Familie und Stadt uneins Ringen um Straßenbenennung nach Papenburger Holocaust-Überlebendem

Diese Brücke schlägt die Stadt als „Wilhelm-Polak-Brücke“ vor. Für die Familie kommt indes nur ein Teil des Deverwegs infrage. Fotomontage: Heiner WittwerDiese Brücke schlägt die Stadt als „Wilhelm-Polak-Brücke“ vor. Für die Familie kommt indes nur ein Teil des Deverwegs infrage. Fotomontage: Heiner Wittwer

Papenburg. Die Familie des im vergangenen Jahr verstorbenen Wilhelm Polak befürwortet die Benennung einer Straße nach dem Papenburger Holocaust-Überlebenden, knüpft die namentliche Ehrenbezeichnung aber an eine Bedingung. Das macht die Sache aus der Sicht von Bürgermeister Jan Peter Bechtluft (CDU) schwierig.

In einem Brief an alle Mitglieder des Stadtrates, der unserer Redaktion vorliegt, machen die Hinterbliebenen deutlich, dass für sie nur der jetzige Deverweg 1 – 7 infrage kommt. „In diesem Bereich steht noch immer das Stammhaus unserer Familie aus dem 18. Jahrhundert“, heißt es in dem von Polaks Witwe Inna, seinen Kindern Esther Argentato und Oliver Polak sowie seiner in New York lebenden Schwester Ilse unterzeichneten Schreiben.

Das jedoch ist aus Sicht der Stadtverwaltung nicht möglich. „Die Umbenennung dieses kleinen Teilabschnitts des Deverwegs zwischen Hauptkanal rechts und der Straße ,Am Ems-Center‘ hätte zur Folge, dass die komplette Hausnummerierung im weiteren Verlauf des Deverwegs geändert werden müsste“, erklärt Bechtluft auf Nachfrage unserer Redaktion. Das sei – gerade auch mit Blick auf die Vielzahl der weiteren Anlieger in den dortigen Einzelhandelsbetrieben – unverhältnismäßig. „Die Hausnummerierung muss eindeutig sein, damit Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen bei Gefahrenlagen sofort zur Stelle sein können“, so Bechtluft.

„Brücke der Versöhnung“

Die Stadtverwaltung hatte stattdessen vorgeschlagen, den Teilabschnitt des Deverwegs zwischen der Dechant-Schütte-Straße und dem Hauptkanal links in „Wilhelm-Polak-Weg“ umzubenennen. Dort entsteht aktuell ein neues Wohn- und Geschäftshaus, das dann diese Adresse erhalten hätte. Außerdem befinde sich dieses Straßenstück in unmittelbarer Nähe von Polaks Elternhaus, argumentiert Bechtluft. Das aber sei seitens der Familie nicht gewünscht gewesen. Daraufhin hatte der Rat Anfang März beschlossen, das Teilstück der Dechant-Schütte-Straße zuzuschlagen.

Der Bürgermeister stellt fest, dass „trotz intensiver Gespräche mit der Familie Polak“ keine einvernehmliche Lösung gefunden werden konnte. Er selbst könne sich auch vorstellen, die Brücke über den Hauptkanal im Verlauf des Deverwegs offiziell als „Wilhelm-Polak-Brücke“ zu bezeichnen - „auch im metaphorischen Sinne einer ,Brücke der Versöhnung‘“, wie Bechtluft erklärt. Auf diesen Vorschlag sei die Familie bisher nicht weiter eingegangen. Eine Entscheidung an deren Interessenlage vorbei, hält das Stadtoberhaupt für nicht angemessen.

Die Familie Polak hält in ihrem Schreiben an die Ratsmitglieder an dem von ihr vorgeschlagenen Straßenabschnitt fest. Dort befinden sich im Übrigen auch zwei Stolpersteine zum Gedenken an Wilhelm Polaks von den Nazis ermordeten Vater Isaak und seine Stiefmutter Lina. Das Haus sei überdies als einziges jüdisches Wohngebäude in Papenburg erhalten geblieben, betont die Familie. „Wenn also ein ehrliches Interesse besteht, Wilhelm Polak mit einer Straßenbenennung zu ehren, gibt es dafür nur einen passenden Straßenabschnitt in Papenburg.“

Vom Vater übernommen

Die Polaks erklären aber auch, dass sie selbst keine Straße benötigen würden, um sich an ihr Familienoberhaupt zu erinnern. Die Initiative von Bechtluft aus, der die Idee erstmals öffentlich bei der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht am 9. November 2015 geäußert hatte. „Und zwar aus eigener Überzeugung, aber auch auf wiederholte Ansprache hin von Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt“, wie Bechtluft erklärt.

Die Familie freue sich, wenn ihrem Oberhaupt die Wertschätzung posthum zuteilwürde, „wäre sie zugleich ein Zeichen seiner unerschütterlichen Verbundenheit mit der Stadt Papenburg, auch über seinen Tod hinaus“. Sie selbst will eine Erinnerungstafel am Haus anbringen, in dem Wilhelm Polak fast sein ganzes Leben verbracht hatte.

Polak hatte das Haus am Deverweg von seinem Vater Isaak übernommen, der dort eine Schlachterei betrieben hatte. Im Zuge der Reichspogromnacht wäre es von NS-Schergen beinahe angezündet worden. Später wurde die Familie gezwungen, das Haus zu verkaufen. 1941 deportierten die Nationalsozialisten sie ins Getto von Riga. Isaak Polak kam später im Konzentrationslager Buchenwald um, Lina Polak starb im Lager Stutthof.

Odyssee durch Europa

Wilhelm Polak hingegen überlebte den Holocaust. Er wurde 1945 von russischen Soldaten aus dem Konzentrationslager Burggraben bei Danzig befreit. Nach einer langen Odyssee durch das zerstörte Europa kehrte er vier Jahre später nach Papenburg zurück, wo seine Schwester Ilse auf ihn gewartet hatte. Sein Elternhaus, das die Nazis der Familie genommen hatten, musste er zurückkaufen.

Als klar wurde, dass er in Papenburg bleiben würde, begann er zunächst einen kleinen Handel mit Stoffresten – mit dem Fahrrad fuhr er übers Land zu seiner Kundschaft. 1954 konnte er dann dort, wo sein Vater früher die Fleischerei betrieben hatte, sein Geschäft eröffnen - „allen Beleidigungen und Erniedrigungen, die er als Kind in Papenburg erfahren musste, zum Trotze“, wie die Hinterbliebenen schreiben. Wilhelm Polak führte das Geschäft bis zum Jahr 2003. Er war der einzige Papenburger Überlebende des Holocausts, der zurückkehrte, um zu bleiben.

(Weiterlesen: Erinnerungen von Wilhelm Polak)


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