Nach Diskussion um „Eimermenschen“ Beratung soll ausländischen Arbeitern in Sögel helfen


Sögel. Die Diskussionen um die teils schlimmen Lebensbedingungen für osteuropäische Arbeiter in Niedersachsen zeigen Wirkung: Am Freitag ist eine erste Beratungsstelle im emsländischen Sögel eröffnet worden. Im November folgt eine Einrichtung in Vechta.

Sie sind neu im Land, kennen oft weder Sprache noch Bräuche und finden nur schwer Anschluss zu der Gesellschaft, in deren Mitte sie leben: ausländische Werkvertragsarbeiter. Doch zumindest in Sögel will man daran etwas ändern.

In einem laut den Initiatoren deutschlandweit einmaligen Projekt wurde hier nun eine Anlaufstelle geschaffen, an die sich die ausländischen Arbeiter mit ihren Sorgen und Nöten wenden können. Mit der Eröffnung des neuen „Kolping-Europabüros für ausländische Arbeitnehmer“ soll ihnen geholfen werden, Halt in der ihnen fremden Gesellschaft zu finden. Am Freitag wurde die Einrichtung feierlich eingeweiht. Ab dem 11. November ist das Büro dann offen für alle diejenigen, die Rat und Beistand in der neuen Heimat suchen.

In Sögel sind das nicht wenige, wie Hans-Hermann Hunfeld vom Kolping-Bildungswerk, dass das Büro betreibt, deutlich machte. „Durch die innerhalb kürzester Zeit gestiegene Beschäftigungsnachfrage hier in Sögel sind knapp 1000 Arbeitnehmer nach Sögel gekommen. Diese Arbeitnehmer stammen zu großen Teilen aus Rumänien, Ungarn und Polen. Sie können sich vorstellen, vor welcher Situation eine solche Gemeinde steht.“

Sögels Samtgemeinde-Bürgermeister Günter Wigbers verwies auf die bereits erreichten Erfolge des 2011 eingeschlagenen „Sögeler Weges“ , etwa der Zertifizierung von Wohnungen, einer Mindestlohnvereinbarung sowie Regelungen bezüglich des Arbeitnehmerschutzes. Wigbers, auf dessen Betreiben das Kolping-Europabüro als „neutrale“ Beratungsstelle geschaffen wurde, betonte aber, dass „das Ermöglichen gesellschaftlicher Teilhabe“ – etwa der Zugang zu Kirchen und Vereinen, zu Freizeitmöglichkeiten sowie der Hilfe bei der Wohn- und Arbeitssituation – nicht der einzige Zweck des Büros sei. Es habe zudem eine „Kontrollfunktion“: Die hier gemeldeten Missstände könnten so erkannt und mit Sanktionen geahndet werden. „Unternehmen, die sich nicht an die Vereinbarungen halten, haben keinen Platz in Sögel“, sagte Wigbers. In enger Absprache mit dem „runden Tisch“ in der Gemeinde, an dem Kommunalpolitik und Unternehmen zusammenwirken, soll so eine kontinuierliche Verbesserung der Lebenssituation ausländischen Arbeiter erreicht werden.

Doch die Hauptaufgabe bleibt die Betreuung der Arbeitnehmer, insbesondere in Hinsicht auf auf Probleme wie Obdachlosigkeit, fehlenden Krankenversicherungsschutz, Probleme bei Schwangerschaften, psychische Probleme oder Suchtgefährdung. Dafür verantwortlich sein wird Magdalena Kazmerne Tordai. Die 30-jährige Frau eines ehemaligen Werkvertragsarbeiters spricht Rumänisch und Ungarisch und kümmert sich zusammen mit Helene Kurka und Anna Nike vom Kolping-Jugendmigrationsdienst fortan um das Europabüro. Kazmerne Tordais Gehalt wie auch die laufenden Kosten werden von den Werkvertragsunternehmen selbst getragen: Pro Arbeiter zahlen sie monatlich fünf Euro.

Die Entstehung des Kolping-Europabüros ist einer von mehreren Folgen aus der Diskussion um die sogenannten „Eimermenschen“, wie die Schlachthof-Mitarbeiter in Sögel abfällig benannt wurden. Vor einem Jahr berichtete unsere Zeitung über die Lebensumstände einiger ausländischer Schlachter in der Samtgemeinde Sögel. Das Thema machte Schlagzeilen, beschäftigte nicht zuletzt den Landtag in Hannover. Seitdem hat sich viel getan, unter anderem war ein Verhaltenskodex und ein Mindestlohn eingeführt worden.

Im Sommer war die Diskussion um die Lebensbedingungen von Werkvertragsarbeitern erneut ausgebrochen, nachdem bei einem Brand in Papenburg , zwei rumänische Werkvertragsarbeiter der Meyer Werft in ihrer Unterkunft ums Leben kamen.


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