In Moumounis Bein klafft eine Knochenlücke Papenburger Hospital hilft Kind aus Burkina Faso wieder auf die Beine

Von Gerd Schade


Papenburg. Sieben Zentimeter lang war das tote Knochenstück, das der Papenburger Klinik-Cheforthopäde Dr. Thomas Klapperich aus dem rechten Oberschenkel von Moumouni Savadogo entfernt hat. Weitere Operationen stehen an. Dank des Vereins „Hilfe für Kinder in Not“ wird zum dritten Mal in Folge ein Kind aus Burkina Faso im Marien-Hospital behandelt.

Moumouni Savadogo pfeift kurz durch sein lückenhaftes Gebiss. Das Zeichen für den Anstoß. Im nächsten Augenblick stürzt er mit einer seiner beiden Spielfiguren auf dem Tipp-Kick-Feld auf den eckigen Ball. Dass es der in Liegeposition verharrende Torhüter des Fußballspielklassikers ist, stört das aufgeweckte Kerlchen nicht weiter. Seine Gegnerin, die „Hilfe-für-Kinder-in-Not“-Vereinsvorsitzende Ursula Mersmann, spielt geduldig mit. Zusammen mit weiteren Frauen des ehrenamtlichen Besuchsdienstes des Vereins kümmert sie sich um Moumouni, der, mehrere Tausend Kilometer von seiner Heimat und seiner Familie entfernt, in Papenburg behandelt wird.

Über Ärztevereinigung vermittelt

An das Marien-Hospital mit der Bitte um kostenlose medizinische Behandlung vermittelt hat ihn die Ärztevereinigung Hammer Forum. Mit der Vereinigung arbeiten Krankenhaus und Verein, der seine Arbeit ausschließlich durch Spenden und Ehrenamt finanziert, seit mehr als 20 Jahren zusammen. In dieser Zeit sind in Papenburg mehr als 30 Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten in Afrika und Asien behandelt worden. Die Finanzierung wird ebenfalls durch Spenden getragen.

Nicht verheilter Bruch

Mersmanns Aufforderung, aufzustehen, kommt Moumouni nur äußerst widerwillig nach. „Nein“, murmelt er. Kein Wunder, kann er nach der ersten großen Operation vor gut zwei Wochen doch kaum gerade im Rollstuhl sitzen. Von außen umschließt eine große Apparatur (Fixateur) seinen rechten Oberschenkel. Direkt daneben liegt ein klobiger, olivgrüner Kasten, aus dem flüssiges Antibiotikum in das Bein des Jungen verabreicht wird.

Unter großen Schmerzen

Wie Klapperich, Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Marien-Hospital, im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt, hat er beim ersten Eingriff vor allem das abgestorbene Knochenstück entfernt. Der sogenannte Sequester war Teil eines offenbar über Jahre nicht verheilten, infizierten Bruches. Hinzu kam eine chronische Fistelung. „Der Eiter lief nur so aus der Wunde heraus“, sagt Klapperich. Moumouni habe große Schmerzen haben müssen. „Das tat schon beim Zugucken weh“, so Klapperich. Mersmann attestiert dem Chefarzt derweil einmal mehr anerkennend eine „Meisterleistung“.

Wie sich der Junge den offenen Bruch zugezogen hat, weiß in Papenburg niemand. Die Informationslage über die Kinder, die über das Hammer Forum ins Marien-Hospital kommen, ist wie so oft dünn. Wie Mersmann berichtet, ist im Grunde nicht viel mehr bekannt, als dass Moumouni aus einer Nomadenfamilie stammt. Wie er bisher gelebt hat und ob er tatsächlich – wie offiziell angegeben – bereits zehn Jahre alt ist, liegt ebenfalls im Dunkeln.

Trotz Heimweh fröhlich

Fest steht hingegen, dass im rechten Oberschenkel des Schwarzafrikaners seit der ersten Operation eine sieben Zentimeter große Knochenlücke klafft. Sie soll in den kommenden Monaten langsam, aber sicher geschlossen werden.

Dabei bleibt der monströse Fixateur im Spiel. Wie Klapperich erklärt, will er den Knochen neu wachsen lassen – und zwar vereinfacht beschrieben, indem mithilfe der Ringe des Fixateurs an beiden Knochenenden behutsam gezogen wird. Auf jeder Seite sollen so pro Tag 0,5 Millimeter hinzukommen. Macht einen Millimeter pro Tag und im Idealfall in 70 Tagen sieben Zentimeter. In etwa dieselbe Zeitspanne veranschlagt Klapperich danach für das Zusammenwachsen des Knochens.

Mit einer Rückkehr in die Heimat ist für Moumouni deshalb voraussichtlich frühestens im Herbst zu rechnen. „Schon jetzt hat er manchmal Heimweh“, sagt Mersmann. Trotzdem sei er „ein ganz fröhliches Kind“. Das ist auch während des Besuches unserer Redaktion in Moumounis Zimmer auf der Kinderstation zu spüren. Unentwegt brabbelt er etwas in seiner Landessprache Morée und grinst. Die Umstehenden verstehen nur Bahnhof und Bratkartoffeln. Umgekehrt ist es allerdings genauso. Die Verständigung klappt nur mit Händen und Füßen.

Spielen, Malen, Zählen

Die Zeit im Krankenzimmer verbringen Moumouni und der Besuchsdienst mit Spielen, Malen oder Zählen. „Eins, zwei“, sagt Moumouni und grinst wieder. Zwischendurch versteckt er sich schelmisch unter einer Wolldecke.

Sobald er mobiler ist, wollen seine Betreuerinnen, die sich täglich mehrere Stunden um den Jungen kümmern, mit ihm raus. Außerdem soll er einen Kindergarten beziehungsweise eine Grundschule besuchen. „Wir kommen manchmal an unsere Grenzen“, sagt Ursula Mersmann, die sich über Verstärkung – gerne auch männliche – für die Betreuung freuen würde.

Moumouni hämmert derweil den Ball ins Tipp-Kick-Tor. Natürlich mit dem Torhüter. Dann legt er den Ball in den Mittelkreis und pfeift durch die Zähne. Anstoß!

Weitere Infos und Kontakt: Telefon 0 49 61/13 14 (Ursula Mersmann).