Erfolgsautor der Ostfriesenkrimis Klaus-Peter Wolf: Ich wollte anders sein als mein Vater

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Papenburg. In Klaus-Peter Wolfs Leben verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität: Dicht an der Küste, in Norden, lebt der Krimiautor in derselben Straße wie Kommissarin Ann Kathrin Klaasen – die Hauptfigur in seinen bisher acht Ostfriesenkrimis. Der jüngste – „Ostfriesenfeuer“ – schaffte es aus dem Stand auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Bei Tee und Schokolade unterhalten wir uns über steinige Lebenswege, Kinderbücher und einen Bankraub.

Leuchttürme, Deiche und Klaus-Peter Wolf: Sie sind einer der besten Werbeträger für Ostfriesland geworden. Könnten Sie sich vorstellen, auch dem schwächelnden Harz mit einer Romanreihe unter die Arme zu greifen?

Meine Geschichten sind ja nicht starr auf die Region begrenzt. Sie beginnen entweder in Ostfriesland oder enden dort. Den Harz kann ich mir deshalb sehr gut vorstellen.

Aber ein Abschied von der Küste deutet sich nicht an?

Nein, nein. Das überhaupt nicht. Denn die eigentliche Polizeiinspektion in der Geschichte ist die Mordkommission in Aurich. Ich weite den Radius der Kommissarin Ann Kathrin Klaasen nur immer mehr aus. Der nächste Chef der Kripo in „Ostfriesenwut“ ist beispielsweise von Bremerhaven strafversetzt worden. Damit habe ich das Spielfeld sofort erweitert, denn in Bremen und Bremerhaven kennt der sich aus.

Was hat Sie selbst an die Nordsee verschlagen?

Für viele aus dem Ruhrgebiet ist das ein Sehnsuchtsort. Die fahren da in den Ferien immer wieder hin. Als ich ein kleiner Junge war, habe ich schlecht Luft gekriegt – wie viele im Ruhrgebiet. Man sagte, ich habe Asthma. In Wirklichkeit war die Luft einfach dreckig. Und als ich eineinhalb war, ist man das erste Mal mit mir nach Ostfriesland gefahren.

Nicht das letzte Mal.

Immer in schwierigen Situationen in meinem Leben bin ich an die Küste gefahren. Das Land wurde flacher, ich spürte den Wind und merkte, es ging mir körperlich und seelisch besser. Auch wenn ich einen Tatort geschrieben habe und im Drehbuch feststeckte, habe ich es gemacht. Wenn ich eine Arbeit beenden wollte oder einfach Urlaub machen wollte auch. Und irgendwann dachte ich: „Vielleicht gehörst du da einfach hin.“

Und Jahre später haben Sie gedacht: „Hier könnte gemordet werden.“

Ostfriesland ist als Schauplatz gut, weil es den Wechsel der Gezeiten hat – Ebbe und Flut, so ganz archaisch. Aber auch wenn die Touristen kommen, ist Flut. Und dann sind sie wieder weg. Diese Touristen kommen aus dem ganzen Land und bringen von dort auch ihre Probleme mit: So kann ich im Roman jede Region miterzählen. Wenn die Geschichte in Gelsenkirchen angesiedelt wäre, wäre es enger.

Aber es wäre Ihr Geburtsort, da kennen Sie sich aus. Könnten Sie darüber nicht besser schreiben?

Nein. Für viele ostfriesische Autoren könnte es beispielsweise ein Problem sein, dass sie dort geboren und groß geworden sind. Sie haben den Blick von innen nach innen. Der Rest der Welt hat aber den Blick von außen. Gleichzeitig muss man aber auch tief genug drinstecken. Auch meine Kommissarin kommt aus Gelsenkirchen und blickt von außen auf die Ostfriesen. Das heißt: Sie kann Dinge spannend und komisch finden, die für Ostfriesen ganz normal sind.

Davon haben Sie selbst einige entdeckt und im Roman verarbeitet.

Je näher Besucher den Dingen in Norden kommen, desto eher merken sie, dass alles wahr ist, was in den Büchern steht. Wenn man im Café ten Cate ist, gibt es da auch den Marzipanseehund, den einer der Charaktere immer isst, wenn er es am Magen hat. Wenn der Seehund nicht besonders wäre, würde ich das auch nicht erzählen. Dann hätte der Charakter in der gleichen Situation einfach die Leberwurstbrote seiner Frau gegessen. In der globalisierten Welt suche ich das Einzigartige, und das stiftet Identität.

Gelegentlich finden Sie dabei auch Charaktere für Ihr Buch. Der Handwerker Peter Grendel ist ja Ihr Nachbar. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Fiktion und Realität?

Wenn Leute bei mir sind, können Sie sicher sein, dass sie nicht auf einmal im Roman auftauchen. Ich würde sie vorher fragen. Am Anfang war es so, dass ich den Personen immer das Kapitel gezeigt habe. Hätten sie damit nicht leben können, hätte ich es nicht verändert oder umgeschrieben. Ich lasse mir ja nicht ins Buch quatschen. Aber die Person hätte einen anderen Namen und ein anderes Aussehen bekommen.

Und wie war die Resonanz?

