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Ausdockmanöver auf der Meyer Werft "Spectrum of the Seas" in Papenburg erstmals im Freien

Die "Spectrum of the Seas" am Dienstagmorgen im Werfthafen. Foto: Gerd SchadeDie "Spectrum of the Seas" am Dienstagmorgen im Werfthafen. Foto: Gerd Schade 

Papenburg. Auf der Meyer Werft ist am Montagabend vor mehreren Hundert Schaulustigen die „Spectrum of the Seas“ ausgedockt worden. Schlepper zogen das neueste Kreuzfahrtschiff der Papenburger Werft aus der überdachten Baudockhalle in den Werfthafen. Dort gehen die Arbeiten auf dem Ozeanriesen weiter.

Die Zuschauer werden bei klarer, frostiger Luft auf eine Geduldsprobe gestellt. Gegen 20 Uhr sollte das Ausdocken losgehen. Doch zunächst tut sich augenscheinlich wenig. Zwar bringen sich alsbald Schlepper in Position und ziehen die Überbrückung zum Werfthafen beiseite. Aber dann passiert weiter erst einmal nichts. 

Die Zuschauer zücken ihre Smartphones, um Fotos vom neuen Kreuzfahrtschiff zu machen, das noch in der Baudockhalle ausharrt. Andere laben sich an Pommes und Würstchen, die an einer Imbissbude angeboten werden. In einem Container mit der Aufschrift "Gästelotse" gibt es Souvenirs zu kaufen.

Foto: Gerd Schade

Als die winterliche Kälte den Wartenden von den Füßen aus in den Körper steigt, zeigt sich, dass sich einige von den frühlingshaften Tagestemperaturen haben blenden lassen. Sie sind für das spätabendliche Schauspiel nicht passend angezogen. Andere wiederum hüllen sich in mitgebrachte Decken oder laben sich an Heißgetränken, die sie in einen Picknickkorb gepackt hatten. Kinder nörgeln. Sie frieren und langweilen sich. Erwachsene, die nicht durchgefroren abwandern, reagieren gelassener. "Alles noch im Zeitrahmen", sagt einer. Ein anderer murmelt Umstehenden zu: "Wenn wir ein Bier trinken gehen, schauen wir auch nicht auf die Uhr. Aber so langsam könnte es wirklich losgehen."

Um 21.22 Uhr schließlich setzt sich die "Spectrum" ganz langsam in Bewegung. Von einem kleinen Schlepper gezogen, strebt der annähernd 350 Meter lange Koloss im Rückwärtsgang Zentimeter für Zentimeter im Zeitlupentempo aus der Werfthalle. Eine gute halbe Stunde später liegt das Schiff in voller Länge im Werfthafen, und die Schaulustigen machten sich auf den Weg nach Hause. Später wird der Ozeanriese an die Ausrüstungspier manövriert.

Foto: Gerd Schade

Dort erhält die "Spectrum" ihre Schornsteinverkleidung, die schon im Werfthafen bereit liegt. Außerdem soll eine gläserne Aussichtsgondel montiert werden. Für Mitte März ist die Emsüberführung in Richtung Nordsee geplant. Bis dahin wird das für die US-amerikanische Reederei Royal Caribbean International (RCI) gebaute Kreuzfahrtschiff vor allem für den Innenausbau und Erprobungen im Werfhafen liegen. Meyer will in diesem Jahr drei statt wie zuletzt „nur“ zwei Kreuzfahrtschiffe abliefern. Die „Spectrum“ macht den Anfang.

Foto: Gerd Schade

Schwimmteil muss Platz machen

Für das Ausdockmanöver musste zunächst das am Ausrüstungskai liegende Schwimmteil der „Norwegian Encore“ Platz machen. Es gehört zu dem nächsten Luxusliner, den die Papenburger Schiffbauer fertigstellen – und zwar voraussichtlich bis zum Herbst 2019. Nach dem Ausdocken der „Spectrum of the Seas“ wird das Schwimmteil, bei dem es sich um das Maschinenraummodul der "Norwegian Encore" handelt, in das frei gewordene Baudock II manövriert.

