Erinnerungen von Wilhelm Polak So überlebte ein Papenburger den Holocaust


Papenburg. Eigentlich war er ja dagegen. Dann aber spricht er doch. Und zwar ausführlich und sogar vor laufender Kamera. Sechs Wochen vor seinem Tod Ende September 2015 hat Papenburgs Holocaust-Überlebender Wilhelm Polak noch einmal seine persönlichen Erlebnisse während der Schreckensherrschaft des NS-Regimes geschildert.

In dem Film-Interview für die 2013 eröffnete Gedenkstätte Ehemalige Jüdische Schule in Leer, dessen mehr als 90-minütige Rohfassung unserer Redaktion vorliegt, betont der 89-Jährige, dass er keine Rachegefühle hege. „Gegen keinen Menschen“, wie er sagt. Polaks Äußerungen in dem Interview gehen in Teilen über seine Schilderungen hinaus, die er 2003 gemeinsam mit dem früheren Gymnasiallehrer Franz Guhe in einem Büchlein mit dem Titel „Erinnerungen an Papenburg und eine unfreiwillige ,Reise‘“ zusammengefasst hat. Das Büchlein ist längst vergriffen. Polaks Familie will es nun aber neu auflegen lassen.

Jahrzehntelang geschwiegen

Wilhelm Polak hatte jahrzehntelang geschwiegen. Anders als beispielsweise die Auschwitz-Überlebende Erna de Vries (92) aus Lathen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor allem in Schulen die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis aus eigenem Erleben wachzuhalten, wollte Polak dieses Kapitel seines Lebens hinter sich lassen. Immer wieder bitten ihn jedoch seine beiden Kinder, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Schließlich entspricht er ihrem Wunsch. Seine lesenswerten Aufzeichnungen widmet der Papenburger seinem Vater Isaak. Er kam im Februar 1945 im Konzentrationslager (KL) Buchenwald um, „sodass ich an seinem Grab nicht den Kaddisch, das traditionelle jüdische Totengebet, sprechen konnte“, wie Polak in seinem Vorwort schreibt.

Erster Schicksalsschlag mit vier Jahren

„Solange Hitler nicht da war, war alles in Ordnung. Es gab keinen Antisemitismus“, erinnert sich Polak in dem Interview an seine Kindheit und Schulzeit in Papenburg. „Wir sind alle prima miteinander ausgekommen.“

Den ersten Schicksalsschlag hatten Wilhelm als Vierjähriger und seine eineinhalb Jahre jüngere Schwester Ilse, die heute in New York lebt, damals schon verdauen müssen. Ihre Mutter Martha stirbt im Alter von 30 Jahren. Polaks Vater, der am Deverweg eine Metzgerei mit eigener Schlachtung und Viehhandel betreibt, heiratet später ein zweites Mal. Doch die Stiefmutter Lina behandelt seine Schwester schlecht, schildert Polak. „Wenn wir nicht da waren, hat sie sie geschlagen.“ Er und sein Vater hätten davon allerdings nichts gewusst.

Auch Kinder werden aufgehetzt

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland an sich rissen und ihr mörderisches Regime aufbauten, hätten sich auch in Papenburg die Menschen zum Teil gegenüber den Juden verändert. „Sie wurden aufgehetzt – auch Kinder.“ Ab 1938 hätte niemand mehr bei seinem Vater einkaufen dürfen.

Als die Nazis in der Reichspogromnacht desselben Jahres im ganzen Reich jüdische Einrichtungen anzünden und zerstören, geht auch in Papenburg die Synagoge samt angrenzender Schule auf dem heutigen Gelände der Sparkasse am Untenende in Flammen auf. „Das war schlimm“, sagt Polak. Die Nazis hätten noch zwei weitere Häuser in Brand gesetzt, und auch das Haus der Polaks sollte angesteckt werden. „Die SA kam mit Benzinkanistern.“ Dann aber hätte ein benachbarter Lebensmittelhändler, der selbst Nazi gewesen sei, befürchtet, dass sein Haus mit abbrennen würde. Schließlich hätte ein Polizist dem Treiben Einhalt geboten. Das Haus der Polaks bleibt verschont.

„Wenn das Judenblut vom Messer spritzt ...“

Isaak Polak ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da. Zusammen mit zehn weiteren jüdischen Männern aus Papenburg wird er im November 1938 in das KL Oranienburg gebracht. Als sich Wilhelm Polak an die Freilassung und Rückkehr seines Vaters nach Papenburg erinnert, kann er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. „Es war Winter und hat geschneit. Auf einmal sehe ich ihn durchs Fenster. Das war ein Wunder“, sagt er leise.

