„Ohne kontroverse Debatten geht es nicht“ Vor 50 Jahren zog Papenburgs Ehrenbürgermeister erstmals in Stadtrat und Kreistag ein

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Papenburg. Auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 28. September 1968, ist Papenburgs Ehrenbürgermeister Heinrich Hövelmann erstmals in den Stadtrat und den Kreistag gewählt worden. Auch mit 78 sprüht der Obenender noch immer vor Ideen und hat auch politisch noch etwas zu sagen. Sein Credo: „Ohne kontroverse Debatten geht es nicht.“

Im Jahr der 68er-Bewegung schaffte Hövelmann als 28-Jähriger auf Anhieb den Sprung in den Kreistag (erst Aschendorf-Hümmling, dann Emsland). Er blieb 43 Jahre, davon 31 als Fraktionschef. Die Christdemokraten verliehen ihm später die Würde des Ehrenvorsitzenden. Sich selbst bezeichnet er als „Kirchturmspolitiker“.

Von Not der Nachkriegszeit geprägt

„Eindeutig geprägt haben mich die Not der Nachkriegszeit und die Sorge der Menschen um Arbeit“, erklärt Hövelmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Unvergessen sei ihm beispielsweise, wie Männer, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, geweint hätten, als sie ihre Arbeit bei der früheren Sürken-Werft in Papenburg verloren. Aber auch er selbst kenne aus jungen Jahren die Sorge um das tägliche Brot und ein warmes Zimmer im Winter.

Schon als Kind politisch interessiert

Schon als Kind sei er politisch interessiert gewesen und habe im Alter von zehn oder elf Jahren begonnen, die Ems-Zeitung zu lesen – und zwar auch den Politikteil. Seine Großmutter habe das Blatt, das sich seine Familie nicht habe leisten können, aufbewahrt. So sei er später in die katholischen Sozialverbände und den Kolping hineingewachsen und von dort ins Soziale Seminar gelangt.

Das erste große Ziel

Erstes großes Ziel von Hövelmanns politischer Arbeit sei der „alte Gewerkerschaftergrundsatz“ gewesen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in Papenburg zu verbessern. In diesem Zuge sollte die Stadt zu einem Mittelzentrum entwickelt werden, das mindestens auf Augenhöhe mit Leer, Meppen, Lingen und Cloppenburg agiert. „Nach Möglichkeiten wollten wir die anderen Städte aber überholen“, sagt Hövelmann, der 13 Jahre als Schlosser bei der Firma Nyblad beschäftigt war, bevor er als Quereinsteiger in den Schuldienst wechselte und 21 Jahre an der Waldschule unterrichtete.

„Niedergang beginnt mit Blütezeit“

Mit vereinten Kräften habe es Papenburg an die Spitze geschafft. „Wer will bestreiten, dass wir heute in einer Blütezeit leben?“, fragt der 78-Jährige, mahnt jedoch zugleich, dass der Niedergang stets mit einer solchen beginne.

Auf Dauer müssen nach seiner Auffassung wissensbasierte Arbeitsplätze geschaffen werden. In diesem Zusammenhang hofft Hövelmann, dass die Kooperation der Meyer Werft mit der Uni Groningen Erfolg hat. „Das allein wird aber nicht reichen“, meint der Obenender. Mit Rezepten von gestern ließen sich heute die Probleme von morgen nicht lösen.

Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen

Gesellschaftspolitisch sei die Frage zu stellen, wie die Menschen in Papenburg in 10 bis 20 Jahren leben wollten. „Wohin soll sich die Stadt entwickeln?“ Um diese Frage zu beantworten, seien kontroverse Debatten vonnöten. „Nur mit Friede, Freude, Eierkuchen geht es nicht. Man darf Auseinandersetzungen nicht scheuen“. Entscheiden, durchsetzen, umsetzen – so müsse die Devise lauten. Vielen Kommunalpolitikern der Gegenwart spricht Hövelmann den Gestaltungswillen ab und hält ihnen vor, die unmittelbare Nähe zu den Bürgern nicht zu pflegen und dadurch „nicht mehr wie die Fische im Wasser“ zu leben. Wenn er selbst früher am Samstagmorgen seinen Vorgarten habe pflegen wollen, sei er nie fertig geworden, „dafür wusste ich aber bis mittags, wie die Stimmung in der Stadt ist.“

Fluchtursachen bekämpfen

Als eine der großen globalen Herausforderungen der Zukunft sieht Hövelmann das Bekämpfen der Fluchtursachen. „Das kostet Geld und vielleicht sogar eine Absenkung des Lebensstandards.“ Eine Alternative gebe es aber nicht. „Sonst kommen Millionen, die auf der Flucht sind.“ Fairer Handel beispielsweise sei keine Frage der Mildtätigkeit, sondern eine der Vernunft und der Gerechtigkeit.

Die Aufgaben in den Entwicklungsländern – Hövelmann engagiert sich seit Jahren mit einer Klimaschutzstiftung in Uganda – seien wie eine „Blaupause“ für die damalige Entwicklung des Emslandes, das einst als „Armenhaus der Republik“ galt. Hövelmann schlägt vor, dass 3N-Kompetenzzentrum in Werlte zu einem Kompetenzzentrum für die Entwicklung ländlicher Räume auszubauen. „Das wäre auch für Werlte und den Hümmling eine große Chance“, meint Hövelmann.


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