Drittältester Verein der Stadt Stenografenverein von 1869 Papenburg löst sich auf

Von Hermann-Josef Döbber

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Den Kassenbestand des aufgelösten Stenografenvereins in Höhe von 1600 Euro bekamen zu gleichen Teilen der Kinderschutzbund und der Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (von links): Birgitt Ridder-Stockamp und Maria Hanekamp (Kinderschutzbund), Christa Kampen, Christa Kuper und Helena Nankemann (Stenografenverein), Marianne Abeln und Norbert Schmidt (SKFM). Foto: Hermann-Josef DöbberDen Kassenbestand des aufgelösten Stenografenvereins in Höhe von 1600 Euro bekamen zu gleichen Teilen der Kinderschutzbund und der Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (von links): Birgitt Ridder-Stockamp und Maria Hanekamp (Kinderschutzbund), Christa Kampen, Christa Kuper und Helena Nankemann (Stenografenverein), Marianne Abeln und Norbert Schmidt (SKFM). Foto: Hermann-Josef Döbber

Papenburg. Die Stadt Papenburg ist um einen Verein ärmer. Der zuletzt nur noch 13 Mitglieder zählende Stenografenverein von 1869, der drittälteste in der Stadt nach dem Schützenverein von 1800 und Club Bürgerverein von 1838, hat sich aufgelöst.

In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung entschlossen sich die Anwesenden zu diesem Schritt. Sie einigten sich zudem darauf, das Vereinsvermögen in Höhe von 1600 Euro zu gleichen Teilen dem Kinderschutzbund und dem Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (SKFM) zu spenden. Als Begründung für die Auflösung nannte die 2. Vorsitzende Christa Kuper, die den Verein seit dem Tod der Vorsitzenden Hanna Willmann im September 2014 kommissarisch führte, dass dieser keine Aufgabe mehr habe.

„Der Stenografenverein ist ein Opfer des technischen Fortschrittes geworden. Stenografie und Maschinenschreiben sind nicht mehr gefragt“, resümiert Kuper. „Das schnelle Schreiben mit Abkürzungen und Kürzeln ist aus der Mode gekommen“. Diktiergeräte und Computer machten die Kurz- und Eilschrift überflüssig. Als der Verein vor 147 Jahren gegründet wurde, war das noch anders.

Im Jahre 1869, als Papenburg weltweit durch die Schifffahrt bekannt war und mit 190 See- und Wattschiffen auf der Höhe seiner Entwicklung als Schifferstadt stand, gründete Hilbert Borgmann, Lehrer an der Navigationsschule, im Volksmund „Schifferschule“ genannt (heute Standort des Polizeikommissariats), den Verein für Gabelsberger Stenografen.

Im Lokal der Witwe Lange

Borgmann, an den am Obenende eine Straße erinnert, stellte sich dem Verein als Vorsitzender zur Verfügung. Zunächst wurde das System Stolze-Schrey, dann die Gabelsberger Stenografie unterrichtet. 1872 übernahm Dr. Bernard Biermanns, Vikar in St. Michaelgemeinde, den Vorsitz. Nachdem sich immer mehr Stenografenvereine bildeten, rief der aus Bokeloh stammende Seelsorger am 20. April 1876 die Vereine des nordwestdeutschen Raumes zum Papenburger Obenende zusammen, um hier im Lokal der Witwe Lange (später Hotel Albers, heute Lotto Toto und Reisebüro Albers) am Splittingkanal rechts (Höhe Alter Turm) den „Nordwestdeutschen Stenografenverband“ aus der Taufe zu heben. In jenem Jahr brachte sich Papenburg mit 67 Mitgliedern in den Verband ein und lag damit vor Hamburg-Altona (66), Wilhelmshaven (40) und Aschendorf (28).

Der Unterricht erfolgte am Obenende im Lokal Lange und am Untenende am Hauptkanal in der Gaststätte „Zur Börse“ (später Ihr Platz, heute links von Optik Meiners). Übungstage waren durchweg die Sonntage, da die ausschließlich männlichen Personen dann mehr Zeit hatten. Die besten Lehrgangsteilnehmer wurden ermuntert, Unterricht zu erteilen. So gewann der Verein 1876 den Lehrer und Organisten Joseph Nadorff hinzu. In alten Ausgaben der Ems-Zeitung wird auch Navigationslehrer Wilhelm Döring, nach dem am Obenende ebenfalls eine Straße benannt ist, als Unterrichtsleiter, ferner ein Rudolf Meyer als Schriftführer genannt.

Überregional erfolgreich

Dass der Stenografenverein Papenburg auch überregional erfolgreich war, darüber berichtete die Ems-Zeitung am 23. Februar 1882: „Von dem ,Vorort‘ des Nordwestdeutschen Verbandes Gabelsbergscher Stenographen geht dem hiesigen Stenographenverein die erfreuliche Nachricht zu, dass bei auf dem letzten Stenografentag stattgefundenen Wettschreiben der erste und zweite Preis Mitgliedern des hiesigen (Papenburger) Vereins vom Preisrichteramt zuerkannt wurde. Den ersten Preis erhielt Kaufmann Rudolf Feericks, den zweiten Preis Navigationslehrer Gerhard Bolwin.“

Unterricht in Englisch

Seitens des Katholischen Kaufmännischen Vereins (KKV) Papenburg wurden 1898 Unterrichtskurse in englischer Sprache und in Kurzschrift erteilt.

Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit wirkten sich lähmend auf das Vereinsleben aus. Auch die berufstätigen Frauen lernten nun Kurzschrift – und zwar in der Jugendabteilung des Katholischen Frauenbundes St. Antonius, der sich 1919 in der Untenender Kirchengemeinde gegründet hatte. 1926 wurde das allgemeine Durcheinander der Kurzschriftarten durch die Einführung der Einheitskurzschrift beendet, auf die sich der Verein unter dem Lehrer Hans Gulde umstellte.

Eine Ära begann 1928 im Stenografenverein Papenburg mit der damals 20-jährigen Berta Fischer, später verehelichte Rolfes. Die langjährige Schriftleiterin der Ems-Zeitung übernahm den Vorsitz.

Chance für die Jugend

Nach dem Zweiten Weltkrrieg lief die Vereinsarbeit wieder an, als 1947 Gisa Meerjanssen (später Kassens) den Vorsitz übernahm. Papenburgs Jugend bekam wieder die Chance, die in ihrem Beruf erforderlichen Kenntnisse in Stenografie und Schreibmaschine zu erwerben.

Im November 1950 nach 13 Jahren in Börger kam Berta Rolfes mit ihren drei Kindern – ihr Mann war im Weltkrieg gefallen – nach Papenburg und in den Stenografenverein zurück und übernahm wieder den Vorsitz. Unter ihrer Führung gewann der durchweg über 120 Mitglieder zählende Verein allein in den 1970er Jahren viermal den von der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg (IHK) gestifteten Wanderpreis. 1974 wurde eine Arbeitsgemeinschaft mit der Volkshochschule Papenburg gegründet.

Hanna Willmann trat 1982 die Nachfolge der zur Ehrenvorsitzenden ernannten Berta Rolfes an. Willmann blieb bis zu ihrem Tode im September 2014 im Amt. Die Vereinsführung bildeten fortan bis zur Auflösung die langjährige stellvertretende Vorsitzende Christa Kuper zusammen mit Christa Kampen und Helena Nankemann.


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