Die Auswirkungen der NS-Herrschaft werden derweil auch in der Fehnstadt immer stärker spürbar. Polak weiß noch, wie SA und Hitler-Jugend „jeden Tag“ am Haus der Familie vorbeimarschiert seien und gesungen hätten. Die Lieder hat der Papenburger nicht vergessen: „Hängt die Juden! Stellt die Bonzen an die Wand! Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, geht es uns noch mal so gut. Die Juden ziehn dahin, daher – sie ziehen durchs Rote Meer. Die Wellen schlagen zu, die Welt hat Ruh.“ Niemand habe dagegen etwas unternommen. „Die Leute haben nur zugeguckt.“

Vom Balkon aus auf den Kopf gespuckt

Auf dem Weg zum Bahnhof – Polak hatte kurzzeitig die jüdische Schule in Leer besucht – hätte eine NS-Frauenschaftsführerin, „eine große Nazistin“, den jüdischen Kindern vom Balkon aus auf den Kopf gespuckt. Nach dem Krieg hätte sie im Übrigen so getan, als sei nichts gewesen und bei Polak, der später in Papenburg jahrzehntelang ein Bekleidungsgeschäft betrieben hat, auch eingekauft.

Wenn am Bahnhof Waggons mit Häftlingen für die NS-Lager im Emsland ankamen, „sind wir als Kinder immer hingelaufen und haben geguckt.“ Die Häftlinge hätten mit den Händen auf dem Kopf in Autos steigen müssen.

Mit Pauke durch die Straßen getrieben

Polak erinnert sich überdies noch gut daran, wie die Nationalsozialisten einen jüdischen Mann durch die Straßen trieben. Sie hätten ihm eine Pauke umgehängt und er habe marschierend – und von SA-Leuten in den Hintern getreten – immer wieder „Ich bin ein Judenschwein“ rufen müssen.

Auch Tote habe es gegeben. Polak berichtet von einem Mann, der an einem Baum aufgehängt gewesen sei und einen weiteren, der in einem Graben gelegen hätte. „Gemunkelt wurde, dass es Nazis waren.“ In seinem Buch schildert Polak, dass sich der jüdische Viehhändler Max Grünberg im Garten seines Hauses an der Friederikenstraße erhängte.

Mit dem Rad von Rastdorf nach Papenburg

Im Januar 1939 wird Isaak Polak zu Bauarbeiten in Rastdorf zwangsverpflichtet. Im Alter von 15 Jahren muss auch Wilhelm ran. Er geht Landvermessern zur Hand. Am Wochenende fährt er heimlich mit dem Fahrrad ins etwa 40 Kilometer entfernte Papenburg. Er ist mit den Kindern des Lagerführers in Rastdorf befreundet, dessen Familie in der Fehnstadt lebt.

Wie viele andere Juden in Deutschland, will auch die Familie Polak noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auswandern. Isaak Polak knüpft Kontakte zu Verwandten seiner Frau in den USA. Doch die Genehmigungen kommen zu spät. „Wir kamen nicht mehr weg.“ Andere Papenburger Juden hätten es hingegen geschafft. Nachfahren lebten heute beispielsweise in Ecuador.

Turnhalle mit Stroh ausgelegt

Die Deportation der vierköpfigen Familie Polak beginnt im Dezember 1941. Zusammen mit anderen Papenburger Juden geht es in einem Bus in eine nur mit Stroh ausgelegte Turnhalle in Osnabrück. Von dort werden sie in einen Zug verfrachtet, der sie ins Getto nach Riga (heute Lettland) bringt. Am Bahnsteig wartet die SS. Ihr Gepäck müssen die Juden auf einen Haufen werfen. Sie sehen es nie wieder.

„In Riga sind wir in ein Riesenhaus gekommen. Darin haben lettische Juden gewohnt.“ Sie seien vermutlich kurz zuvor erschossen worden. „Das muss man sich mal vorstellen: Im Backofen war noch ein warmer Braten. Oben auf dem Schrank lag bündelweise Geld. Wir dachten, sie wären spazieren.“ Die Polaks wurden zusammen mit sechs weiteren Juden aus Papenburg in zwei Zimmer gepfercht.

Ein Todgeweihter schleicht sich davon

Wilhelm Polak wird zu verschiedenen Formen der Zwangsarbeit herangezogen. „Damals war ich stark. Ich habe Zementsäcke aus Waggons geschleppt.“ Kranke, Alte und Kinder seien hingegen umgebracht worden. Beim Aussortieren durch die SS eines Nachts vor den Baracken sieht Polak, wie ein Mann sich aus den Reihen der Todgeweihten hinter die Baracken wegschleicht und sich der Gruppe der Arbeitsfähigen anschließt. „Er hat überlebt.“

Die schützende Hand eines SS-Offiziers

Irgendwann wird Polak zusammen mit einem weiteren jungen Mann zum Dienst bei einem SS-Offizier namens Scherwitz abkommandiert. Dieser habe seine schützende Hand über sie gehalten. Eines Tages sei ein SS-Kommando gekommen und habe zehn Juden zwecks Tötung haben wollen, darunter auch Polak. Scherwitz habe das jedoch nicht zugelassen. „Sonst wäre ich nicht mehr da gewesen“, ist sich Polak sicher. Er ist zudem fest davon überzeugt, dass Scherwitz, der bis zum Sturmbannführer befördert worden sei, selbst Jude gewesen sei. „Er hat alles für uns getan.“

