Zwölf Einzelschicksale Ausstellung in Esterwegen zur Willkür-Justiz der Nazis

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Die Ausstellung über die NS-Justiz eröffneten in Esterwegen (von links) Erster Kreisrat Martin Gerenkamp, Andrea Kaltofen, Maria Bögemann, Vera Holzschläger und Sebastian Weitkamp. Foto: Marion LammersDie Ausstellung über die NS-Justiz eröffneten in Esterwegen (von links) Erster Kreisrat Martin Gerenkamp, Andrea Kaltofen, Maria Bögemann, Vera Holzschläger und Sebastian Weitkamp. Foto: Marion Lammers

Esterwegen. „Abgeurteilt. Gefangene in der Strafanstalt Lingen und den Emslandlagern 1935–1945.“ Unter diesem Titel ist am Sonntag in der Gedenkstätte Esterwegen eine Ausstellung eröffnet worden, die an die Opfer politischer Justiz während der NS-Zeit erinnern soll.

Die Ausstellung von Studierenden der Universität Osnabrück entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung in Kooperation mit den Gedenkstätten Gestapo-Keller und Esterwegen. Unter der Leitung von Sebastian Weitkamp, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte, verfassten die Studierenden zwölf Biografien über Einzelschicksale von Menschen, die aus verschiedensten Gründen in die Mühlen der deutschen Wehrmachtsjustiz geraten waren. Ihre Strafe verbüßten sie in der Strafanstalt Lingen oder in den emsländischen Lagern. Nicht alle überlebten die Haft.

Kreisarchäologin Andrea Kaltofen betonte die Wichtigkeit des biografischen Ansatzes, der die ganze Tragweite für die Betroffenen bei vergleichsweise kleinen Vergehen verdeutliche. „Zudem ist uns auch der regionale Ansatz wichtig, da dies hier in den Lagern quasi vor unserer Haustür geschehen ist“, so Kaltofen.

In seiner Einführung informierte Weitkamp über Unrecht und Willkür der damaligen NS-Justiz. Mit der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ seien wesentliche Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt worden. Die Privatsphäre der Menschen, das Briefgeheimnis, Meinungs- und Versammlungsfreiheit seien weitestgehend aufgehoben, der Justizvollzug ein Mittel zum Machterhalt geworden. „Der Grundsatz ,Vor dem Gesetz ist jeder gleich‘ hatte nun keine Bedeutung mehr“, so Weitkamp. „Die NS-Führung schuf durch diese Gesetze den legalen Rahmen, um die politische Opposition durch die Justiz ausschalten und auch andere ,Volksfeinde‘ aburteilen zu können. Neben kritischen Äußerungen und Widerstandhandlungen gegen das NS-Regime konnten nun auch unbedarfte Aussprüche mit harten Strafen geahndet werden.“

Das Material für die zwölf Biografien trugen die Studenten des Historischen Seminars zum größten Teil aus Strafakten zusammen, die im Niedersächsischen Landesarchiv in Osnabrück aufbewahrt werden.

Maria Bögemann aus Dersum stellte die Biografie des Papenburger Weinhändlers Ludwig Jungebloed vor. Er wurde aufgrund eines Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ zu einer dreimonatigen Haft in der Strafanstalt Lingen verurteilt. Er hatte sich in einer Wirtschaft gegenüber einem Freund abfällig über die Polizei und den damaligen Papenburger Bürgermeister geäußert.

Vera Holzschläger aus Sustrum berichtete über den Schlosser Heinrich Meyer, der damals der kommunistischen Partei KPD angehörte. Durch die dünnen Wände des Hauses hatte ein Nachbar ein Gespräch Meyers mit seiner Frau belauscht und abfällige Bemerkungen über Hindenburg und Hitler gehört. Aufgrund der Anzeige des Nachbarn wurde Meyer zu einem Jahr Haft in der Strafanstalt Lingen verurteilt und auch nach Absitzen der Haft weiterhin von der Gestapo beobachtet.


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