Notunterkunft in früheren ADO-Hallen Über 700 Besucher bei Info-Abend zu Flüchtlingen in Aschendorf

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Aschendorf. Ärmel aufkrempeln und die große Herausforderung gemeinsam anpacken – diese positive Grundhaltung hat die Mehrheit der Besucher des Info-Abends zur Einrichtung einer Notunterkunft für bis zu 1000 Flüchtlinge am Dienstagabend in Aschendorf vermittelt. Für Kritiker und Bedenkenträger, die vornehmlich Sicherheitsfragen aufwarfen, gab es überwiegend Gegenwind.

Das Interesse an Informationen aus erster Hand ist enorm. Mehr als 700 Besucher folgen der Einladung des Landkreises Emsland in die Aula und das Foyer der Heinrich-Middendorf-Oberschule. Vor zwei Wochen hatte die Kreisverwaltung offiziell bekannt gegeben, seine zentrale Notunterkunft für Flüchtlinge in den Hallen der ehemaligen ADO-Gardinenwerke in Aschendorf einzurichten. Die ersten Flüchtlinge werden nach diversen Umbauarbeiten für Mitte Januar erwartet. Im Gegenzug sollen die Sporthallen in Lingen, Meppen und Sögel ab Anfang Februar wieder für den Schul- und Vereinssport zur Verfügung stehen. (Der Liveticker zum Nachlesen.)

Bedenken ernst nehmen

Landrat Reinhard Winter (CDU) wirbt gleich zu Beginn um eine sachliche, zielgerichtete und vorurteilsfreie Debatte. Ziel sei es, Unsicherheiten zu nehmen und mögliche Vorurteile abzubauen. Sorgen, Bedenken und Ängste würden gleichwohl ernstgenommen. Wie groß die Aufgaben seien, untermauert der Landrat mit Zahlen. Nach seinen Worten gelangen inzwischen täglich 1300 Menschen pro Tag nach Niedersachsen. „Die Zahlen stellen uns vor große Probleme und trotzdem ist die Willkommenskultur, die wir praktizieren, richtig und wichtig“, sagt Winter. Das bisherige Engagement im Landkreis zeige, dass „die Emsländer zusammenhalten, wenn es darauf ankommt“. Er hoffe weiter auf ein Miteinander in einer schwierigen Zeit.

Papenburgs Bürgermeister Jan Peter Bechtluft (CDU) zufolge komme bei 8000 Einwohnern in Aschendorf demnächst auf acht Bürger ein Flüchtling. „Damit ist klar, dass sich das öffentliche Leben und auch das Stadtbild zumindest temporär verändern werden“, sagt Bechtluft. Eine Gefahr für die öffentliche Ordnung werde aber von der Einrichtung aber sicherlich nicht ausgehen. Für die Entscheidung für die ADO-Hallen gebe es objektiv gute Gründe. „In einem zivilisierten Land sollte niemand in schlecht beheizten Zelten überwintern. Das wäre ein Armutszeugnis für unser Land.“ Die Aufgabe könne nur bewältigt werden, wenn alle an einem Strang und in dieselbe Richtung ziehen.

Nicht sofort begeistert

Der Aschendorfer Ortsbürgermeister Friedhelm Führs (CDU) räumt ein, dass er zunächst „natürlich nicht sofort begeistert“ gewesen sei. Mit der Entscheidung werde sich die Veränderung Aschendorfs manifestieren, sagt Führs. Und doch wirbt auch er dafür, sich der Herausforderung zu stellen. „Wenn die Menschen im 100-Seelenort Sumte es schaffen, 660 Flüchtlinge aufzunehmen, dann müssen wir es in Aschendorf auch schaffen.“ Die Politik auf Bundes- und Landesebene fordert Führs auf, die Asylverfahren abzukürzen.

Kreisdezernent Marc-André Burgdorf erläutert, dass es sich nicht um eine Erstaufnahmeeinrichtung, sondern um eine vorübergehende Notunterkunft in Amtshilfe für das Land handele. Der Mietvertrag läuft zunächst für ein Jahr. Betrieben werden wird die Notunterkunft Burgdorf zufolge durch 66 Vollzeitkräfte des emsländischen Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Hinzu kommen weitere haupt- sowie ehrenamtliche Kräfte. Für Freiwillige soll eine Anlaufstelle eingerichtet werden.

