17. Mai: Tag gegen Homophobie Endlich glücklich: Spätes Outing eines schwulen Landwirts aus dem Emsland

Von Katharina Preuth

Ein schwuler Landwirt outet sich spät. Mittlerweile ist er endlich in einer glücklichen Beziehung. Symbolfoto: Katharina PreuthEin schwuler Landwirt outet sich spät. Mittlerweile ist er endlich in einer glücklichen Beziehung. Symbolfoto: Katharina Preuth

Meppen. Peter ist Landwirt und er ist schwul. Zwei Jahrzehnte verheimlichte er seine Sexualität, vor seiner Frau, seinen Kindern und sich selbst. Die Gründe für sein spätes Outing sind Erwartungen von Außen, der landwirtschaftliche Betrieb und eigene Ängste.

Peter ist frisch verliebt. Auf einem neongrünen glänzenden Sofa im Verein Landlust für Schwule und Lesben in Meppen sitzt Karl neben ihm. Die grauen Kissen mit den weißen Einhörnern mussten weichen, damit die großen Männer auf dem engen Zweisitzer Platz finden. Karl ist sein erster Freund und das, obwohl Peter bereits fast 50 Jahre alt ist.

Die beiden sind erst seit Kurzem ein Paar. Sie berühren sich viel. Gerade streicht Peter über Karls Knie. „Es ist noch ganz neu bei uns. Wir sind einfach froh, uns gefunden zu haben“, sagt Peter und schaut dabei in Karls Gesicht. Im Umgang mit Karl wirkt Peter gelöst. Dass er zufrieden ist, ist nicht selbstverständlich. Und dass er öffentlich zu seiner Homosexualität steht auch nicht.

„Ich habe sehr gelitten“

Bevor Peter zu erzählen beginnt, über seine Ehe, die Kinder und den Hof, den er von seinem Vater übernommen hat, rückt er auf dem Sofa bis an den vorderen Rand. Seine plötzliche Anspannung ist greifbar. Auch wenn sein Umfeld über seine sexuelle Ausrichtung Bescheid wisse, möchte er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Der Schutz seiner Kinder steht für ihn an oberster Stelle. „Ich habe sehr gelitten“, gibt er zu. Im Rückblick habe er schon seit vielen Jahren gewusst, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Warum es bis zu seinem Outing dennoch zwei Jahrzehnte gedauert hat, hängt mit Erwartungen von Außen zusammen, dem landwirtschaftlichen Betrieb und eigenen Ängsten.

Peter erfüllt die Erwartungen

Als ältester Sohn wuchs Peter auf dem elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb auf. Als Hoferbe trägt er den gleichen Vornamen wie bereits sein Großvater und Vater. Sein Lebensweg scheint schon früh vorgezeichnet. Mit der Ausbildung zum Landwirt erfüllt er die Erwartungen, die an ihn gestellt werden.

Er kümmert sich um den Hof und die älter werdenden Eltern. Gleichzeitig findet er eine Frau, heiratet und bekommt Kinder. „Ich habe lange gebraucht, um für mich selbst zu erkennen, dass ich schwul bin“, erzählt er. „Ich dachte, ich wäre bi.“

Treffen für Schwule, Lesben und Transgender

Dem Outing in der Öffentlichkeit geht ein inneres Outing voraus, erklärt Kim Ole Andersen, Gründer des Vereins „Landlust“. „Niemand entscheidet sich, schwul zu sein, aber irgendwann wird einem klar, dass man es ist“, sagt er. Den Verein gibt es seit fünf Jahren. Er bietet Treffen für Schwule, Lesben und Transgender in jedem Alter an und unterstützt bei der eigenen Suche oder dem öffentlichen Outing.

Scheidung von der Ehefrau

Bei Peter wuchs die Verzweiflung. Er schluckt schwer, reibt sich mit der Hand den Nacken. Karl tätschelt ihm über den Rücken. Unglücklich in einer heterosexuellen Beziehung beschloss Peter, sich von seiner Ehefrau scheiden zu lassen, aber ohne sich zu Outen. „Ich wollte anonym schwul leben.“ Das Versteckspiel habe ihn aber zermürbt, bis es für ihn unerträglich wurde. „Irgendwann habe ich mir gesagt, sei einfach du selbst. Hör auf, es anderen recht machen zu wollen.“

Mit seiner rauen Hand greift er nach Karls und drückt sie. Unruhig rutscht er auf dem Sofa hin und her. Immer wieder bittet er um völlige Anonymität. „Es sollte normal sein, zu lieben, wen man möchte. Ist es aber nicht“, sagt Peter. Noch zehn Jahre, nachdem er seiner Familie und den Freunden erzählt hat, dass er schwul ist, bleibt die Erinnerung an eine verzweifelte und einsame Zeit, die dem Outing vorausging.

