Zu viele Menschen drängen in Zug Wirbel nach chaotischen Szenen am Bahnsteig in Leer

Unvorbereitet traf die Westfalenbahn nach eigener Darstellung, dass am späten Abend vor dem vierten Adventssonntag besonders viele Menschen in den letzten Zug des Tages gen Emsland drängten. Foto: Jörn MartensUnvorbereitet traf die Westfalenbahn nach eigener Darstellung, dass am späten Abend vor dem vierten Adventssonntag besonders viele Menschen in den letzten Zug des Tages gen Emsland drängten. Foto: Jörn Martens

Papenburg/Leer. Chaotische Szenen haben sich auf dem Bahnsteig in Leer abgespielt. Mit dem plötzlichen Wintereinbruch haben die Vorfälle allerdings nichts zu tun.

Schließlich liegen sie bereits zweieinhalb Wochen zurück, als auch in Ostfriesland noch Plusgrade im zweistelligen Bereich herrschten. Am späten Abend vor dem vierten Adventssonntag wollten weitaus mehr Menschen in den letzten Zug des Tages gen Emsland steigen, als hineinpassten. Einer von ihnen ist Jörg Feldmann. Der Papenburger spricht von tumultartigen Zuständen, Schlägereien und Massenhysterie. Die Westfalenbahn, die den Betrieb der Emslandlinie erst wenige Tage zuvor von der Deutschen Bahn übernommen hatte , bedauert den Vorfall. Sie gibt aber auch den Fahrgästen eine Mitschuld. Bei der Bundespolizei sind die Ereignisse derweil nur zu einem vergleichsweise kleinen Teil aktenkundig.

Wie Jörg Feldmann berichtet, wollten viele Besucher des Weihnachtsmarktes in Leer am Abend gegen 22.30 Uhr die letzte Bahn in Richtung Süden nutzen. Der bereitgestellte Zug hatte laut Westfalenbahn-Sprecher Stefan Bennemann Platz für etwa 400 Reisende (215 Sitz- und 185 Stehplätze). Auf dem Bahnsteig hätten nach Feldmanns Einschätzung jedoch etwa 2000 Fahrgäste gewartet. „In einer Massenhysterie stürzten sich die Reisenden in die Waggons und immer weitere quetschten sich durch die noch geöffneten Türen“, berichtet Feldmann in einem Beschwerdeschreiben an die Westfalenbahn, das unserer Redaktion vorliegt. „Die Menschen türmten sich förmlich in den Zugabteilen. Einige Gäste legten sich sogar in die Ablagen für die Koffer. Es kam zu Schlägereien und Ausschreitungen“, so Feldmann weiter. Der Zugbegleiter sei völlig überfordert gewesen und sei in sein Abteil am Ende des Zuges geflüchtet. Er selbst habe die Zugführerin darauf hingewiesen, dass sie sich strafbar machen würde, sollte sie mit dem aus seiner Sicht überfüllten Zug losfahren. Feldmann stieg nach eigenem Bekunden aus Sicherheitsgründen ein Taxi.

Bahnsprecher Bennemann zufolge war seinem Unternehmen nicht bekannt, „dass ausgerechnet dieser sonst kaum genutzte Zug besonders stark ausgelastet sein würde“. Ein besonderes Sicherheitsrisiko habe jedoch nicht bestanden. Laut Bennemann war der Zug weder aus technischer, noch aus betrieblicher Sicht überfüllt gewesen. „Allerdings hat sich eine Reihe von Fahrgästen nicht so verhalten, wie es in einer solchen besonderen Situation geboten wäre“, erklärt der Westfalenbahn-Sprecher. Zum Teil seien die Fahrgäste stark alkoholisiert gewesen. Bennemann: „Wiederholte und klar formulierte Lautsprecheransagen wurden nicht beachtet, die Türschließvorgänge wurden häufig unterbrochen und einzelne Reisende haben immer wieder versucht, in den bereits komplett gefüllten Zug zu drängen.“ Hätte das Personal hier eng entsprechend der Beförderungsbedingungen agiert, hätte der Zug von der Bundespolizei geräumt werden müssen, so der Bahnsprecher. Das aber jedoch wäre nach dem Ermessen des Zugpersonals „für alle Beteiligten die schlechtere Variante gewesen“.

Die Zahl der am Bahnsteig zurückgelassenen Passagiere beziffert Bennemann auf 50 bis 75. Für sie sei ein Bus bestellt worden. Mit den Erfahrungen auf der für sie neuen Strecke will die Bahn bei „außergewöhnlichen Spitzenbelastungen versuchen, in den Folgejahren mehr Kapazität anzubieten. Allerdings lasse sich die Auslastung nicht immer vollständig vorhersagen.

Ein Sprecher der Bundespolizei kann die geschilderte Dimension der Vorfälle vom Abend des 19. Dezember 2015 auf Nachfrage unserer Redaktion nicht bestätigen. Er berichtet von lediglich einem Einsatz der Beamten an besagtem Zug, nachdem eine Frau offenbar im Gedränge einen Schlag an den Kopf bekommen habe und leicht verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden sei.

Für Jörg Feldmann steht hingegen unverändert fest, dass der Zug niemals hätte losfahren dürfen. „So ein Verhalten ist nicht tragbar und sollte strafrechtlich verfolgt werden. Ich werde mir vorbehalten, hier rechtlich Schritte einzuleiten“, betont er in seinem Beschwerdeschreiben, in dem er im Übrigen auch die Erstattung der Taxifahrtkosten und des ungenutzten Bahntickets fordert. Nach seiner Auffassung hätte der Bahn anhand der verkauften Fahrkarten klar sein müssen, dass der eingesetzte Zug zu klein war.

Empört reagiert der Papenburger auch auf ein recht allgemein gehaltenes Antwortschreiben der Westfalenbahn auf seine Beschwerde. Darin bringt das Unternehmen zwar sein Bedauern zum Ausdruck und bittet um Entschuldigung. Ansonsten verweist die Bahn auf das Service-Center für Fahrgastrechte. Auf dessen Internetseite sei das entsprechende Antragsformular für eine mögliche Entschädigung zu finden. Für zukünftige Fahrten mit der Westfahlen-Bahn wünscht das Unternehmen stets eine gute Reise. „Das ist doch eine Frechheit“, schimpft Feldmann.


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