Aschendorfer trifft Neffen von Getötetem Grenzdrama in Lüchow: Kontakt mit Familie nach 55 Jahren

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55 Jahre nach dem Vorfall an der deutsch-deutschen Grenze haben sich Hermann Bröer (rechts) und der Neffe des  getöteten Bernhard Simon in Leer getroffen. Foto: Bröer55 Jahre nach dem Vorfall an der deutsch-deutschen Grenze haben sich Hermann Bröer (rechts) und der Neffe des getöteten Bernhard Simon in Leer getroffen. Foto: Bröer

Aschendorf/Leer. Knapp 55 Jahre nach dem tödlichen Grenzdrama bei Lüchow-Dannenberg hat Hermann Bröer, damals westdeutscher Grenzsoldat, jetzt einen Nachfahren des getöteten Bernhard Simon getroffen.

Wie berichtet, hatte der gebürtige Aschendorfer Bröer, der heute in Leer lebt, am 28. Oktober 1963 einen Vorfall erlebt, den er nie wieder vergessen wird. Er war im Wald bei Lüchow-Dannenberg auf den verletzten DDR-Flüchtling Siegfried Simon (20) gestoßen. Dieser berichtete von seinem Bruder, dem 18-jährigen Bernhard Simon, der von einer Mine schwer verletzt worden war. Nach kurzer Suche fanden sie den Bruder, dem die Minendetonation ein Bein abgerissen und das zweite zerfetzt hatte. Noch auf dem Weg in das Krankenhaus verblutete der junge Mann im Krankenwagen.

Seine bewegende Geschichte, die im Oktober des vergangenen Jahres in der Ems-Zeitung veröffentlicht wurde, hat jetzt Florian Kuhnigk, einen Neffen des verstorbenen Bernhard Simon, erreicht. Wie Bröer mitteilt, habe sich der 36-Jährige bei ihm gemeldet – und war dann zu Besuch erschienen. Die beiden führten ein langes Gespräch, der Gast aus Braunschweig wollte genau wissen, was damals passiert sei, berichtet Bröer im Gespräch mit unserer Redaktion. 

In Sicherheit gebracht

So habe er ihm von den schrecklichen Bildern erzählt, sagt Bröer, der damals als 25-Jähriger nachts durch den Wald gelaufen war, um den Verletzten zu bergen. "Auf der anderen Seite der Grenze lagen schon die Soldaten der NVA", sagt Bröer, "eine nicht ungefährliche Situation". Bernhard Simon sei aber, mit der Hilfe seines Bruders, ein Stück in den Wald auf westdeutscher Seite gelangt, sodass er in Sicherheit gebracht werden konnte. 

An genauer dieser Stelle steht heute ein Kreuz, das Kuhnigk, ein Sohn eines jüngeren Bruders der zwei Flüchtlinge, mit seiner Familie jedes Jahr besucht. Der 36-Jährige hatte auch Informationen für Bröer, die dieser noch nicht kannte. So berichtete er über das Schicksal der Mutter der beiden Brüder, Hildegard Simon, die als Lehrerin in Leipzig arbeitete. 

Sie musste, nachdem der Vorfall an der Grenze auch in den westlichen Medien thematisiert worden war, zum Verhör beim Ministerium für Staatssicherheit vorstellig werden. Einen ganzen Tag lang sei sie verhört worden, habe der Enkel berichtet. "Und das alles nachdem sie ihr Kind verloren hatte", meint Bröer. Sie habe von der Flucht ihrer Söhne nichts gewusst, habe der Enkel glaubwürdig vermitteln können. Dennoch habe sie, um nicht ihre Arbeitsstelle zu verlieren, in die SED eintreten müssen, "als Beweis ihrer Loyalität", so Bröer. 

Große Verwunderung habe ihrerseits geherrscht, als zwei Tage nach dem Vorfall ein Zeitungsartikel aus dem Westen in ihren Postkasten lag, anonym überbracht. "Bis zu ihrem Tod hat sie nicht erfahren, wer damals den Artikel eingeworfen hat", sagt Bröer. Auch in den darauffolgenden Monaten erreichten sie Briefe, die sich auch ihr Leben lang begleitet haben. Aus der Jugendherberge "Jonny Scheer", in der die Brüder vor der Flucht übernachtet hatten, gab es ein Schreiben. Darin wurden ihr Vorwürfe gemacht, ob sie denn "gar keinen Einfluss auf die Brüder" gehabt hätte und dass ihr Sohn "für eine schlechte Sache" gestorben sei. 

Im Jahr 1970 kam ihr erstes Enkelkind vom Sohn, der die Flucht überlebt hatte und im Westen geblieben war, zur Welt. "Auch bei diesem freudigen Ereignis durfte sie nicht dabei sei", berichtet Bröer aus den Überlieferungen Kuhnigks. Am 18. März 2017 starb sie, zwei Wochen vor ihrem 94. Geburtstag, in Halle. Sie hatte die DDR trotz aller Vorkommnisse nie verlassen.


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