Strand mit vielen Menschen, fühlen sich diese oft dazu bewogen hinzugehen und das putzige Tier genauer zu betrachten. „Doch genau das ist der Fehler“, sagt der Geschäftsführer der Seehundstation in Norddeich, Dr. Peter Lienau. „Wenn man ein Tier irgendwo liegen sieht, sollte man weg- und nicht hinrennen“, erklärt er.

Seehundaufzucht seit 1971

Häufig würden die Mütter ihre Jungen nur kurz am Strand zurücklassen wollen, um selbst auf die Jagd zu gehen. Doch wenn bei ihrer Rückkehr eine Meute Menschen um das Jungtier stehe, würde sie es nicht zurückholen. „Dann kommen unsere mehr als 100 ehrenamtlichen Wattenjagdaufseher ins Spiel“, beschreibt der Geschäftsführer den Beginn der Arbeit. Diese agieren im gesamten niedersächsischen Küstenbereich und den vorgelagerten Inseln. Wird ein Heuler gefunden, schätzt der Wattenjagdaufseher seine Rehabilitationsfähigkeit ein. Er bestimmt also, ob es überhaupt möglich ist, das Tier aufzupäppeln.

Ist das der Fall, wird das Tier nach Norddeich gebracht, wo bereits seit 1971 verwaisten Seehunde wieder auf die Flossen geholfen wird. In einer Quarantäne-Station werden zunächst allgemeine Daten zusammengetragen und Blut abgenommen. Sind die Werte in Ordnung, geht es nach drei bis zehn Tagen zur großen Station, wo die Tiere in 14 Aufzucht- sowie drei großen Becken mit Salzwasser in Kleingruppen leben. Doch nicht nur die Seehundaufzucht, auch das sogenannte Monitoring sowie die Umweltbildung gehört zu den Aufgaben der Mitarbeiter in Norddeich. „Beim Monitoring geht es um die Kontrolle der Population. Da gibt es Zählflüge oder auch Störungsanalysen in Nationalparks“, erklärt Lienau, der seit 1999 als Geschäftsführer der Station tätig ist. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, den Besuchern in Norddeich bewusst zu machen, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie einen Seehund finden, wie er lebt und welche Bedürfnisse er hat. „Viele Menschen sind unwissend, was die Tiere angeht“, so der studierte Förster, der sich auf Wildbiologie spezialisiert hat.

Jungtiere haben geregelten Tagesablauf

In der Seehundstation haben die Jungtiere einen geregelten Tagesablauf. „Gefüttert werden sie um 7, 11, 15 und 20 Uhr“, erklärt Pfleger Tobias Geitz. Während sie in den ersten Wochen noch mit Muttermilchersatz über eine Magensonde versorgt werden, müssen sie sich, wie in der freien Natur, von Woche zu Woche steigern. Das fängt mit kleinen Heringen an, die ihnen per Hand gegeben werden. Erst wenn sie selbstständig Fressen können, kommen sie ins große Becken. „Dort wird immer so viel Fisch reingeworfen, dass alle noch ein bisschen Hunger haben. So lernen die Jungtiere das Konkurrenzverhalten, was sie für das Leben in der freien Wildbahn benötigen“, sagt Lienau. In der Hochzeit, kurz vor den ersten Auswilderungen, leben bis zu 140 Seehundjungtiere in der Station. „Da werden pro Tag dann auch schon mal 200 Kilogramm Fisch verfüttert. Bevorzugt wird hier Hering“, beschreibt der Geschäftsführer die Vorlieben seiner Schützlinge. Die Heulersaison geht von Anfang Juni bis Ende Oktober. Ende August beginnen dann die ersten Auswilderungen.

Auch Kegelrobben werden in der Station betreut. „Das sind aber nur zwischen drei und zehn Tiere pro Saison, die von Oktober bis Februar geht, da Kegelrobben im Winter geboren werden“, erklärt Lienau. Grund dafür sei die viel kleinere Population: „Es leben nur knapp 500 Kegelrobben im Gebiet, aber etwa 10.000 Seehunde.“

250.000 Besucher pro Jahr

Jedes Jahr besuchen mehr als 250.000 Besucher die Seehundstation. Etwa 1200 Gruppen werden dabei mit dem Umweltbildungsprogramm betreut. Die Station finanziert sich ausschließlich aus den Eintrittsgeldern sowie Spenden. „Es gibt einen Freundeskreis, in dem man als Dauerspender ab fünf Euro im Monat eintreten kann“, erklärt Lienau. Außerdem gebe es die Option eine Patenschaft für einen Seehund zu übernehmen. „Diese kostet 500 Euro. Dafür darf man den Namen aussuchen, hat freien Eintritt zur Station und wird zu einer Auswilderungsfahrt eingeladen“, sagt er. Mittlerweile gebe es in ganz Deutschland Paten.

Begeisterung für den Beruf

Auch er selber erinnert sich gerne an seine erste Auswilderungsfahrt zurück. „Wir sind bei Sonnenschein rausgefahren, haben die Tiere ausgewildert und uns, als die Ebbe kam, Trocken fallen lassen. Als die Flut kam, drehte auch das Wetter und wir sind bei Regen und Sturm im Hafen angekommen. Da war einfach alles dabei“, denkt Lienau zurück. Wenn er über seine Arbeit redet kommt er ins Schwärmen. Es sei toll für die Leittierart des Wattenmeeres zu arbeiten und die Leute darüber zu informieren. „Wattenmeer ist toll, Niedersachsen ist super und der Job ist spitze“, fasst er seine Begeisterung für den Beruf zusammen.


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