Älteste Emsländerin Gertrud Kintz vollendet in Papenburg 104. Lebensjahr

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Papenburg. 1911. Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen erreicht vor seinem Rivalen Robert Falcon Scott als erster Mensch den Südpol, aus dem Pariser Louvre wird Leonardo da Vincis Mona Lisa gestohlen, in Belfast läuft die Titanic vom Stapel – und im pommerschen Cummin erblickt die kleine Gertrud als jüngstes von sechs Kindern das Licht der Welt. Heute ist Gertrud Kintz die älteste Emsländerin. An diesem Mittwoch vollendet sie im Papenburger Johannesstift ihr 104. Lebensjahr.

Die Altersjubilarin sitzt in einem Sessel in ihrem Zimmer des Alten- und Pflegeheims und winkt bescheiden ab. Sie möchte kein großes Aufheben um sich und ihre Lebensgeschichte machen. „Das will doch kein Mensch lesen“, sagt sie und lässt sich dann aber doch mithilfe ihres jüngsten Sohnes Wulfhard (70) breitschlagen.

Genau 70 Jahre ist es her, als Gertrud Kintz in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges unter dramatischen Umständen mit drei Kindern – das jüngste war seinerzeit sechs Monate alt und sitzt nun neben ihr – in einem Viehwaggon als Flüchtling ins Emsland kam. Ihr Mann fiel im Krieg. Gertrud Kintz hat viel mitgemacht – nicht nur wegen ihres hohen Alters. Aber der Reihe nach.

Der Vater von Gertrud Bloess, wie sie damals noch mit Nachnamen heißt, ist mit Leib und Seele Bäcker. Während der Erste Weltkrieg (1914–1918) tobt, lässt er sich nicht davon abhalten, russischen Kriegsgefangenen, die in Fabriken zwangsarbeiten müssen, Brot zuzustecken. Und wenn abends Männer in schweren Stiefeln in der nah gelegenen Gaststätte tanzen und sich betrinken, „haben wir Kinder zugeschaut“. Als sich der Krieg mit der militärischen Niederlage Deutschlands seinem Ende neigt, „mussten wir in der Schule das Bild von Kaiser Wilhelm II. abnehmen“.

Ihr Mann fällt im Krieg

Die damals siebenjährige Gertrud drückt noch gar nicht lange die Schulbank, als ihre Mutter stirbt. „Eine verschleppte Grippe“, erinnert sich die Altersjubilarin an die Ursache. Fortan schmeißt die älteste Schwester den Haushalt, die anderen Kinder helfen dem Vater in der Bäckerei. Nesthäkchen Gertrud darf nicht nur Brötchen und Schnecken mit Rosinen und Streuseln verzieren, sondern im Pferdewagen Brot in die umliegenden Badeorte ausliefern. „Unser Brot war sehr beliebt. Aber das Backen im Holzofen war gar nicht einfach.“

Als junges Mädchen geht Gertrud in ihrer Freizeit viel wandern, segeln und rudern. Beruflich verdingt sie sich als Köchin auf einem Gut. Ihren späteren Mann Robert, einen Ofensetzermeister, lernt sie „durch Zufall“ kennen – „auf irgendeinem Tanzvergnügen“. Die beiden sind nicht sofort ein Paar, sondern lernen sich erst einmal näher kennen. 1934 wird geheiratet. Und in den Jahren 1936, 1937 und 1938 bringt Gertrud Kintz jeweils ein Kind zur Welt. Ihr Mann verfolgt beruflich inzwischen andere Ziele. „Öfen gesetzt hat er nur seinem Vater zuliebe. Er wollte viel lieber zur Polizei.“ Und es scheint tatsächlich zu funktionieren. „Er hatte sich schon angemeldet.“ Im August 1939 aber, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, wird Robert Kintz von der Wehrmacht eingezogen. Zwar ist er als Soldat mehrfach auf Heimaturlaub, aber endgültig zurück kehrt er aus dem Krieg nicht. Robert Kintz fällt im Jahr 1944 auf dem Balkan – vier Tage nach der Geburt seines jüngsten Sohnes Wulfhard. Es ist der zweite große Verlust der Familie. Tochter Helga stirbt an einer Bauchfellvereiterung. Sie wird nur zweieinhalb Jahre alt.

