Franz Bruns’ erstes Wort war „Anker“ Ein echter Seemann: Unterwegs mit dem Schiffsführer der MS Papenburg

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Papenburg. Eigentlich ist dienstags Ruhetag für Franz Bruns und seine MS Papenburg. Nur der Umsatz könnte ihn an einem solchen Tag aus der Ruhe bringen. „Da will ich Geld sehen. Sonst fahr’ ich nicht“. An diesem Dienstag also macht er eine Ausnahme. Eine 40-Leute-Gruppe hat sich angemeldet.

50 Pferdestärken ergeben zehn Kilometer pro Stunde auf Bruns' Motorschiff. In charakterfestem Tempo schippern der Schiffsführer, Matrose Heiner Stell und die Gäste auf der 68-Jährigen – der MS Papenburg – durch den Hafen. Es riecht nach Öl. Bruns erzählt, die Sonne lächelt freundlichst. Sein Platz ist ein autositzähnlicher aufgebockter Sessel mit Armlehnen. Auf seiner Nase hockt eine Sonnenbrille mit schwarzen Gläsern. Die Brücke, die zu sehen ist, ist vergittert: „Das ist ein Fischknast“, sagt er ins Mikrofon. „Einmal im Jahr werden da alle Fische zusammengetrieben und gezählt. Dann wird entschieden, welcher gefangen werden darf.“ Wer fällig ist, bekomme einen roten Punkt auf den Rücken. „Sie werden nie einen Fisch hier fangen, der einen roten Punkt auf dem Rücken hat.“ Ob alle Fahrgäste den Gag verstanden haben, bleibt unklar.

Seit dem vierten Lebensjahr auf dem Wasser

„Ich bin seit dem vierten Lebensjahr auf dem Wasser“, sagt der 59-Jährige. Alles habe er damals motorisiert. Waschzuber und Badewannen. „Wasser und Schifffahrt fand' ich schon immer interessant.“ Nach Aussage seiner Mutter war sein erstes Wort im Leben „Anker“. Heute ist der gelernte Elektromeister ein Mann mit einem gemütlichen Bauch, einem weiß-grauen Rauschebart, und wenn er etwas sagt, drückt er sich unmissverständlich aus – in Bild und Ton. „Das Malträtieren meiner Bänke mit Ihren Schuhen erleichtert Ihre Geldbörse um 20 Euro (gilt auch für Kleinkinder)“, warnt ein kleines Schild am Motorblock im vorderen Teil der MS Papenburg, der die gegenüberliegenden Sitzreihen voneinander trennt. Klingt raubeinig, ist aber wohl das Beste für alle.

„Das Malträtieren meiner Bänke mit Ihren Schuhen erleichtert Ihre Geldbörse um 20 Euro (gilt auch für Kleinkinder)“, warnt Schiffsführer Franz Bruns an der Verkleidung seines Motors im vorderen Teil des Schiffes. Foto: Maike Plaggenborg

Respektlos findet er, wie manche Menschen mit fremdem Eigentum umgehen, sagt er. Das komme von seiner Erziehung. Aber auch die Sicherheit gebiete, dass die Leute ihre Beine beieinander halten. So etwa auch im Fall eines kleinen Jungen. „Ich hätte einem Bengel fast die Beine abgefahren“, erzählt Bruns. Der Junge habe „seine Quanten“ über der Reling baumeln lassen, als der Kapitän gerade habe anlegen wollen. Die Eltern standen daneben. „Da hätte man meine Stimme in Aschendorf hören können.“ Bruns war völlig geschockt damals, sagt er, und über diese Situation – es war seine zweite Fahrt, kurz nachdem er das Schiff 1992 gekauft hatte – schüttelt er noch heute den Kopf. „Ich fahre seit 25 Jahren unfallfrei. Und das soll auch so bleiben.“ Seine Fahrgäste müssen mitmachen, sonst ist tonmäßig „sofort Kasernenhof“, sagt er. „Ist mir egal, da pup' ich die Leute an.“

Text etwa 15.000 Mal erzählt

Weiter im Text. „Hier im Nordhafen werden überwiegend Holzhackschnitzel umgeschlagen.“ Die sollen in Skandinavien verkauft werden. „Manche erzählen sich, da baut Ikea seine Möbel draus“. Dieses Mal erreicht Bruns' Humor seine Gäste. Seinen Vortrag hat er in etwa 15.000 Mal erzählt. Woher er das weiß? Die Anzeige der Betriebsstunden verrät es. Die Inhalte verändern sich manchmal, weil die Firmen im Hafengebiet sich verändern. „Wir fahren jetzt in den Deverhafen. Hier gibt es hauptsächlich Düngemittel.“ Mit den vielen etwas mehr als einstündigen Fahrten habe er streckenmäßig inzwischen zweieinhalb Mal die Welt umrundet. Die Ankunft am äußersten Punkt der Fahrt ruft vereinzelte Fotonarren auf den Plan. Die Buchstaben des Meyer-Werft-Schriftzuges sind sieben Meter hoch, erzählt er. Der breiteste Buchstabe ist mit 10,38 Meter das M. Bruns selbst verfasster Text verrät Kurioses: Die im Bau befindliche Aida Nova wird einen eigenen Knast bekommen und einen Kühlraum für Tote.

Momente mit „Pipi in den Augen“

40 Gäste sind 40 Zuhörer an diesem Dienstagvormittag. Vereinzelt scheinen allerdings Menschen zu schlafen. Es ist ihm egal, er hat sogar Verständnis. „Wasser beruhigt“, meint er, und das monotone Grummeln des Motors inmitten des Schiffes wirkt zusätzlich. Bruns hat schon viele seltsame Dinge in den Gruppen an Bord erlebt. Sein ältester Fahrgast war 99, der jüngste „gerade erst geschlüpft“. Die am weitesten weg beheimateten Mitfahrer kamen aus Neuseeland und Indonesien. Im schlechtesten Sinne wundern aber kann er sich auch. Manchmal sind 90 Prozent der Leute „auf geistigen Blödsinn aus“, sagt er. Manche wiederum machen tolle Sachen. Singen zum Beispiel. Einmal habe eine A-Cappella-Gruppe auf seinem Schiff „Gabriellas Song“ aus dem schwedischen Musikfilm-Drama „Wie im Himmel“ gesungen. „Da habe ich den Motor ausgemacht. Ich hatte Pipi in den Augen.“ Sein zweiter Rückblick auf einen sonnigen Moment hat mit einer Gruppe von Menschen mit Behinderung zu tun. Die haben nach der Fahrt einen kräftigen Applaus hingelegt, wie er sagt. So groß war die Freude. „Da hatte ich auch Pipi in den Augen.“ Bruns ist noch empfindsamer, als er hart tut. Ein echter Seemann eben. Die Fahrt ist zu Ende. „Ich sage Tschüss und auf Wiedersehen.“


Franz Bruns

Der 59-Jährige kommt aus dem Papenburger Ortsteil Bokel. Bis vor 25 Jahren arbeitete er als Elektromeister. Er lebte sieben Jahre in Hamburg, zwei in Hannover, war in Jever bei der Bundeswehr. Bart trägt er seit dem 1. Mai 1980 – „einfach, weil ich zu faul war, mich zu rasieren“. Sein Schiff – die MS Papenburg – kaufte er 1993. Es ist 68 Jahre alt, der Motor 58. Von Montag bis Mittwoch fährt er drei Mal täglich raus.

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