Nicht immer wird Arznei verlangt Papenburg: Mit einer Apothekerin im Nachtdienst

Von Gerd Schade


Papenburg. Dezent durchbricht das warme Rot der Leuchtreklame der Löwen-Apotheke in Papenburg die Dunkelheit. Nur hin und wieder rauscht ein Auto vorbei. Es ist Abend. Die meisten Geschäfte am Obenende haben geschlossen. In der Apotheke aber brennt noch Licht. Sie hat den Notdienst in der anstehenden Nacht.

Genauer gesagt ist es Apothekerin Anne-Catrin Jahn, die den Sonderdienst übernommen hat, der nach einem ausgeklügelten System unter den Apotheken zwischen Dörpen, Rhede, Surwold, Weener und Ostrhauderfehn geregelt ist. Damit nicht alle rund um die Uhr geöffnet sein müssen, die Menschen sich aber trotzdem mit Medikamenten versorgen können.

Jahns Schicht beginnt ruhig. Die 37-Jährige sitzt an einem Schreibtisch in einem Zimmer leicht versetzt hinter dem Verkaufsraum und widmet sich Papierkram. Dingen, die tagsüber liegen geblieben sind. „Manche Sachen will man einfach vom Tisch haben“, sagt Jahn. Die Apothekerin nutzt die Gelegenheit. Ist das erledigt und keine Kundschaft da, greift die Apothekerin je nach Zeit, Lust und Laune zu Fachliteratur, Strickzeug oder i-Pad.

Bett, TV und Radio

Der erste Kunde schneit um 18.57 Uhr durch die noch offene Ladentür herein. Der Osteuropäer verlangt nach einem verschreibungspflichtigen Schmerzmittel, spricht aber nur Englisch. Die Verständigung klappt trotzdem. Ein Rezept vom Arzt hat der Herr allerdings nicht dabei. Da kann Jahn nichts machen. Der Mann zieht ohne Medikamente wieder ab.

Die Apothekerin kehrt an den Schreibtisch zurück. Die Lüftung des Computers rauscht leise, in der Teeküche nebenan klickt der Sekundenzeiger einer Wanduhr. Ansonsten ist es still. Jahn tippt Daten in den Laptop. Die Medikamentenausgabe muss genau dokumentiert werden. Dabei hat die gebürtige Surwolderin bereits einen vollen Arbeitstag hinter sich. Seit kurz vor 8 Uhr ist sie in der Apotheke. Und wird es auch nach der Nachtschicht bis Geschäftsschluss am folgenden Tag bleiben. Verpflegung holt sie sich vom Bäcker nebenan, aus einem Imbiss oder bringt sich etwas von zu Hause mit.

Und wann geht die Apothekerin schlafen? „Meistens wage ich es, gegen 23 Uhr ins Bett zu gehen“, sagt Jahn. „Manchmal ist man gerade eingeschlafen, und es klingelt.“ Dass sie alle ein bis zwei Stunden aus dem Bett geholt werde, sei aber selten. Genauso komme es vor, dass sie ungestört durchschlafen kann, weil Telefon und Nachtglocke stundenlang stumm bleiben. Den Nachtdienstlern in der Löwen-Apotheke stehen im Obergeschoss ein Zimmer mit Bett, Fernseher, Radio und Dusche zur Verfügung. „Meistens kriegt man seinen Schlaf“, sagt Jahn.

Und wenn sie doch aus ihren Träumen gerissen wird? „Spätestens, wenn ich unten ankomme, bin ich wach“, meint die Apothekerin und schmunzelt. Dabei handelt es sich nicht bei jedem Anruf oder Klingeln am Nachtschalter um einen Notfall. So komme es durchaus vor, dass Anrufer sich lediglich vergewissern wollen, ob die Apotheke, bei der sie gerade anrufen, auch tatsächlich Notdienst hat – sozusagen nur für den Fall, dass sie etwas bräuchten oder aber um anzukündigen, dass sie dann gleich vorbeikämen.

Die Pille danach

Wer außerhalb der regulären Öffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen oder zwischen 20 Uhr und 6 Uhr etwas aus der Apotheke braucht, muss 2,50 Euro Zuschlag zahlen – unabhängig von der Anzahl der Rezepte oder gekauften Medikamente. Krankenkassen erstatten die Notdienstgebühr, wenn der Arzt die Dringlichkeit („noctu“) auf dem Rezept vermerkt hat und es direkt in der Apotheke eingelöst wird.

Und doch schmeckt der Zuschlag nicht jedem Kunden. Vorwürfe wie „Ihr verdient doch sowieso schon genug“, müsse sie sich gelegentlich gefallen lassen, sagt Jahn. „Da hilft nur nicken und lächeln – und die Faust in der Tasche ballen.“ Ebenfalls nicht immer auf Verständnis stoße, dass der Medikamenten-Kundenfahrdienst der Apotheke kein Not- und Nacht-Fahrdienst ist. Im Gegensatz zu den Nörglern seien viele Kunden aber einfach nur äußerst dankbar. „Das macht Spaß und baut einen wieder auf.“

Denen, die den Notdienst in Anspruch nehmen, geht es aber nicht immer um Medikamente. „Manche wollen nur einen Arzneitee oder ein paar Bonbons“, berichtet Jahn. Andere wollen auf den letzten Drücker Weihnachtsgeschenke wie Badesalz, Duschgel, Körpercremes oder andere Kosmetikartikel aus der Notdienst-Apotheke. „Das ist tatsächlich schon passiert“, sagt Anne-Catrin Jahn – nicht selten verbunden mit der Bitte, die Ware als Geschenk zu verpacken.

Die Klassiker der Arzneien, die außerhalb der regulären Geschäftszeiten verlangt werden, sind Erkältungsmedikamente, Kopfschmerztabletten, Nasentropfen, Antibiotika und Schmerzsaft für Kinder. Rund um Weihnachten und Silvester seien vor allem Mittel gegen Magen-Darm-Erkrankungen gefragt, sagt Jahn. Und ein Renner am Maifeiertag sei die „Pidana“ – die Pille danach, ein verschreibungspflichtiges Medikament.

Als die Tür sich an diesem Abend zum zweiten Mal öffnet, ist es bereits 20.25 Uhr. Eine jüngere Dame braucht für ihren Lebensgefährten Zäpfchen gegen Übelkeit und Erbrechen. Sie hatte sich zuvor telefonisch bei der ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis schlau gemacht. Wenn oben nichts drin bleibt, die richtige Alternative, erklärt auch Jahn und wünscht der Dame nach freundlicher Beratung trotzdem einen schönen Abend. Unmittelbar danach erscheint eine ältere Frau mit einem frischen Rezept. Jahn versorgt sie mit einem Antibiotikum und einem Bronchien erweiternden Spray zum Inhalieren – verbunden mit ein paar Tipps zur Anwendung. Kurz darauf verrammelt die Apothekerin die Ladentür. Wer jetzt etwas braucht, muss an der Nachtglocke läuten.

Doch als Nächstes klingelt das Telefon. „Guten Abend, Ihre Löwen-Apotheke. Sie sprechen mit Anne Jahn. Was kann ich für Sie tun?“, meldet sich die 37-Jährige freundlich. Am anderen Ende der Leitung fragt eine Mutter nach der Dosierungsanleitung für den Fiebersaft ihres Kindes. Jahn vermutet, dass die Frau die Packungsbeilage verlegt oder versehentlich entsorgt hat. Beim nächsten Anruf 20 Minuten später erkundigt sich eine junge Frau nach Tabletten gegen Migräne. „Aber klar. Die haben wir da“, antwortet Jahn. Zehn Minuten später reicht die Apothekerin die gewünschten Tabletten durch den Nachtschalter nach draußen. Inzwischen ist es 21.30 Uhr. Vor dem Fenster der Teeküche rollt ein Transporter vom Großhandel an. Er liefert jede Nacht Medikamentennachschub an. Damit hat Jahn jedoch in der Regel nichts zu tun. Der Fahrer stellt seine Lieferung in einer Schleuse ab.

Um 22.07 Uhr wird es wieder international. Ein französisch sprechender Schwede möchte ein Schlafmittel und ein Medikament zur Muskelentspannung für seine Frau. Aber leider hat auch der Skandinavier kein ärztliches Rezept dabei. Angst vor Bedrohungen durch ungebetenen nächtlichen Besuch hat die Apothekerin übrigens nicht. Für den Fall der Fälle, der bislang aber nicht eingetreten ist, gibt es einen Alarmknopf – der direkte Draht zur Polizei.

Gegen 23 Uhr bittet ein Mann mittleren Alters um ein Mittel gegen Grippe. Er ist der letzte Kunde für diese Nacht. Anne-Catrin Jahn hat bis zum Weckerklingeln am nächsten Morgen um 6.45 Uhr Ruhe. „Glück gehabt“, sagt sie, bevor sie ihren Tagdienst antritt.


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