Erste gemeinsame Shopping-Tour

Die Landlust-Mitglieder treffen sich einmal im Monat in der „Alten Wäscherei“ in Meppen zum Stammtisch. An diesem Donnerstag tummeln sich nur Männer um drei der Tische. Der Verein hat den hinteren Bereich der Kneipe eingenommen. Bei schummrigen Licht fließt der Alkohol, alle rauchen. Peter ist wie ausgewechselt. Entspannt sitzt er neben Karl. Obwohl die beiden sich erst am Abend zuvor gesehen haben, begrüßen sie sich, als wären sie sich ewig nicht begegnet.

Bei einem Bier erzählt Peter von ihrer ersten gemeinsamen Shopping-Tour. Die beiden beigen Pullover und die schwarzen Hemden tragen sie heute zur Schau. „Gab es die im Doppelpack günstiger?“, scherzt ein Mitglied. „Der ist so kuschelig. Fühl mal“, antwortet Peter.

Landleben erschwert das Schwulsein nicht

Die meisten der Mitglieder kommen aus dem Emsland, sind ländlich geprägt. „Ich glaube nicht, dass das Landleben das Schwulsein erschwert“, sagt Andersen. Er selbst habe sich eher spät, mit 27 Jahren geoutet, bei den anderen am Tisch passierte es in der Jugend. Kinder oder eine Exfrau hat hier sonst niemand. Viel Toleranz begegne ihnen in Meppen.

Diese Erfahrung machte auch Peter. Er habe damit gerechnet, einiger seiner Freunde zu verlieren, sobald sie erfahren, dass er schwul ist. Doch das Gegenteil war der Fall. Sie hätten ihm eher Vorwürfe gemacht, dass er so lange mit seinem Outing gewartet habe. „Die Toleranz war mega“, sagt er und reckt dabei den Daumen in die Höhe.

Vorbilder fehlten

Für junge Männer und Frauen, die merken, dass sie anders sind, sei es wichtig, Ansprechpartner zu haben, findet Andersen. Peter hatte keine Gesprächspartner. Auch Vorbilder fehlten ihm. „Heute gibt es Politiker oder Fußballer, die öffentlich sagen, dass sie schwul sind, das war früher anders“, so Andersen. In dem Dorf, in dem Peter aufwuchs und noch heute lebt, ist niemand offen schwul oder lesbisch, erzählt er .

Nach seinem Outing hatte er das Gefühl, alle würden ihn anstarren. Mit herunter geklappter Sonnenblende und den Kragen seinen Poloshirts bis ins Gesicht gezogen, ist er durchs Dorf gefahren. „Ich wollte nicht, dass mich jemand sieht.“

Schwules Bauernpärchen

Im Kreis neuer Freunde bestellt er ein zweites Bier. Die Öffentlichkeit stört ihn an diesem Abend wenig. Hier fühle er sich wohl, sagt er. Doch als eine größere Gruppe weiterer Männer die Kneipe betritt, die nicht zum Verein gehören, schaut er zu ihnen herüber und flüstert, dass sie bestimmt alle zu ihnen schauen würden. „Vielleicht wäre das in einer Großstadt anders, aber ich fühle mich schon manchmal beobachtet“, sagt Peter.

Aber ein Umzug ist keine Option für den Landwirt. Sein Betrieb ist im Emsland, den könne er nicht verlassen. Sollte sich die Beziehung zu Karl weiterentwickeln, wäre die Situation ähnlich. Dann würden sie als schwules Bauernpärchen auf dem Hof leben, witzelt Karl.


Aktionstag am 19. Mai

Gegen Homo- und Transphobie zeigt der Meppener Verein Landlust am Samstag, 19. Mai in Papenburg Flagge. In der Zeit zwischen 9.30 und 14 Uhr werden sie mit einem Stand am Hauptkanal links (auf der Höhe der Sparkasse) über die Arbeit ihres Vereins informieren. Die Aktion findet aus aktuellem Anlass statt. An Karneval habe es einen Übergriff auf einen jungen homosexuellen Papenburger gegeben.