Mehrmals geschlagen und bedroht Junger Papenburger klagt über Aggression nach Outing

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Mit seiner Bekannten, die am Rande des Papenburger Karnevalszugs geschlagen wurde, ist der 18-jährige Marc Poelmann zum Gespräch mit unserer Redaktion gekommen. Dass sein Name veröffentlicht wird, findet der Papenburger in Ordnung, sein Gesicht möchte er nicht zeigen. Foto: Daniel Gonzalez-TepperMit seiner Bekannten, die am Rande des Papenburger Karnevalszugs geschlagen wurde, ist der 18-jährige Marc Poelmann zum Gespräch mit unserer Redaktion gekommen. Dass sein Name veröffentlicht wird, findet der Papenburger in Ordnung, sein Gesicht möchte er nicht zeigen. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Papenburg. Marc Poelmann erhielt Morddrohungen und wurde mehrfach zusammengeschlagen. Angezeigt bei der Polizei hat er es nicht. Der Papenburger ist 18 Jahre alt und schwul. Er beklagt eine zunehmende Homophobie in seinem Heimatort.

Der Papenburger outete sich 2015 über seine Facebookseite. Und das ganz bewusst. „Ich wollte verhindern, dass es sich langsam herum spricht und jeder zu mir gelaufen kommt, um zu fragen, ob es stimmen würde, dass ich schwul bin.“ Nach dem Outing ist er zwei Tage nicht zur Schule gegangen. „Mir war bewusst, dass es viele Mitschüler gelesen haben werden. Ich hatte keine Lust auf Lästereien“, berichtet der junge Mann.

Seine Eltern und die ältere Schwester akzeptieren die Homosexualität vom ersten Tag an, auch die Großeltern, nachdem er ausführlich mit ihnen darüber gesprochen hatte. „Für die Unterstützung der Familie bin ich auch sehr dankbar. Ich weiß, dass es in vielen Familien anders läuft“, sagt Marc Poelmann, der nach dem Schulabschluss seit Sommer 2017 ein freiwilliges soziales Jahr in einer Einrichtung für junge Behinderte in Papenburg absolviert.

(Weiterlesen: Homophobie in der Gesellschaft muss verschwinden)

Bekannte wurde an Karneval geschlagen

Seit dem Outing berichtet er auf der Facebookseite auch regelmäßig aus seinem Leben, von den schönen, aber auch manchmal nicht so schönen Erlebnissen. Ein Vorfall, der sich beim Papenburger Karnevalsumzug im Februar ereignete, bewog ihn nun dazu, an eine breitere Öffentlichkeit heranzutreten. Es war Sonntag, der 11. Februar, als er mit seiner besten Freundin Karneval am Gasthauskanal feierte. „Ein junger Mann hatte uns beobachtet. Als Marc auf Toilette musste, sprach er mich an und fragte, ob ich mit ihm feiern würde“, berichtet die 18-Jährige. Daraufhin wurde die junge Papenburgerin geschlagen und getreten. „Und das nur, weil sie mit mir befreundet ist“, sagt Marc Poelmann.

Er selber wurde nach eigenen Angaben aufgrund seiner sexuellen Neigung zweimal zusammengeschlagen und mehrfach extrem beleidigt. „Es kam sogar zu Morddrohungen“, so der 18-Jährige. Alleine durch den Stadtpark geht er nicht mehr. Dort sei er getreten und geschlagen worden. Einer habe ihm zugerufen: „Sehe ich dich im Stadtpark, steche ich dich ab.“ Anzeige erstattete Marc Poelmann nie. Das bringe nichts, weil es in den meisten Fällen anonym passiert sei, sagt er.

Polizei bietet Opfern Beratung an

Ein Sprecher der Polizei sieht darin keine Lösung. „Wenn wir nicht von der Tat erfahren, können wir sie nicht verfolgen und den Opfern auch keine Hilfestellung bieten“, sagt er. Zahlen zu Gewalttaten gegen Homosexuelle im Emsland gibt es nicht direkt. „Es gibt sicherlich Fälle, sie fallen dann in den Bereich sexuelle Selbstbestimmung. Dabei wird allerdings bei den sogenannten Deliktschlüsseln nicht nach Homophobie oder anderen Straftaten, beispielsweise Gewalt von Männern gegen Frauen, unterschieden“, sagt der Sprecher. „Wenn die Taten hier aktenkundig sind, gibt es allerdings vielfältige Möglichkeiten der Opferberatung“, so die Polizei. „Wir sind eng vernetzt mit den entsprechenden Institutionen.“

(Weiterlesen: Haben es Schwule im Emsland schwerer als in der Großstadt?)

Auch psychologische Beratungsstelle kann helfen

Mit etwa 15 Fällen jährlich, die im Zusammenhang mit Homo- oder Transsexualität stehen, hat Psychologe Christopher Trouw von der psychologischen Beratungsstelle in Papenburg zu tun. Mit Homophobie, die in körperlicher Gewalt und Morddrohungen mündete, wie es Marc Poelmann beschreibt, hatte Trouw bisher noch nie zu tun. Betroffene sollten zumindest einen Arzt aufsuchen, rät er, um Verletzungen zu dokumentieren. Eine Möglichkeit sei auch das Netzwerk „Pro Beweis“, das Hilfe und Unterstützung bei häuslicher und/oder sexueller Gewalt bietet. Bei der psychologischen Beratungsstelle finden jährlich zwischen 800 und 900 Beratungsgespräche statt.

Verein Land Lust: Emsland ist recht aufgeschlossen

„Wer so viel Negatives erlebt wie der junge Papenburger, bekommt Angst – berechtigterweise“, sagt Markus Freesemann, Vorsitzender des Vereins Land Lust in Meppen, der sich für die Rechte von Schwulen und Lesben in ländlichen Regionen einsetzt. Er selbst hat bisher wenig Homophobie in seinem Lebensumfeld erlebt, kennt aber auch andere Schilderungen. „Ich denke aber, dass das Emsland recht aufgeschlossen ist“, sagt Freesemann. Der Verein hat in den vergangenen Jahren viele Erfolge im Hinblick auf die Akzeptanz von Homosexualität erreichen können. „Unsere Arbeit ist aber nicht zu Ende, denn Homophobie fängt in den Köpfen der Leute an“, so der Vorsitzende.

(Weiterlesen: Meppener Verein Land Lust engagiert sich für Homo- und Transsexuelle)

Umzug nach Hamburg geplant

Für Marc Poelmann kommen diese Ratschläge vermutlich zu spät. Er plant langfristig einen Umzug nach Hamburg, weil dort die Lebensbedingungen für Homosexuelle einfach besser seien. Auch beruflich hat er sich entschieden, der Stadt Papenburg den Rücken zu kehren, vorerst zumindest: Er wird sich an einer Fachschule in Meppen zum Pfleger ausbilden lassen und dafür auch in die Kreisstadt ziehen.


Kontakt

Wer in Kontakt mit dem 18-Jährigen treten möchte, sendet eine E-Mail an d.gonzalez-tepper@noz.de. Sie wird dann, sofern der Inhalt seriös ist, an den Papenburger weitergeleitet.

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