Aber die mörderische Willkür bleibt

Und doch bleibt auch Polak der Willkür der Nazis permanent ausgeliefert. Mehrfach ist es reiner Zufall, dass der Papenburger der unmenschlichen Vernichtungsmaschinerie entgeht. Einmal müssen sich die Juden so aufstellen, dass immer fünf Mann nebeneinanderstehen. Dann heißt es: „Ich nehme die fünfte Reihe. Ich nehme die zwanzigste Reihe.“ Einmal trifft es die Riege genau vor Polak. Ein anderes Mal hat er dank eines langen Mantels Glück, dass er sich eines verbotenerweise mit Speiseresten gefüllten Rucksack unbemerkt entledigen kann.

Von der Sowjetarmee befreit

Über das Konzentrationslager Kaiserwald nordöstlich von Riga und das KL Stutthof landet Polak im KL Burggraben (beide bei Danzig). Dort erkrankt er Anfang 1945 schwer. Bauchtyphus. Als die Front zwischen der vormarschierenden Roten Armee und der Wehrmacht immer näher rückt, schleppt ihn ein Freund in einen Bunker. Dort werden sie schließlich von Angehörigen der Sowjetarmee befreit.

Eine neue Odyssee beginnt

Nun beginnt für Wilhelm Polak eine neue Odyssee. Über ein russisches Lazarett bei Torun etwa 100 Kilometer südwestlich von Danzig geht es in ein Sanatorium in Gorki ungefähr auf halber Strecke zwischen Moskau und dem Ural. Dort erfährt Polak im Mai 1945 von der Kapitulation Deutschlands und bleibt neun Monate. Nach Jahren der Missachtung, Verfolgung und Todesangst wird er endlich wieder wie ein Mensch behandelt. Er lernt Russisch und wird später als Dolmetscher eingesetzt.

Von Odessa aus will Polak aber schließlich nach Deutschland zurückkehren. Wegen einer Lungenkrankheit wird er in ein Kriegsgefangenen-Lazarett in der Stadt am Schwarzen Meer verlegt. Hier trifft Polak einen Gefangenen vom Obenende. „Er war übrigens eher wieder zuhause als ich.“

Ein Brief nach Papenburg

Polak verlässt Odessa mit einem Transportzug, der bis in die Niederlande fahren sollte. Doch der Zug wird in Rumänien, kurz vor der ungarischen Grenze gestoppt. Polak vermutet politische Gründe. Die Insassen kommen wieder in ein Lager. In einer Schlachterei gegenüber dem Lager trifft Polak eine Frau, die Deutsch spricht. Er bittet sie, einen Brief nach Deutschland zu schicken. Adresse: Familie Isaak Polak in Papenburg. Zu diesem Zeitpunkt weiß Wilhelm Polak allerdings nicht, ob von der Familie überhaupt noch jemand lebt.

Ein merkwürdiges Gefühl

Auf diese Weise bekommt er aber Kontakt zu seiner Schwester Ilse, die es tatsächlich zurück ins Elternhaus geschafft hatte. Von ihr erfährt er, dass seine Eltern umgekommen sind. Mithilfe jüdischer Komitees, die sich nach dem Krieg überall im zerstörten Europa bildeten, um Holocaust-Überlebenden zu helfen, schlägt sich Polak auf eigene Faust über Oradea, Budapest, Wien, Gauting bei München, Bergen-Belsen nahe Hannover und Osnabrück zurück nach Papenburg durch. „Es war ein merkwürdiges Gefühl, als wir am Deverweg hielten und ich nach mehr als sieben Jahren wieder vor meinem Elternhaus stand“, schreibt Polak in seinem Buch.

Einreise in die USA verweigert

Anders als die seiner Schwester, scheitert seine geplante Auswanderung in die USA. Polak darf wegen seiner Lungenkrankheit nicht einreisen. Also bleibt er in Papenburg. Und bereut es nicht. „Ich habe mich wohlgefühlt“, obwohl es anfangs noch „ein paar Antisemiten“ gegeben hätte.

Ein Handel mit Stoffresten

Buchstäblich aus dem Nichts baut Polak einen Handel mit Stoffresten auf – zunächst mit Koffer und Fahrrad. Das Geschäft wächst rasant und mündet in ein Bekleidungshaus, das er rund 50 Jahre führt. Die Leidenschaft dafür ist bis zu seinem Tod geblieben. „Ich möchte wohl noch im Laden stehen“, sagt Wilhelm Polak. Er war der einzige Holocaust-Überlebende aus Papenburg, der nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches in die Fehnstadt zurückkehrte und für immer blieb.


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