Erinnerungen an die Kampftage Josef Brokamp hat Kriegsende in Aschendorf dokumentiert


Aschendorf. Ende April 1945 besetzten alliierte Truppen Aschendorf. Der ehemalige Direktor der Landwirtschaftsschule in Aschendorf, Dr. Josef Brokamp, hat die Ereignisse aus der Zeit – und auch der Besatzungszeit – niedergeschrieben.

Als die Außenstelle der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Aschendorf vor zehn Jahren an ihren jetzigen Standort an der Großen Straße zog, fiel Karl Uhlenberg, Leiter der Außenstelle, ein Schriftstück in die Hand. „Es lag im Archiv auf einem Stapel“, so Uhlenberg. Es trägt den Titel „Erinnerungen an die Kampftage und die erste Besatzungszeit in Aschendorf“.

Verfasst wurde das Schriftstück von Dr. Josef Brokamp. Der seit 1925 in Aschendorf an der Landwirtschaftsschule und in der Wirtschaftsberatung tätige Mann hat in seinen Tagebüchern die Kriegszeit dokumentiert.

Sein Sohn, Josef Brokamp, der heute in Kluse lebt, hat all diese Schriften aufbewahrt. Auch erinnert sich der 84-Jährige selbst noch gut an das Kriegsende. „Unser Vater hatte die Familie im April 1945 in den Tunxdorfer Bergen versteckt“, sagt Brokamp. Eines Tages sei auch er, als Neunjähriger, in einen Bombenangriff geraten. „Nur mit sehr viel Glück habe ich überlebt.“ Denn er war in dem Moment, als die Brandbomben fielen, in ein Loch im Waldboden gefallen. „So konnte ich nach dem Angriff unverletzt wieder aus diesem Loch klettern“, erinnert sich Brokamp.

Sein Vater habe bei einem anderen Angriff durch einen Bombensplitter ein Glied des Zeigefingers der rechten Hand verloren. Während der Behandlung starb im selben Zimmer ein in den Borsumer Bergen schwer verletzter Fallschirmjäger. Brokamp schreibt in seinem Tagebuch: „Ja, der Krieg ist grausam.“ Nach vier Tagen Beschuss wurde Aschendorf am 20. April eingenommen. Zuvor waren bei den Kämpfen auch viele Zivilisten gestorben, wie Brokamp in seinen Aufzeichnungen vermerkte. Immer wieder habe man in Kellern Schutz suchen müssen. Einer der letzten Einträge im Kriegstagebuch Brokamps lautet: „Damit war für Aschendorf die totale Herrschaft der NSDAP zu Ende.“

Doch mit dem Ende des Nazi-Regimes begann die Zeit der Besatzung, über die Brokamp auch viel geschrieben hat. Als Leiter der Wirtschaftsberatungsstelle war Brokamp mit dafür verantwortlich, dass es genügend Lebensmittel für die Bevölkerung – und besonders für die befreiten Häftlinge aus den Lagern – gab. Brokamp notierte: „Ich wurde nach Meppen beordert, wo mir eröffnet wurde, dass der Kreis Aschendorf-Hümmling von jetzt an täglich 210 Zentner (Ztr.) Kartoffeln, 90 Ztr. Brot, 60 Ztr. frisches Gemüse, wöchentlich 50 Stück Großvieh und 14-täglich 20000 Eier aufbringen müsse.“ Auch der damals neunjährige Josef Brokamp erinnert sich noch gut an diese Zeit. „Eines Tages kamen Soldaten mit einem Jeep auf unseren Hof gefahren und nahmen meinen Vater mit. Ich habe gedacht, ich sehe ihn nie wieder“, sagt Brokamp. Der Vater war abgeholt worden, da die verlangte Menge an Gemüse nicht abgeliefert wurde. Er habe, so schreibt Dr. Brokamp, den Verantwortlichen erklärt, dass die erzeugte Menge an Gemüse in der letzten Maihälfte vom Klima abhängig sei. Mit dieser Erklärung wurde er entlassen und konnte zurück nach Hause – sehr zur Freude seiner Frau und der fünf Kinder. „Das Misstrauen auf der anderen Seite war groß, in jedem Deutschen wurde ein Saboteur erblickt“, schreibt Brokamp.

Dennoch berichtet er auch über die Zusammenarbeit und Hilfestellungen der Alliierten. So kam es linksseitig der Ems in Rhede vom „holländischen Mob“ zu Diebstählen von Tieren. „Es wurden etwa 1000 Stück Rindvieh und 300 Pferde zusammengetrieben, um sie über die Grenze zu bringen“, schreibt Brokamp. Durch die Militärpolizei der Alliierten konnte ein Teil der Tiere gerettet werden. Zudem wurde eine Sperrzone eingerichtet.

Abschließend, so berichtet Dr. Brokamp, der nach Aussage seines Sohnes ein sehr gläubiger Mensch war: „Vor Krieg, Hungersnot und Parteien mit Totalitätsansprüchen bewahre uns, o Herr.“


Dr. Heinrich Josef Brokamp

Dr. Heinrich Josef Brokamp wurde am 29. November 1892 in Steinfeld (Landkreis Vechta) geboren. Im Jahr 1923 kam er als Direktor zur Landwirtschaftsschule nach Emden. Er heiratete 1925 seine Ehefrau Anni (geb. Breloh) und wurde am 1. November 1925 zur Landwirtschaftsschule nach Aschendorf versetzt. Dort leitete er die Landwirtschaftsschule und gründete die Wirtschaftsberatungsstelle. Mehr als 32 Jahre lang war er in Aschendorf tätig, bevor er 1957 in den Ruhestand ging. Bevor er 1925 den Direktorposten übernahm, wurde er zum Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Kreisvereins ernannt. Bis zur Machtübernahme durch Hitler 1933 diente er dieser Organisation. Die am 1. Januar 1934 vollendete Gleichschaltung der Organisation war nicht im Sinne Brokamps. Die Überzeugungen des Nationalsozialismus teilte er nach Aussagen seines Sohnes Josef Brokamp jr. nicht. Brokamp war bis 1933 Kreisvorstandsmitglied der Zentrumspartei, der dem „Bekenntnis“ Hitlers zur Rettung Deutschlands keinen Glauben schenkte. Brokamp starb am 11. August 1972, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Er war Träger des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse und Träger der goldenen Ehrennadel des Niedersächsischen Landvolkes.

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