Nach einem Jahr geheilt zurück in ein anderes Leben So halfen Papenburger Kind aus Burkina Faso wieder auf die Beine

Gleich ins Herz geschlossen hat Moumouni den ersten Schneemann seines Lebens. Ein Foto der beiden hing über dem Krankenbett des Jungen. Foto: Gerd SchadeGleich ins Herz geschlossen hat Moumouni den ersten Schneemann seines Lebens. Ein Foto der beiden hing über dem Krankenbett des Jungen. Foto: Gerd Schade

Papenburg. Fast ein Jahr lang ist das Marien-Hospital in Papenburg das Zuhause von Moumouni Savadogo gewesen. Als der Junge aus Burkina Faso 2018 in der Fehnstadt ankam, war ein Teil seines rechten Oberschenkelknochens abgestorben. Heute kann Moumouni rennen, springen und toben, als hätte es das schwere Handicap nie gegeben.

Die Zeichen stehen auf Abschied. Für Moumouni geht es nach fünf Operationen und einem langwierigen Heilungsprozess an diesem Freitag zurück in die Heimat. So ist es immer, wenn die Behandlung eines schwer kranken oder verletzten jungen Menschen aus Kriegs- oder Krisengebieten in Asien oder Afrika, die der Papenburger Verein „Hilfe für Kinder in Not“ ermöglicht, abgeschlossen ist.

Fußballstars wachen über Krankenbett

Moumouni will davon zunächst aber nichts wissen. Der Zehnjährige hat sich in seinem Krankenbett auf der Kinderstation zusammengerollt, gibt sich wortkarg und döst. Er ist müde, wie immer, wenn er aus der Schule kommt. Auf Postern über ihm wachen die Fußballstars Neymar und Cristiano Ronaldo. Moumouni liebt Fußball.

Offener Bruch über Jahre nicht verheilt

Selbst dem runden Leder nachjagen zu können, war für ihn lange undenkbar. Der Junge, der aus einer Nomadenfamilie stammt, hatte sich in seiner Heimat einen offenen Bruch zugezogen. Wie es passierte, ist unklar. Offenbar war die schwere Verletzung über Jahre nicht verheilt. Die Folgen: eine Infektion, absterbende Knochenteile, eine chronische Fistelung mit viel Eiter – und vor allem: große Schmerzen. „Das tat schon beim Zugucken weh“, hatte der Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Marien-Hospital, Dr. Thomas Klapperich, bei einem Gespräch mit unserer Redaktion im vergangenen April gesagt. Moumouni sei aber von Anfang an sehr tapfer gewesen.

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Nach Papenburg mit der Bitte um kostenlose medizinische Behandlung vermittelt wurde der Junge von der Ärztevereinigung Hammer Forum. Mit den humanitären Medizinern arbeiten Hospital und Verein, der seine Hilfe nach Angaben seiner Vorsitzenden Ursula Mersmann ausschließlich durch Spenden und Ehrenamt finanziert, schon seit mehr als 20 Jahren zusammen. In dieser Zeit sind auf Basis dieser Kooperation über 30 Kinder und Jugendliche im Papenburger Krankenhaus behandelt worden. Die Finanzierung wird ebenfalls durch Vereinsspenden getragen. Pro Kind werden Mersmann zufolge bis zu 30 000 Euro fällig.

Ein fröhliches Kind

Bei Moumouni, der inzwischen blendend Deutsch spricht und den Mersmann als „angenehmes und fröhliches Kind“ charakterisiert, hat Klapperich in einem ersten operativen Eingriff das abgestorbene Knochenstück (Sequester) entfernt. In den folgenden Monaten ging es darum, die sieben Zentimeter große Lücke im Oberschenkelknochen zu schließen. Der Operateur hat dafür auf eine Methode zurückgegriffen, wie er sie aus seiner Dienstzeit im Bochumer Klinikum Bergmannsheil kennt. Für das Emsland habe das jedoch Neuland bedeutet, sagt Klapperich.

An Knochenenden "gezogen"

Der Chefarzt hat im Oberschenkel des Jungen neuen Knochen wachsen lassen – und zwar so: Über Ringe eines äußeren Spanners (Fixateur) wurde an beiden gesund gebliebenen Knochenenden im Oberschenkel behutsam „gezogen“. 

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Auf jeder Seite kamen auf diese Weise laut Klapperich „wie ein Kometenschweif in einer Schleifspur“ jeden Tag ein halber Millimeter neues Knochenmaterial hinzu. Das ergab einen Millimeter pro Tag und sieben Zentimeter in 70 Tagen. „Das ist besser als im Lehrbuch“, hatte der Chefarzt nach dem erfolgreichen Lückenschluss im vergangenen August erklärt. Weitere 140 Tage, also fast fünf Monate, ließ Klapperich den Knochen aushärten. So lange musste sich Moumouni auch mit dem sperrigen Fixateur herumplagen. Mit dem Ergebnis sind aber alle Beteiligten „sehr zufrieden“, wie Mersmann betont. Die lilafarbenen Unterarmgehstützen, die noch an Moumounis Bett klemmen, braucht der Junge schon lange nicht mehr. „Er läuft einfach klasse“, schwärmt Mersmann.

Bei der Betreuung halfen viele mit

Darüber hinaus habe auch die Betreuung des Jungen dank Unterstützung von vielen Seiten hervorragend geklappt. So hätten sich nicht nur die Helfer des ehrenamtlichen Besuchsdienstes des Vereins gekümmert, sondern auch Eltern der Mitschüler aus der Michaelgrundschule sowie Krankenschwestern der Kinderstation – und zwar auch außerhalb ihrer Dienstzeit. So kam es, dass der Junge beispielsweise Weihnachten und Silvester in Gastfamilien und nicht im Krankenhaus verbrachte. Dort habe er die Mitarbeiter im Übrigen ganz schön auf Trab gehalten, vor allem auch nachts, wie Mersmann berichtet. „Moumouni ist nachtaktiv.“



Auch, wenn das Marien-Hospital monatelang so etwas wie sein Zuhause war, ist der Schwarzafrikaner viel herumgekommen. Das belegt eine Vielzahl von Fotos in seinem Zimmer. Auf einem der Bilder schlingt er seine Arme fröhlich um einen Schneemann. Die weiße Pracht war ihm bis dahin fremd. Später wunderte er sich über das Verschwinden des Schneemanns. Dass Schnee schmilzt, wusste er nicht.

Flug ab Hannover

„Er war jeden Tag beschäftigt. Es haben unheimlich viele Leute mit angepackt und an einem Strang gezogen. Das finde ich einfach toll“, freut sich Mersmann. Entsprechend groß fiel in diesen Tagen das Abschied nehmen aus. Für Moumouni geht es per Flug ab Hannover zurück in sein anderes Leben. Der Verein will nach einer Pause zum Durchschnaufen für alle Beteiligten auch in Zukunft weiter Kindern helfen.

Weitere Infos und Kontakt: Telefon 04961 1314 (Ursula Mersmann).


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