Alle fanden es klasse. Und jetzt wollen sie es vorher gar nicht mehr lesen: „Klaus-Peter, das ist viel spannender, wenn das Buch fertig ist. Dann lese ich, was ich wieder erlebt habe.“ Das ist ja auch wirklich spannender (lacht). Sie schenken mir tiefes Vertrauen. Es ist übrigens nie der Täter echt. Auch das Verbrechen und das Opfer sind erfunden.

Woran erkennt denn ein Außensteher, ob Sie gerade eine Romanfigur oder Klaus-Peter Wolf sind?

Also, meine Frau kriegt das sofort mit, und ich glaube meine Freunde auch. Denn es verändert sich alles. Das zeigt sich dann auch in der Art, wie ich gehe und mich bewege. Wenn ich als Täter durch die Stadt gehe, erlebe ich sie anders. Als Klaus-Peter Wolf sehe ich die Eisdiele mit dem leckeren Kokoseis und die Sparkasse, in der die nette Frau arbeitet. Oder ich suche einen Parkplatz. Wenn ich als Täter den gleichen Weg gehe, dann suche ich keinen Parkplatz. Dann suche ich einen Fluchtweg. Ich weiß: Diese Sparkassenfiliale wird keiner überfallen. Denn der einzige Fluchtweg führt an der Polizeiinspektion vorbei. Bei einem Überfall liefen mir ja die Polizisten entgegen. Die Leser sehen die Welt immer aus einer anderen Perspektive. Das macht, glaube ich, auch den Reiz der Bücher aus.

Zusätzlich spielen Sie mit den Charakteren.

Die Menschen binden sich an Figuren. Und jeder braucht und mag eine andere. Aber die Gruppendynamik verändert sich. Viele Leser wollten beispielsweise, dass Ann Kathrin Klaasen Chefin der Polizeidirektion wird. Das geht aber nicht, denn dann würde ich Druck aus der Situation nehmen. Hat sie keinen mehr, vor dem sie sich rechtfertigen muss, nimmt das die Spannung. Und deshalb mache ich das nicht.

Ohne Druck mögen Sie Ihr eigenes Leben auch nicht so gerne, oder?

Ich bin nie die Hauptstraße gefahren, sondern habe mich eher abseits durch den Busch geschlagen. Mein Vater hat gesoffen, und ich hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihm. Ich hätte alles getan, um das Gegenteil von ihm zu werden. Also habe ich als junger Mann beispielsweise nie Alkohol getrunken. Ich wollte ihn außerdem auf die Palme bringen. Dafür hätte ich schwul werden können oder Kommunist. Schwul werden ging nicht. Aber ich konnte natürlich mit kommunistischen Ideen und Meinungen auftreten. Ich war Teil einer Protestbewegung, die erst mal alles infrage stellte. Das hat mich schon geprägt.

Und später?

Ich habe ganz früh einen Verlag geleitet, der insolvent wurde. Da war ich ungefähr 26 und hatte 2,7 Millionen Mark Schulden. Das haben viele mit 30 noch nicht geschafft (lacht). Da habe ich stark an mir gezweifelt. Plötzlich hat man auch nicht mehr so viele Freunde. Allerdings: Diejenigen, die man dann noch hat, bleiben auch fürs Leben.

Wie hat Sie die Zeit als Autor beeinflusst?

Sie hat mich geformt. Ich kann heute spannende Figuren erzählen, die sich gegen alles entwickeln. Der Konkurs ist im Nachhinein eine wichtige Erfahrung, weil ich nun Menschen am Rande des Abgrunds erzählen kann – kurz bevor sie reinfallen. Ich kann beschreiben, was einer in solchen Fällen bereit ist zu tun. Ich glaube, ich musste viele Niederlagen erleben, um so etwas schreiben zu können.

Dazu passt, dass Ihr erstes Buch, geschrieben mit 17, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zerrissen wurde.

Die haben mich natürlich niedergemacht. Ich dachte: „Jetzt hast du es praktisch schriftlich, dass du ein Idiot bist.“ Das war schwer für mich. Heute denke ich: „Das muss man erst einmal schaffen, mit 17 die FAZ gegen sich aufzubringen.“

Ihre Krimis führten dann zum Erfolg. Woraus wächst Ihre Begeisterung für solche Geschichten?

Ich habe durch Kriminalromane immer mehr über die Gesellschaft gelernt als durch soziologische Fachliteratur. Im Kriminalroman gibt es ein Kaleidoskop von Figuren, deren Motive man verstehen muss. Man muss begreifen, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen. Durch einen Roman lernt man etwas über die Gesellschaft: die Gewinner darin, die Verlierer und über die, die glauben, sich nur noch verbessern zu können, wenn sie ein Verbrechen begehen.

Reicht das, um es für den Leser attraktiv zu machen?

Meine Romane sind immer eine Achterbahnfahrt. Ich nehme das Lachen als Fallhöhe für den Grusel und den Grusel als Fallhöhe für das Lachen. Früher fand ich Romane doof, die zwar gut geschrieben, aber immer düster waren. Und dann gibt es Kriminalromane, die versuchen witzig zu sein – aber nur. Ich glaube, wirklich lachen können wir nur, wenn das andere da ist. Die Leute haben ihren Spaß in einem Umfeld von Grusel.


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