Sechs Monate auf Bewährung Firmenchefs von Hero-Glas verurteilt

<em>Für den tödlichen Arbeitsunfall eines Auszubildenden</em> bei Hero-Glas sind nach Auffassung des Landgerichts Osnabrück die beiden Firmenchefs sowie drei weitere Führungskräfte des Unternehmens verantwortlich. Foto: Dirk HellmersFür den tödlichen Arbeitsunfall eines Auszubildenden bei Hero-Glas sind nach Auffassung des Landgerichts Osnabrück die beiden Firmenchefs sowie drei weitere Führungskräfte des Unternehmens verantwortlich. Foto: Dirk Hellmers

Osnabrück. Im Strafprozess um den tödlichen Arbeitsunfall eines Lehrlings beim Unternehmen Hero-Glas im emsländischen Dersum hat das Landgericht Osnabrück am Freitag die beiden Firmenchefs zu jeweils sechs Monaten Haft und einer Geldauflage in Höhe von 100000 Euro verurteilt. Das Gericht befand die beiden Brüder im Alter von 57 und 66 Jahren der fahrlässigen Tötung für schuldig. Die Haftstrafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Gegen einen dritten Geschäftsführer verhängte die 10. Große Strafkammer wegen eines Verstoßes gegen § 130 des Ordnungswidrigkeitengesetzes ein Bußgeld von 10000 Euro, weil er seine Aufsichtspflicht als Mitinhaber des Betriebs verletzt habe. Der 56-Jährige wurde aber im Gegensatz zu den Firmenchefs sowie einem mitangeklagten Produktionsleiter und dem Chef der Instandhaltungsabteilung nicht wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Erfasst und zerquetscht

Gegen den 39-jährigen Instandhalter wurden 3600 Euro Geldstrafe verhängt. Er hatte nach Auffassung des Gerichts die Lichtschranke an dem computergesteuerten Glasschleifautomaten ausgebaut, die den 19-jährigen Auszubildenden aus Lingen am 22. Juli 2010 beim Arbeiten an Kopf und Schultern erfasste und zerquetschte. Eine intakte Sicherheitsvorrichtung hätte den Unfall nach Auffassung des Gerichts „mit Sicherheit“ verhindert. Der Azubi war ohne Aufsicht an der Anlage tätig.

Das Verhängen einer Geldstrafe gegen den Produktionsleiter behielt sich die Kammer vor. Der 34-Jährige war dem Gericht zufolge für die Einteilung des Auszubildenden verantwortlich, trägt aber aus Sicht der Kammer die geringste Schuld. Und doch habe er ebenso wie alle anderen Angeklagten aus dem Unternehmen von dem sicherheitswidrigen Zustand der Maschine gewusst. Das aber hatten alle fünf Beschuldigten in dem Verfahren durchgehend bestritten.

Ein Mitarbeiter des Gewerbeaufsichtsamtes Emden muss wegen verursachter Strafvereitelung 9000 Euro Geldstrafe zahlen. Er hatte dem Gericht zufolge beim Aufarbeiten des Unfallhergangs falsche Angaben gegenüber der Polizei und der Berufsgenossenschaft gemacht und so versucht, den sicherheitswidrigen Zustand der Maschine zu vertuschen.

Wie der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung ausführte, hat sich die Beweisaufnahme, in deren Verlauf mehr als 20 Zeugen gehört worden waren, als ausgesprochen schwierig herausgestellt. „Die meisten Zeugen haben gemauert, zumindest soweit sie bei Hero-Glas beschäftigt waren“, sagte der Richter. Jeder der Angeklagten sei bemüht gewesen, die eigene Verantwortung von sich zu schieben. Die Versuche der Verteidigung bezeichnete er in diesem Zusammenhang als „feinsinnige juristische Spiegelfechtereien“. Dabei steht für die Kammer zweierlei fest: Die Maschine wurde aus Kostengründen bereits seit 2006 ohne die herstellerseits vorgesehene Lichtschranke betrieben. Zudem hätte der 19-Jährige bei intakter Sicherheitsvorrichtung nicht in die laufende Maschine geraten können.

Wahrheit nicht käuflich

Nichts anderes hat dem Gericht zufolge letztlich auch ein von den Angeklagten geordertes Gutachten ergeben. „Man kann sich mit Geld fast alles kaufen, aber nicht die Wahrheit“, so der Richter.

Den Firmenchefs bescheinigte die Kammer anders als es zum Teil die Staatsanwaltschaft bewertet hatte nicht nur ein Unterlassen, sondern eine aktive Beteiligung, denn: „Wer einen gefährlichen Betrieb eröffnet und Leute darauf loslässt, glänzt vor allem dadurch, dass sein Unternehmen sicher ist“. Die Eltern des Auszubildenden, die in dem Verfahren als Nebenkläger auftraten, hätten dem Betrieb ihren Sohn anvertraut. Der ältere der beiden Firmenchefs war laut Lehrvertrag offiziell der Ausbilder des 19-Jährigen.

Das Motiv für die demontierte Lichtschranke liegt für die Kammer auf der Hand: Jeder Nothalt während des Arbeitsprozesses mache die hochwertigen Werkstücke unbrauchbar. Deshalb sei es Usus gewesen, dass zumindest an der Unglücksmaschine ständig Handgriffe wie Schleifscheibenwechsel während des laufenden Betriebs durchgeführt wurden.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Revision ist innerhalb einer Woche möglich.

Die Verteidigerin eines der Firmenchefs zeigte sich mit dem Urteil „nicht einverstanden“ und kündigte an, Revision einzulegen – zumindest fristwahrend. Ob es am Ende tatsächlich angegriffen werde, hänge davon ab, wie die schriftliche Begründung des Urteils ausfalle. „Ein Großteil der Tatsachenfeststellungen entsrepchen nicht dem, was wir eigentlich in der Hauptverhandlung erfahren haben“, sagte die Anwältin.

Unternehmenssprecherin Silvia Vescio verlas vor laufenden Fernsehkameras eine Erklärung, wonach Hero-Glas „über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus“ diverse Maßnahmen in Sachen Arbeitssicherheit ergriffen habe. Über den Tod des jungen Mannes sei das Unternehmen nach wie vor tief betroffen. „Wir alle behalten ihn als geschätzten und beliebten Kollegen in unserer Erinnerung“, sagte Vescio.

Landgericht Osnabrück: Az. 10 KLs 16/13.


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