Projekt geht in zweite Runde Vom Studienabbrecher zum Azubi: Ems-Achse in Papenburg hilft

Von Gerd Schade


Papenburg. Weil er im zweiten Semester gemerkt hat, dass das Chemiestudium nicht das Richtige für ihn ist, hat Hanno Memmen umgesattelt. Bei der Gartenbauzentrale (GBZ) Papenburg absolviert der 20-Jährige eine duale Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Profitiert hat Memmen von einem Hilfsprojekt für Studienabbrecher, das jetzt verlängert und ausgeweitet worden ist.

„Erfolgreich 4.0“ heißt das Projekt, dass das Wirtschaftsnetzwerk Wachstumsregion Ems-Achse gemeinsam mit der Hochschule Emden/Leer partnerschaftlich umsetzt. Mit im Boot sitzt inzwischen auch die Jade-Hochschule Wilhelmshaven. Das Projekt für die Vermittlung von Studienabbrechern zur Ausbildung in kleinen und mittelständischen Unternehmen wurde jetzt für drei weitere Jahre verlängert und anders als beim ersten Durchlauf auf das gesamte Gebiet der Ems-Achse ausgeweitet – das heißt nicht länger nur auf Ostfriesland, sondern auf das gesamte Emsland und die Grafschaft Bentheim.

Wie Studienberaterin Birte Engelberts von der Hochschule Emden/Leer und Projektleiter Wilko Alberring (Ems-Achse) berichten, wurden bis Januar 2018 insgesamt 70 Studienabbrecher beraten, von denen 47 in eine Ausbildung vermittelt werden konnten. Einer von ihnen ist ehemalige Maschinenbau-Student Georg Becker aus Dornum, über dessen Umstieg in die Elektroniker-Ausbildung bei der Firma Elektro Radtke in Neulehe unsere Redaktion vor eineinhalb Jahren berichtet hat.

Praxis vermisst

Hanno Memmen aus Rhauderfehn hatte sich nach dem Abitur an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg für Chemie eingeschrieben. In der Mitte seines zweiten Semesters habe er jedoch festgestellt, dass er auf dem falschen Weg sei, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Vorlesungen waren langweilig. Außerdem hätte ich mir Praktika gewünscht“. Zudem sei ihm erst spät klar geworden, dass nur Chemiker mit Doktortitel gute Berufsaussichten hätten.

Seine Eltern hätten viel Verständnis gezeigt und ihn nach seinem Entschluss gut aufgefangen, erzählt Memmen weiter. Während der Suche nach einer Neuorientierung habe die Agentur für Arbeit in Leer ihn auf die Ems-Achse aufmerksam gemacht. „Von dem Projekt habe ich bis dahin nichts gewusst“, sagt Memmen.

Mithilfe der Beratungsgespräche habe sich schnell herauskristallisiert, dass eine Ausbildung bei der GBZ für den 20-Jährigen das Richtige sei. „Herr Memmen ist zielstrebig und weiß, was er will“, sagt Alberring.

Und auch die Gartenbauzentrale profitiert von dem Auszubildenden, der aufgrund seines Alters eine gewisse Lebenserfahrung mitbringe, wie GBZ-Ausbildungsleiter Johannes Suerken betont. In dem Betrieb mit rund 180 Mitarbeitern, davon sieben Auszubildende, durchläuft Memmen im sechsmonatigen Wechsel sämtliche Abteilungen von der Buchhaltung über die Abfertigung bis hin zum Vertrieb. „Es war der absolut richtige Schritt. Ich fühle mich sehr wohl. Es macht Spaß, hier zu arbeiten“, sagt Memmen. Suerken verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Gartenbauzentrale „ein über Jahre hinweg ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb“ sei. Die GBZ ist eine Vertriebs- und Absatzgenossenschaft mit nach eigenen Angaben aktuell 44 selbstständigen Gartenbaubetrieben.

30 Prozent brechen ab

Studienberaterin Engelberts zufolge brechen bundesweit rund 30 Prozent der Studierenden ihr Studium ab. „Viele merken in den ersten Semestern, dass es nicht passt oder sie vermissen das praktische Arbeiten“, sagt Engelberts. Die Rückmeldungen aus Betrieben und von Studienabbrechersn seien positiv. Zudem seien an den Hochschulen inzwischen auch Dozenten und Professoren stärker sensibilisiert und vermittelten unter Verweis auf das Projekt an die Studienberatung. Das Beratungskonzept verfolge einen ganzheitlichen Ansatz, in dessen Zuge die Interessen und Fähigkeiten von Studienabbrechern genau ausgelotet würden. „Niemand wird von uns einfach von A nach B geschickt“, betont Engelberts.


Studienabbrecher als Auszubildende gewinnen – das ist auch das Ziel des Projektes Erfolgreich 4.0. Finanziert wird es je zur Hälfte mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums sowie aus dem Europäischen Sozialfonds. Die Fördersumme ist im Vergleich zum ersten Durchlauf leicht gestiegen –und zwar auf knapp 640000 Euro. Mit dem Geld werden in erster Linie Personalkosten bestritten. Aus Sicht der Projektbeteiligten können Studienabbrecher für kleine und mittelständische Betriebe im Ringen um Fachkräfte eine gute Lösung sein – und zwar weil sie nicht nur Abitur, sondern auch erste außerschulische Erfahrungen mitbringen.

Weitere Infos gibt es unter www.emsachse.de.