Sicherheitsbedenkenträgern entgegnet Burgdorf, dass es im Landkreis bislang keine Hinweise darauf gebe, dass die Kriminalität in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften steigt. Anderslautende Behauptungen vor allem in den sozialen Netzwerken seien falsch und bei genauerem Hinsehen auch nicht belegbar. Und doch sei auch klar: „Absolute Sicherheit gibt es nicht!“ DRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Hövelmann ergänzt: „Hier kommen doch keine Halbwilden her, sondern Menschen.“

Der Leiter der Polizeiinspektion (PI) Emsland/Grafschaft Bentheim, Karl-Heinz Brüggemann, kündigt eine verstärkte Polizeipräsenz in Aschendorf an. Zudem wird eine Polizeistation in der Notunterkunft eingerichtet. Hinzu kommt ein mehrsprachiger Sicherheitsdienst mit täglich 15 Einsatzkräften.

Gegen Pauschalurteile

Immerhin zaghafte Buhrufe erntet ein Zuhörer, der mit der Frage „Wie viele müssen wir uns noch ranholen?“, lospoltert. Applaus brandet auf, als Landrat Winter dafür wirbt, nicht pauschal über Bürgerkriegsflüchtlinge zu urteilen. Er habe Kindern, die barfuß angekommen seien, in die Augen geschaut. Diese Blicke hätten alles gesagt.

Breite Zustimmung gibt es für mehrere junge Menschen im Publikum wie den Aschendorfer Ferhat Asi, die fremdenfeindliche Stimmung geißeln und dazu raten, ihre Kräfte nicht mit Meckern zur vergeuden, sondern mit anzupacken.

In Aschendorf ist vorgesehen, dass dort sowohl die Polizei als auch ein medizinischer Dienst ständig vor Ort sind. Außerdem soll es einen ständigen Sicherheitsdienst mit 15 Einsatzkräften geben.

Als Flüchtlingsunterkunft hergerichtet wird die knapp 6000 Quadratmeter große frühere Konfektionshalle, eine angrenzende Halle, die rund 1000 Quadratmeter umfasst sowie ein etwa 1500 Quadratmeter großer Bürobereich. Sanitäre Anlagen werden in Container eingebaut, zusätzliche Elektroleitungen verlegt und Untersuchungszimmer eingerichtet. Das Gelände ist eingezäunt. (Weiterlesen: Große Herausforderung – ein Kommentar). jk

Die Hallen sind zunächst für ein Jahr angemietet – mit der Option auf eine Verlängerung. Die Kosten trägt das Land Niedersachsen. In dessen Auftrag werden in Aschendorf die bundesrechtlich vorgeschriebenen Gesundheitsuntersuchungen sowie die offiziellen Registrierungen der Flüchtlinge durchgeführt. Eine Außenstelle des Landes-Erstaufnahmelagers Bramsche bei Osnabrück wird Aschendorf aber nicht.

Die Kreisverwaltung begründet ihre Entscheidung für eine zentrale Notunterkunft damit, um Doppelstrukturen zu vermeiden. Das gelte sowohl für die Verpflegung als auch für die haupt- und ehrenamtlichen Helfer.

Nach insgesamt drei Amtshilfeersuchen des Landes Niedersachsen an den Landkreis war die Zahl der Erstaufnahmeplätze im Emsland im Oktober innerhalb von gut einer Woche auf 1000 gestiegen. Die Erstaufnahme von Flüchtlingen ist nicht zu verwechseln mit der quotalen Zuweisung an die Kommunen, die das Land Niedersachsen nach einem festgelegten Verteilungsschlüssel vornimmt.

Für die Erstaufnahme hatte die Kreisverwaltung zunächst die Sporthallen der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Meppen , die Turnhallen des Gymnasiums Georgianum in Lingen sowie die kreiseigene Turnhalle der BBS Lingen (kaufmännische Fachrichtungen) als Notunterkünfte hergerichtet.

In einem weiteren Schritt kam die Sporthalle der Schule am Schloss in Sögel hinzu. Dort trafen vor gut zwei Wochen über Meppen die ersten Flüchtlinge ein. Der Schulsport wurde in umliegende Hallen verlegt.

Auf dem seit der Insolvenz der größten ADO-Nachfolgefirma Deutsche Textilfabrik (DTF) im vergangenen Jahr liegt das frühere Produktionsgelände der Gardinenwerke größtenteils brach. Schon seit einigen Jahren nutzt die Firma Jansen Tore aus Surwold einen Teil der Hallen. In einem anderen Teil hat derweil einer der Söhne des Firmengründers Hubert Wulf einige Maschinen wieder ans Laufen gebracht. Mit einer kleinen Mannschaft aus langjährigen ADO-Mitarbeitern hatte Andreas Wulf damit begonnen, unter dem Firmennamen Lysander und mit einem eigenen Patent auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern bedruckte Fadengardinen zu produzieren.

Für weitere Infos hat der Landkreis eine Telefonhotline (05931/443500, 05931/ 443600) geschaltet. Per E-Mail sind Anfragen an hilfe@emsland.de möglich.


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