Ehepaar rettet Gebäude vor Verfall Aus ehemaliger Schule in Papenburg wird Traumhaus

Von Hermann-Josef Tangen


Papenburg. Ein Ehepaar aus Papenburg hat sich sein Traum vom Eigenheim in einer ehemaligen Schule verwirklicht. Nach fast 15 jähriger Bauzeit sind die Maßnahmen nun weitgehend abgeschlossen.

Als ein letztendlich erfolgreich verlaufenes Abenteuer, das neben dem hohen finanziellen Aufwand so manchen Schweißtropfen gekostet hat, bezeichnen Daniela und Hans-Bernd von Ohr ihr Projekt „Sanierung und Wiedernutzbarmachung des alten Schulgebäudes in der Ersten Wiek“ in Papenburg.

Völlig heruntergekommen

„Haus und Grundstück waren völlig heruntergekommen, als wir uns das vom Verfall bedrohte Gebäude und den Wildwuchs auf dem 9000 Quadratmeter großen Areal eines Sonntags einfach mal aus der Nähe angesehen haben“, erinnert sich Daniela von Ohr. Trotz des wirtschaftlichen Totalschadens habe sie sich sofort in das Objekt verliebt und ihren Mann davon überzeugen können, dass sich etwas Tolles aus der 1910 erbauten Schule machen lässt.

1910 mit Lehrerwohnung und Stall erbaut

Die Erste-Wiek-Schule war vor 108 Jahren als erster öffentlicher Auftrag des im Jahr zuvor gegründeten und bis heute bestehenden Bauunternehmens Hermann Kassens erbaut worden. Die Einrichtung, die zunächst mit nur einem Klassenraum, in dem 55 Kinder unterrichtet wurden, startete, diente einer Entlastung der Michaelschule. Untergebracht waren zudem eine kleine Lehrerwohnung und ein Stall.

1950 erfolgte eine Erweiterung der Grundfläche um 120 Quadratmeter für einen zweiten Klassenraum. In diesen zwei Räumen fanden zeitweise bis zu acht Schulklassen Platz. Ende der 1950er Jahre gab es Pläne, die Schulen in der Ersten Wiek und in der Umländerwiek zusammenzulegen. Mit der Eröffnung der Waldschule änderten sich im Herbst 1962 die Schuleinzugsbereiche.

Unterrichtsbetrieb 1969 eingestellt

Nach einem Umbau startete hier 1964 die Pestalozzischule als erste Schule für Lernbehinderte, die im Rahmen des Ausbaus des ländlichen Sonderschulwesens im ehemaligen Landkreis Aschendorf-Hümmling eingerichtet worden war. Der Schulbetrieb endete 1969 mit der Fertigstellung der neuen Pestalozzischule am Kreuzweg. Das Gebäude wurde anschließend bis 1989 als Gebetshaus genutzt und stand nach einem weiteren Umbau im Jahr 1990 Asylbewerbern zur Verfügung. Nach mehrjährigem Leerstand fanden hier bis Ende 2003 wohnungslose Mitbürger eine vorübergehende Unterkunft.

In Eigenleistung entkernt

Das Ehepaar von Ohr erwarb die bestandsgeschützte Immobilie im gleichen Jahr von der Stadt Papenburg und begann mit der Sanierung des über 410 Quadratmeter Wohnfläche verfügenden Gebäudes. In Eigenleistung wurden zunächst alle Räume entkernt und durch einen Fachbetrieb ein neues Dach eingedeckt.

Aus Gründen des Bestandsschutzes durfte die Optik der Außenfront gar nicht und der hintere Bereich mit den Anbauten von Schweinestall und Toilettenhäuschen nur leicht verändert werden. „Ansonsten hatten wir freie Hand“, erklärt der gebürtige Papenburger Hans-Bernd von Ohr.

Handwerklich begabt

Als gelernter Tischler führte der 48-jährige Vertriebsleiter den kompletten Ausbau selbst durch. Nachdem 18 Großcontainer mit entkerntem Material abtransportiert, alle Innenwände gedämmt, die Elektrik sowie sämtliche Ver- und Entsorgungsleitungen installiert worden waren, konnte nach einem Dreivierteljahr ein Teilbereich des Hauses bezogen werden. „Wurde auch höchste Zeit, denn noch im gleichen Jahr kam unser erstes Kind zur Welt“, wirft die Gattin ein.

Ebenso wie ihr Mann ist auch Daniela von Ohr handwerklich begabt und hat daher alle anfallenden Maurer-, Putz- und Malerarbeiten selbst vorgenommen. „Außer Dachdecker und Heizungsmonteure war kein Handwerker auf dem Bau“, erläutert die aus Siegen stammende Künstlerin, die sich mit Malerei und Inneneinrichtungen befasst. Die 44-Jährige hatte sich im Frühjahr unter dem Namen „Eigenart“ ein eigenes Atelier in dem Familiendomizil eingerichtet und stellt dort selbst gefertigte Bilder, Dekorationsobjekte und Wohnaccessoires aus.

Mit Atelier und Werkstatt

Dass sie die Inneneinrichtung des sanierten Objektes, das neben dem etwa 190 Quadratmeter umfassenden selbst genutzten Bereich zwei separate Ferienapartments sowie Atelier und Werkstatt beherbergt, zu ihrer eigenen Sache machen würde, sei von Anfang an klar gewesen, sagt die in Architektur und Bauzeichnung ausgebildete zweifache Mutter.

Mit Kreativität, Experimentierfreude und viel Liebe zum Detail verpasste sie unter anderem der in dem früheren Schweinestall untergebrachten Küche, den aus den höher gelegenen Klassenräumen entstandenen Wohn- und Arbeitszimmern sowie Flur- und Treppenhaus ein stilvolles, behagliches Ambiente.

Die Höhe ihrer Investitionen verrät die Familie von Ohr zwar nicht, deutet aber an, dass das Gebäude größen- und damit auch kostenmäßig mit zweieinhalb Wohnhäusern zu vergleichen sei.

Erholung von dem jahrelangen Umbaustress finden das Ehepaar und seine 12- und 14-jährigen Kinder in ihrer ebenfalls selbst gestalteten parkähnlichen Anlage hinter dem ehemaligen Schulgebäude. „Hier treffen wir uns gern mit Freunden und Nachbarn“, sagt Hans-Bernd von Ohr, der ebenso wie seine Familie großen Wert auf ein gedeihliches Miteinander legt und mit einem Augenzwinkern auf die stets unverschlossene Gartentür zum Nachbargrundstück deutet.


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