„Arbeitsteilung wichtiger Grund für Erfolg“ Meyer Werft: So bedeutend ist für uns Werkvertragsarbeit

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Papenburg. Bundesweit mehr als 20.000 Menschen arbeiten nach den Worten von Meyer-Werft-Kommunikationschef Paul Bloem an den Kreuzfahrtschiffen, die in Papenburg entstehen. Welche Rolle dabei Werkvertragsarbeit einnimmt und wie bedeutsam sie ist, erklärt Bloem im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Bloem, im Zuge der Ermittlungen und der Berichterstattung zu den Vorwürfen einer systematischen Ausbeutung rumänischer Werkvertragsarbeiter durch ein Subunternehmen von ND Coatings werden in der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung Werkvertrags- und Leiharbeit gelegentlich munter in einen Topf geworfen. Erklären Sie doch bitte den Unterschied.

Werkverträge sind Aufträge für eine konkrete Arbeit an eine eigenständige Firma. Das ist vergleichbar mit Handwerkerarbeiten bei einem Hausbau. Die Termine und der Preis sind fest vereinbart. Die Werkvertragsfirma organisiert und steuert ihre Aufträge und die Mitarbeiter eigenverantwortlich. Wir als Werft setzen den zeitlichen Rahmen für die Erstellung des Werkauftrages und nehmen dies am Ende ab. Hierin liegt auch der ganz erhebliche Unterschied zu der Zeitarbeit. Grundsätzlich können Werkvertragsarbeiten an jedem Ort erbracht werden – also auch in den Werkstätten eines Lieferanten.

Zeitarbeit meint hingegen den zeitlich begrenzten Einsatz eines Mitarbeiters bei einer entleihenden Firma, also zum Beispiel der Werft. Hierfür gibt es sehr genaue und strenge gesetzliche Vorgaben. Dieser Mitarbeiter wird sozusagen auf begrenzte Zeit Mitarbeiter der entleihenden Firma, also der Werft. Die disziplinarische Führung wird, im Gegensatz zum Werkvertrag, durch die Führungskräfte der Werft ausgeübt. Der Zeitarbeitnehmer wird in vielen Dingen und im Rahmen der umfangreichen gesetzlichen Vorgaben wie ein eigener Mitarbeiter behandelt. Er kann sogar als stimmberechtigter Mitarbeiter an den Betriebsratswahlen der Werft teilnehmen. Die Abrechnung mit seinem Arbeitgeber erfolgt auf Stundenbasis.

Wie viele Werkauftragsmitarbeiter sind auf der Werft beschäftigt?

Das ist mit dem Begriff Werkvertragsarbeiter schwierig zu definieren. Was genau ist damit gemeint? Mitarbeiter von privat beauftragten Firmen zum Beispiel im Hausbau wie Maler, Maurer und Klempner oder in einer Autowerkstatt, Gärtner et cetera sind auch Werkvertragsarbeiter. Und wie bei einem privaten Hausbau sind auch auf der Werft bei dem Bau schwimmender Städte sehr viele spezialisierte Firmen beteiligt. Im Laufe des Baufortschritts schwankt diese Zahl ganz enorm. Mehr als 20.000 Menschen in Deutschland arbeiten mit uns gemeinsam an den Kreuzfahrtschiffen. Und dies geschieht zeitweise vor Ort auf der Werft, oder in den Werkstätten und Anlagen der Werkvertragsfirmen.

Aus welchen Ländern kommen die Werkvertragsmitarbeiter?

Über die Nationalitäten von Mitarbeitern unserer Lieferanten führen wir keine Statistiken. Wir benötigen diese Informationen nicht und eine solche Analyse wäre meines Erachtens auch ethisch sehr bedenklich.

Mit wie vielen Werkvertragsunternehmen arbeitet die Werft zusammen?

Ich kann keine konkrete, stabile oder gleichbleibende Zahl sagen. Wir bauen an mehreren Kreuzfahrtschiffen gleichzeitig und so arbeiten wir im Laufe eines Jahres mit tausenden Firmen und Zehntausenden Menschen zusammen. Bei uns finden Sie Spezialisten für Theater, Kinos, Küchen und Restaurants, Friseursalons, Massagestudios, Schwimmbäder, Fitnesshallen, Kletterwände, Surfsimulatoren, Kläranlagen, Wasseraufbereitungen und vieles mehr. Dieses innovative Netzwerk einer Arbeitsteilung ist ein wichtiger Grund für unseren Erfolg. Natürlich gibt es darüber hinaus auch Werkverträge für Arbeiten für die es zum Beispiel keine oder wenige regionale Anbieter gibt, die gegebenenfalls nicht zu unserer Kernkompetenz gehören oder die unsere eigenen Kapazitäten übersteigen. Hierzu gehören beispielsweise Konservierungs- oder Isolierarbeiten aber auch verschiedene einfache Stahl- oder Ausrüstungsarbeiten et cetera.

Inwieweit spielt Leiharbeit auf der Werft eine Rolle?

Jahrzehntelang war die Leiharbeit ein vielfach genutztes Sprungbrett für Mitarbeiter zu einem Arbeitsplatz auf die Werft. Die Regulierungen und Begrenzungen sind aber mittlerweile so umfangreich geworden, dass die Leih- oder Zeitarbeit als Flexibilitätsinstrument für uns immer uninteressanter wird. Weltweit nimmt die Bedeutung der Zeitarbeit zu, in Deutschland wird sie aus politischen Gründen leider immer mehr zu einem Auslaufmodell. Die Anzahl dieser Mitarbeiter schwankt entsprechend dem Baufortschritt. Wir übersteigen in der Regel aber kaum die Grenze von ca. 500 Leiharbeitnehmern.

Warum ist es der Werft nicht möglich beziehungsweise nicht erlaubt, die Arbeitszeiten von Lieferanten zu erfassen?

Das Datenschutzrecht hat sehr hohe Hürden für die Zugriffe auf Daten aufgestellt. Es ist uns schlichtweg nicht erlaubt, derartige Daten pauschal von allen Mitarbeitern unserer Lieferanten zu erheben. Wie ich schon ausführte: Werkvertragsunternehmen sind vollkommen eigenständige Unternehmen, die auch von den Behörden dementsprechend überprüft werden.

Warum ist es nicht möglich, dass der Betriebsrat Zugang beziehungsweise . Kontakt zu den Werkvertragsmitarbeitern erhält?

Verstöße gegen unsere Sozialcharta, dem Verhaltenskodex oder dem Tarifvertrag zu Werkverträgen, können selbstverständlich von Fremdfirmenmitarbeitern bei dem Meyer-Werft-Betriebsrat thematisiert werden. Es gibt keinerlei Hindernisse von unserer Seite. Das ist ein gemeinsames Verständnis der Betriebsparteien. Diese vorgenannten Themen bilden aber auch die Begrenzung der Einflussnahme des Meyer-Betriebsrates. Wie die Geschäftsleitung kann und darf auch der Betriebsrat nicht in die Organisation eines eigenständigen Lieferanten eingreifen.


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