Kaum Fachkräfte zu bekommen Pflegedienste auch im nördlichen Emsland stark überlastet

Meine Nachrichten

Um das Thema Papenburg Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Papenburg. Auch im nördlichen Emsland wird die Not bei ambulanten Pflegediensten immer größer. Die Nachfrage steigt ständig, freie Stellen bleiben unbesetzt, einige haben Aufnahmestopps erteilt. Das ergab eine Umfrage unserer Redaktion bei einigen Diensten in Papenburg, Sögel, Dörpen und Lathen.

Gleich vier Vollzeitkräfte auf einen Schlag einstellen könnte Tatjana Berlage, Leiterin des ambulanten Pflegedienstes eVita in Dörpen. Dabei bezahlt sie nach eigenen Angaben übertariflich, bietet flexible Arbeitszeiten, regelmäßige Fort- und Weiterbildungen und Extras wie Mitgliedschaften in Fitnessstudios, wer mag. „Alle etwa 35 Kräfte in der Pflege sind total überbelastet und schieben Überstunden vor sich her. Aber es geht einfach nicht anders“, sagt die Leiterin, die mit ihrem Team etwa 100 Patienten zu versorgen hat.

Seit Wochen gibt es einen Aufnahmestopp, kürzlich musste sie sogar schweren Herzens den Angehörigen eines todkranken Mannes absagen, der zu Hause seine letzten Stunden und Tage verbringen sollte. Als im Januar und Februar die Grippe fast ein Dutzend Pflegerinnen des eVita-Teams außer Gefecht setzte, mussten einige Kräfte 36-Stunden-Dienste, also inklusive Nacht-Betreuung von Intensivpatienten, leisten, damit die notwendigsten Arbeiten erledigt werden konnten.

(Weiterlesen: Verbände: Personalmangel führt zu Lücken bei ambulanter Pflege)

Bundesweit 35.000 offene Stellen?

eVita in Dörpen ist kein Einzelfall. Immer mehr der 13.300 ambulanten Pflegedienste in Deutschland finden keine neuen Mitarbeiter, deshalb werden immer häufiger Pflegebedürftige abgewiesen oder sogar bestehende Verträge gekündigt, warnte jetzt die Deutsche Stiftung Patientenschutz auf Anfrage unserer Redaktion. Zuletzt war von bundesweit 35.000 freien Stellen in der Alten- und Krankenpflege die Rede. Leidtragende seien die pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen. Der NDR fand jetzt heraus, dass große Pflegeanbieter wie Caritas, Diakonie und Paritätischer Wohlfahrtsverband im Februar, März und April zu tausenden Pflegebedürftige abgelehnt haben, in mindestens 63 Fällen seien Verträge gekündigt worden. „Fachkräftemangel - das ist in der Pflege keine theoretische Diskussion, sondern Realität. Dies wird mir von allen Gesprächspartnern bestätigt“, sagte Gitta Connemann CDU-Bundestagsabgeordnete jüngst nach einem Besuch des Pflegedienstes eVita. Sie sagte auch: „Hohe Arbeitsbelastung, mehr Schreibtisch als Pflege - die Situation in der Pflege ist schwierig.“

Einzugsgebiet verkleinert

Wegen des Fachkräftemangels und nicht kostendeckender Wegepauschalen hat der Ambulante Pflegedienst Sögel, der dem Hümmling-Hospital angegliedert ist, sein Einzugsgebiet verkleinert. „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Samtgemeinde Sögel“, berichtet Leiterin Martina Sandker. Sie muss mit einem Team von etwa 40 Kräften rund 360 Patienten betreuen, etwa die Hälfte muss täglich oder mehrmals täglich angefahren werden. Bereits vor drei Jahren musste der Dienst die Intensivpflege von Patienten in ihrer Wohnung einstellen, weil es Sandker zufolge nicht mehr möglich war, dafür Pflegerinnen zu akquirieren.

(Weiterlesen: Ambulante Pflegedienste nehmen keine neuen Patienten mehr)

Neue Patienten mussten in Sögel bisher nur zu Jahresbeginn abgewiesen werden, als auch bei den Pflegerinnen in Sögel die Grippewelle grassierte. Doch auch für Sendker wird es immer schwieriger, Neuanfragen „irgendwie“ in die Dienstpläne „zu quetschen“. Die Leiterin verdeutlicht: „Wenn die Pflegekassen unsere Dienstleistungen besser finanzieren würden, wäre es auch möglich, die Pfleger zu entlasten. Aber das ist derzeit nicht möglich, weil es ansonsten ein Minusgeschäft werden würde.“

Probleme bei Einstellung ausländischer Fachkräfte

In den vergangenen Jahren war auch der ambulante Pflegedienst Johanna Meiners aus Lathen regelmäßig auf der Suche nach neuen Pflegefachkräften. Das Werben um neue Fachkräfte war dabei oft nur bedingt erfolgreich. Auch die Einstellung einer ausländischen Pflegefachkraft scheiterte daran, dass ihre Qualifikation als Gesundheits- und Krankenpflegerin trotz guter Sprachkenntnisse in Deutschland nicht anerkannt worden ist. Meiners beklagt, dass zum Fachkräftemangel die Anforderungen von den Krankenkassen immer höher werden, zum Beispiel durch zunehmende Bürokratie- und Dokumentationspflichten.

„Trotz des auffällig steigenden Personalmangels in der Pflege dürfen qualifizierte Pflegehelfer behandlungspflegerische Tätigkeiten nur in Zusammenhang mit einer Grundpflege übernehmen. Kompressionsstrümpfe dürfen zum Beispiel nur dann von einer Pflegehelferin an- oder ausgezogen werden, wenn auch eine Grundpflege stattfindet. An all den anderen Tagen muss dies eine Pflegefachkraft übernehmen. Dies ist ein Widerspruch in Zusammenhang mit dem akuten Personalmangel in der Pflege“, meint die Pflegedienstleiterin.

Aufwertung der sozialen Berufe gefordert

Einen Aufnahmestopp gibt es bei der St. Nikolaus Caritas Pflege GmbH in Papenburg nicht. Sie hat, um gegen den Fachkräftemangel anzukämpfen und Werbung für eine Ausbildung zu machen, kürzlich einen „Aktionstag Pflege“ durchgeführt. Dabei forderten Ursula Mersmann (Vorsitzende Sozialausschuss Landkreis Emsland), Dechant Franz-Bernhard Lanvermeyer und Papenburgs Bürgermeister Jan Peter Bechtluft (CDU) unisono eine gesellschaftliche Aufwertung der sozialen Berufe. Bei der Zusammenkunft sagte die Geschäftsführerin des Pflegedienstes, Stefanie Freimuth-Hunfeld, dass der Personalmangel in der Pflege längst in dieser Region angekommen sei. Bürgermeister Bechtluft, der nach eigenen Angaben als Zivildienstleistender und während des Studiums als Pflegehelfer tätig, sagte: „Die bundesweit 13.000 zusätzlichen Stellen in der Pflege sind angesichts des Bedarfs nur ein Tropfen, der sehr schnell auf dem heißen Stein verdampft.“ Ursula Mersmann forderte, die sozialen Berufe attraktiver für Männer zu machen. Dazu gehöre eine angemessene Bezahlung.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN