„Leiden genauso wie Frauen“ Geschiedener Emsländer beklagt gesellschaftliches Denken

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Nach einer Trennung haben sich Mann und Frau häufig nicht mehr viel zu sagen. Symbolfoto: Patrick Pleul/dpaNach einer Trennung haben sich Mann und Frau häufig nicht mehr viel zu sagen. Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa

Papenburg. Er redet sich in Rage. „Als ich das Interview mit Scheidungsanwältin gelesen habe, wurde ich regelrecht wütend“, erbost sich der Mann aus dem nördlichen Emsland. Was ihn so aufgeregt hat? „Dass es bei einer Scheidung immer heißt, wie schwer es die Frau dann doch hat. Aber wir Männer leiden genauso.“

Der zweifache Vater bezieht sich auf ein am Weltfrauentag Anfang März erschienenes Interview unserer Zeitung mit einer Anwältin aus Lathen. „Immer heißt es, wie schlecht die Frauen bei einer Scheidung davonkommen. Doch es sind nicht immer nur die armen Frauen“, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Geht vielen anderen Männern genauso“

Nach mehr als 25 Jahren Ehe zog der Mann im Sommer 2016 aus dem gemeinsamen Haus aus. „Es ging einfach nicht mehr“, erinnert er sich. Die beiden Kinder blieben bei der Ex-Frau. Was folgte, war das Trennungsjahr und die offizielle Scheidung Anfang dieses Jahres. Doch einen Schlussstrich kann er noch immer nicht ziehen. Zu groß sind die finanziellen, beruflichen, sozialen und psychischen Probleme, mit denen er noch immer zu kämpfen hat. „Und vielen anderen geschiedenen Männern geht es genauso“, ist er sich sicher.

„Frauen immer abgesichert, Männer nicht“

Mittlerweile lebt er in einer knapp 80 Quadratmeter großen Mietwohnung. Gerne würde er seinen Kindern, die er jedes zweite Wochenende sehen darf, ein eigenes Zimmer bieten. Doch das sitzt finanziell nicht drin. „Mir bleiben jeden Monat rund 1080 Euro an Selbstunterhalt. Da bleibt kaum etwas übrig.“ Die zu leistenden Unterhaltungszahlungen für die Kinder kritisiert er gleichwohl nicht. „Die zahle ich gerne.“ Fast ihm fehle, ist eine Absicherung. „Eine Frau ist nach einer Scheidung immer abgesichert, Männer können sehen, wo sie bleiben.“

Entwicklung der geschiedenen Ehen im Landkreis Emsland. Quelle: Landesamt für Statistik Niedersachsen, Stand: 1. Nov. 2016 // Grafik: NOZ/Heiner Wittwer

Freunde werden weniger

Außer den finanziellen Folgen erlebte der Mann auch einen sozialen Abstieg. „Der Freundeskreis hat sich deutlich reduziert. Ich weiß jetzt, wer Freund ist und wer nicht.“ Hinzugekommen sind bei ihm psychische Probleme, die sich auch im beruflichen Alltag niederschlugen. „Mich hat der ganze Ärger mit meiner Ex-Frau zermürbt. Zudem vermisse ich meine Kinder. All das hat dazu geführt, dass ich in psychiatrische Behandlung musste.“ Darunter habe natürlich auch die Arbeitsqualität gelitten. „Zum Glück habe ich aber einen verständnisvollen Arbeitgeber, der mich gerade in der ganz schwierigen Phase nicht fallengelassen hat.“

Vom Jugendamt „vorverurteilt gefühlt“

Kritik übt der Mann auch am Jugendamt. „Ich habe mich vorverurteilt gefühlt. Meiner Ex-Frau wurde geglaubt und mir nicht.“ Was er fordert, ist eine gleichgestellte Behandlung. „Ich habe dort aber nix zu melden, obwohl mir immer gesagt wird, dass ich die gleichen Rechte hätte wie meine Ex-Frau.“ Er beklagt die Machtlosigkeit eines geschiedenes Mannes. „Gefühlt hat der Mann in Fall einer Scheidung auch aufgrund des gesellschaftlichen Denkens seine Rechte abgegeben.“

Keine gescheiterte Existenz

Als eine gescheiterte Existenz sieht er sich gleichwohl nicht. „Klar, ich bin bei null. Ein gebeutelter Mann bin ich aber nicht.“ Dank seiner Familie und seiner neuen Freundin sowie des verständnisvollen Arbeitgebers habe er die ganz schwere Zeit meistern können. „Ohne die würde ich heute nicht hier sitzen.“ Kraft würden dem zweifachen Vater auch die Kinder geben, „die gerne bei mir sind.“

Fehlen Anlaufstellen? - Landkreis widerspricht

Was er sich wünscht, ist ein gesellschaftliches Umdenken. „Klar leidet die Frau bei einer Scheidung. Der Mann aber genauso.“ Was ihm fehlt, sind Anlaufstellen für geschiedene Männer. „Frauen haben so viele Möglichkeiten, aber für uns gibt es kaum etwas.“ Eine Einschätzung, die Anja Rohde, Sprecherin des Landkreises Emsland, nicht teilt. „Schaut man sich beispielsweise das Angebot der Kontakt- und Beratungsstelle im Emsland im Internet unter selbsthilfe-emsland.de an, so richten sich alle dort vorhandenen Angebote zur Selbsthilfe sowohl an Frauen als auch an Männer“, teilt Rohde auf Anfrage mit. Eine geschlechtsspezifische Unterscheidung oder sogar Gewichtung hin zu einem Geschlecht gebe es dort nicht. Männer und Frauen können laut Rohde gleichermaßen auf diesem Weg Hilfe in Krisensituationen finden.


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