Foto: Gerd Schade

Aber auch an Bord der „Spectrum” bleibt bis zur Übergabe an die Reederei noch allerhand zu tun. Nach Angaben der Werft sind derzeit täglich etwa 2200 Menschen auf dem Luxusliner beschäftigt. Dabei geht es vor allem um den weiteren Innenausbau sowie die Fertigstellung der wetterempfindlichen Bereiche auf dem Oberdeck. Außerdem ist der Außenanstrich an dem Ozeanriesen noch nicht überall fertig.

Platz für 4184 Passagiere

Die „Spectrum of the Seas“ ist 347 Meter lang, 41 Meter breit und wird nach Angaben der Werft exakt 4184 Passagieren Platz bieten. Das Schiff zählt 18 Decks, ist für den asiatischen Markt konzipiert und soll in diesem Jahr in erster Linie für Kurz-Kreuzfahrten zwischen China und Japan eingesetzt werden. Von Schanghai aus soll ab Juni 2019 die erste Saison starten.

Zu den Besonderheiten an Bord wird nicht nur eine Bar gehören, an der Roboter die Getränke mixen. Bislang einzigartig ist den Schiffbauern zufolge ein sogenannter „Bungee-Dome“. Mit Spezialbrillen können die Passagiere auf großen Trampolinen in eine virtuelle Realität eintauchen oder per Simulator Fallschirmspringen. Wie auf zwei ebenfalls auf der Meyer Werft gebauten Schwesterschiffen gibt es auf dem Oberdeck außer der Aussichtsgondel („North Star“) einen Surf-Simulator.

Was bedeutet Smart-Ship?

Nach Angaben der Werft gehört die „Spectrum of the Seas“ zur Kategorie der sogenannten Smart-Ships. Das bedeutet, dass sie den Passagieren unter anderem hohe Internetgeschwindigkeiten wie an Land, Gepäck-Tracking in Echtzeit und Boardingzeiten von lediglich zehn Minuten bieten.

Foto: Gerd Schade

Anders als die zuletzt von den Papenburger Schiffbauern abgelieferte „AIDAnova“, dem weltweit ersten mit Flüssiggas angetriebenen Kreuzfahrtschiff, kommt die „Spectrum“ aber herkömmlich mit Marinediesel und Schweröl daher. Werftangaben zufolge wurde auf dem Schiff jedoch ein sogenannter Scrubber zur Reinigung der Abgase eingebaut. Zudem sei der Gesamtenergieverbrauch der Ozeanriesen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, heißt es.

Rückwärts über die Ems

Nach ihrer Emspassage, die das Schiff wie seine Vorgänger rückwärts antreten wird, wird die „Spectrum of the Seas“ voraussichtlich für einige Tage im niederländischen Eemshaven anlegen. Von Bremerhaven aus soll sie dann zu mehreren Testfahrten aufbrechen.

Die "Spectrum of the Seas". Foto: Michael Wessels/Meyer Werft

Die Übergabe an die Reederei ist für Mitte April vorgesehen. Im Gegensatz zur „AIDAnova“, die erst mit mehrwöchiger Verspätung übergeben werden konnte, liegt die Werft bei der „Spectrum“ nach eigener Darstellung aktuell gut im Zeitplan. Demnach steht dem avisierten Start der Jungfernfahrt ab dem 18. April nichts im Wege. Sie führt von Barcelona nach Dubai.

Fünftes Schiff der Quantum-Klasse wird folgen

Die „Spectrum of the Seas“ ist das vierte Kreuzfahrtschiff der sogenannten Quantum-Klasse, das die Werft für RCI baut. Die Schwesterschiffe „Quantum of the Seas“, „Anthem of the Seas“ und „Ovation of the Seas“ waren im Herbst 2014, im Frühjahr 2015 und im Frühjahr 2016 an die Reederei abgeliefert worden. Mit der "Odyssey of the Seas" soll ein fünftes Schiff dieser Klasse im Herbst 2020 an RCI übergeben werden. Dessen Brennstart war Anfang Februar erfolgt.

Foto: Michael Wessels/Meyer Werft

Außerdem entsteht auf der Werft derzeit die „Spirit of Discovery“ für die britische Reederei Saga Cruises. Die Beschäftigung bei den Papenburger Schiffbauern ist nach Unternehmensangaben derzeit bis Ende 2023 gesichert.


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