Als die Rote Armee immer näher rückt, fliehen die Menschen aus Pommern gen Westen. Aber Gertrud Kintz will nicht gehen. Erst als das erste Artilleriegeschoss in ihrem Haus einschlägt, entschließt sie sich doch, mit ihren drei verbliebenen Kindern aufzubrechen. Buchstäblich auf dem Wagen des letzten Bauern erreichen sie den Bahnhof der Kleinstadt Gartz an der Oder und ergattern einen Platz in einem Viehwaggon. Dabei haben sie nur das Nötigste – „und einen Koffer voll Windeln für das Baby“. Wulfhard ist zu diesem Zeitpunkt sechs Monate alt.

Fünf Tage und Nächte dauert die Odyssee in den Westen. Sind feindliche Tiefflieger im Anflug, springen die Flüchtlinge aus dem Zug und kauern sich unter die Waggons. Bei jedem regulären Stopp an einem Bahnhof holt Gertrud Kintz schnell heißes Wasser, „um das Fläschchen für den Kleinen zu machen“. Ans Waschen der schmutzigen Windeln ist hingegen nicht zu denken. „Die habe ich aus dem Fenster geworfen.“

Auf Stroh geschlafen

Über Hamburg, Bremen und Oldenburg landet die Familie in Sedelsberg. Dort werden sie der Bauersfamilie Meemken aus Gehlenberg zugewiesen, die sie auch am Bahnhof abholt. „Das waren sehr nette Menschen. Wir wurden freundlich aufgenommen.“

Acht Wochen später geht es weiter nach Rastdorf, wo die Familie nach einer Nacht bei einem weiteren Bauern in einem ehemaligen Wehrertüchtigungslager unterkommt. Geschlafen wird in einer Holzbaracke aus Stroh, gekocht mit einem alten Bunkerofen und getrunken aus Tassen ohne Henkel.

Gertrud Kintz betont ausdrücklich, wie freundlich die Rastdorfer zu ihrer Familie gewesen seien. „Wir wurden überall mit offenen Armen empfangen. Dabei hatten die Leute damals doch selbst nicht viel.“ Eine Frau schenkt ihr einen Kochtopf, in dem sogar ein Stück Fleisch liegt.

Den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdient sie durch Feldarbeit auf den Bauernhöfen. „Mein erstes Fahrrad habe ich mir durchs Kartoffelsammeln verdient – für 45 Mark.“

Ihre beiden ältesten Kinder zieht es beruflich fort. Ihrem jüngsten Sohn folgt Kintz 1972 nach Aschendorf. Dort führt sie bis 2007 ihren eigenen Haushalt. Dann bezieht sie ein Zimmer im Johannesstift, in dem sie sich nach wie vor gut aufgehoben fühlt. Bis heute nimmt sie regelmäßig an Gymnastikangeboten und am Gedächtnistraining teil. Und wann immer das Wetter es zulässt, unternimmt sie mit ihrem Sohn Wulfhard täglich einen Spaziergang. Zum Geburtstag gratulieren unter anderem fünf Enkel und zehn Urenkel. „Und ein Ururenkelkind ist gerade unterwegs“, verrät Gertrud Kintz.

Und was ist das Geheimnis ihres gesegneten Alters? Die Dame zuckt mit den Schultern. „Ich war immer viel in Bewegung, an der frischen Luft, habe gearbeitet, solange ich konnte, und habe gerne getanzt. Bei meinem letzten Walzer war ich 90.“

Und wenn es schon kein Patentrezept gibt, so wäre da noch zumindest ein ehrgeiziges Ziel – auch wenn Gertrud Kintz es selbst nicht direkt zugibt: Eine ihrer Schwestern wurde 105. Die will sie übertrumpfen.


Gertrud Kintz ist seit 2014 die älteste Emsländerin. Der jüngsten Statistik der Kreisverwaltung zufolge lebte im vergangenen Jahr eine weitere Frau im Emsland, die ebenfalls das 103. Lebensjahr vollendet hat – allerdings einige Monate später als Kintz. Laut der Statistik wohnten 2014 im Emsland 33 Menschen, die 100 Jahre und älter sind. 15 Frauen und zwei Männer feierten im vergangenen Jahr ihren 100. Geburtstag und damit den Einzug in den „Hunderter-Klub“. Acht Frauen und ein Mann wurden 101 Jahre alt. Drei weitere Frauen und zwei Männer vollendeten ihr 102. Lebensjahr. Hinzu kommen weitere 472 Emsländer, die im vergangenen Jahr 90 und 91 Bürger, die 95 Jahre alt wurden.

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