Ältestes Modell stammt von 1961 Herzschrittmacher-Museum in Papenburger Arztbüro

Von Daniel Gonzalez-Tepper


Papenburg. Eine Sammlung mit mehr als 150 Exponaten von Herzschrittmachern hat der Papenburger Kardiologe Prof. Dr. Christian Wende in seinem Dienstzimmer im Marien-Hospital ausgestellt. Sie zeigen die technische Entwicklung zentimetergroßer klobiger Geräte bis zum Miniformat von heute.

Wie viele Schrittmacher er überhaupt besitzt, weiß der 60-Jährige gar nicht. „In diesem Schrank warten noch einige Geräte darauf, gesichtet und beschriftet zu werden. Aber mir fehlt einfach die Zeit“, sagt der Chefarzt der Kardiologie am Marien-Hospital Papenburg Aschendorf. Als Kardiologe, also Facharzt für Erkrankungen am Herzen und des Blutkreislaufsystems, hat er zwangsläufig mit Herzschrittmachern und Defibrillatoren zu tun. Etwa 150 Schrittmacher, die vereinfacht gesagt permanent dem Herzen einen Stromimpuls geben, damit es gleichmäßig schlägt, und Defibrillatoren, die ebenfalls vereinfacht dargestellt dann eingreifen, wenn das Herz tatsächlich plötzlich aufhört zu schlagen, setzen er und sein Ärzteteam in Papenburg jährlich ein.

Batterie hielt zu Beginn nur wenige Monate

Bei vielen Operationen fallen Austauschgeräte an, weil Herzschrittmacher und Defibrillatoren, auch ICD-Gerät genannt, wegen der Batterien eine begrenzte Lebensdauer haben. „Zu Beginn in den 1960er Jahren sogar nur wenige Monate. Das war echte Pionierarbeit“, berichtet Wende. Wegen der doch sehr klobigen Form wurden sie nicht wie heute im Brustbereich in der Nähe des Herzens, sondern im Bauchraum eingesetzt. Und die allerersten Schrittmacher waren aus Kunstharz hergestellt, das sich aber als nicht so praktikabel und langlebig erwies. Deshalb setzten die Hersteller sehr schnell auf eine Metallhülle, was auch heute noch so ist.

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Eben jene Entwicklung von damals bis heute fasziniert den Papenburger Kardiologen. Er begann bereits Mitte der 1990er Jahren, als er aus seiner Geburtsstadt München an eine Klinik im Saarland wechselte, die ersten Herzschrittmacher zu sammeln. Nach einigen Jahren fing er an, sie in kleine Schaukästen zu kleben, diese zu beschriften und damit sein Büro zu verschönern. Schnell sprach sich seine Sammelleidenschaft herum, zunächst unter Kollegen und Patienten, später auch bei Vertretern von Herstellerfirmen. Immer häufiger wurden dem Chefarzt Modelle angeboten, die Sammlung wuchs. Als er 2007 nach Papenburg wechselte, nahm er sie natürlich mit ins Emsland.

Kein Anspruch auf Vollständigkeit

Weil sich die Batterietechnik deutlich verbessert hat, können Herzschrittmacher inzwischen deutlich länger im Körper bleiben, je nach Größe und Stromimpulsintervall zwischen sechs oder auch zehn Jahre. Sie müssen aber häufig immer noch ausgetauscht werden. Einen Anspruch, alle von ihm herausoperierten Geräte zu sammeln, hat Professor Wende nicht. „Dafür habe ich auch gar keinen Platz“, wie er betont. Auch sucht er nicht aktiv, zum Beispiel im Internet oder bei anderen Sammlern, nach Exponaten, um die Sammlung zu ergänzen. Doch wenn ein seltenes oder aus seiner Sicht interessantes Modell in seine Finger gelangt kommt oder ihm angeboten wird, nimmt er sie auf.

Dabei stört ihn auch nicht, dass einige Geräte Warntöne von sich geben, wenn die Batterie noch nicht vollständig entladen ist. „Das ist wie Lärm von Bahnschienen oder viel befahrenen Straßen, daran habe ich mich längst gewöhnt“, sagt der Mediziner. Die Schrittmacher auseinanderzunehmen, um die Batterien zu entnehmen, würde schließlich keinen Sinn machen, weil die Geräte dann zerstört wären.

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Ein ganz besonderes Exemplar rief vor wenigen Jahren sogar das Bundesamt für Strahlenschutz auf den Plan. In einem der Schrittmacher in seiner Sammlung war eine Plutonium-Batterie, auch Atombatterie genannt, verbaut. „Die kamen mit einer riesigen Kiste hierher, um das Gerät abzuholen“, sagt Wende und schmunzelt über die ungewöhnliche Situation. Plutonium gilt als sehr langlebig, ist aber eben auch ein giftiges und radioaktives Schwermetall und wurde deshalb auch nur sehr selten in Schrittmachern genutzt. Besonders ist zudem seine Sammlung von Siemens. Von dem Hersteller, der inzwischen keine Schrittmacher mehr baut, hat er eine Modellreihe, die von den ersten Modellen Anfang der 1960er Jahre bis in die 2000er-Jahre reicht. Zudem besitzt Wende Schrittmacher, die nicht gegen Herzprobleme helfen, sondern bei Schlafapnoe, also Atemaussetzern beim Schlafen.

Öffentliche Ausstellung schon länger in Planung

Seitdem Prof. Wende durch die Pensionierung von Berthold Pollock alleiniger Chefarzt der Kardiologie am Marien-Hospital ist, fehlt ihm nach eigenen Angaben immer häufiger die Zeit, sich um das Hobby zu kümmern. Beispielsweise könnten weitere Schaukästen bestückt werden, die vorhandenen könnten poliert werden, weil die Metallhülle der Schrittmacher mit der Zeit an der Luft ihren Glanz verliert. Eine öffentliche Ausstellung der Sammlung an Flurwänden des Krankenhauses, wie es zeitweise im Jahr mit Bildern gemacht wird, sei Wende zufolge immer mal wieder geplant gewesen, wurde bisher aber nicht realisiert. „Es bleibt mein fester Wunsch, dass ich das bis zu meiner Pensionierung, die spätestens in fünf Jahren ansteht, noch hinbekomme“, sagt der Chefarzt. Bis dahin zeigt er Interessierten die Sammlung in seinem Büro auf Anfrage.


Geschichte der Herzschrittmacher

Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung werden in Deutschland pro Jahr mehr als 65.000 Herzschrittmacher implantiert, Tendenz steigend. Die erste Operation erfolgte am 8. Oktober 1958, vor genau 50 Jahren, in Schweden. Herzschrittmacher geben elektrische Impulse ans Herz ab, wenn dieses zu langsam schlägt, und lösen damit Herzschläge aus.

Nach Angaben von kardionet.de, einer Ratgeberplattform zu Herz- und Kreislauferkrankungen des Medizintechnikherstellers Boston Scientific, wurde der erste Herzschrittmacher in den 1920er Jahren entwickelt und war sieben Kilo schwer. Es sendete über eine Nadelelektrode, die ins Herz gestochen wurde, Stromimpulse an das Herz. Das Gerät musste alle sechs Minuten neu aufgeladen werden, und zwar über einen per Kurbel gestarteten Motor. Der erste batteriebetriebene Schrittmacher ist im Jahr 1957 erfunden worden, er wurde noch äußerlich am Körper angebracht, 1958 wurde erstmals wie bereits erwähnt ein Gerät durch eine Operation vollständig in einem Körper eingesetzt. Als Pioniere galten Ake Senning und der Elektroingenieur Rune Elmquist. Die Lebensdauer damaliger Schrittmacher war wegen der geringen Haltbarkeit der Batterien begrenzt, zunächst wenige Tage, dann wenige Wochen. Das änderte sich erst Anfang der 1970er Jahre durch sogenannte Lithiumjodid-Batterien. Außerdem wurden die Geräte im Lauf der Zeit immer kleiner. Durch den Einbau von Bewegungssensoren ist es seit den 1980er Jahren möglich, Schrittmacher bedarfsgerecht einzusetzen, Stromimpulse also nur dann oder in einer bestimmten Stärke zu geben, wie es notwendig ist. Seit 1996 sind Zwei-Kammer-Schrittmacher auf dem Markt, die sowohl im Vorhof des Herzens, als auch in der Herzkammer selbst stimulieren. Heute haben Schrittmacher in der Regel die Größe einer Zwei-Euro-Münze, für Kinder sogar nur wie ein Ein-Euro-Stück.

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