Grippewelle im Emsland Als die Pandemie 1918 auch nach Papenburg kam

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Papenburg. Eine Grippewelle schwappt gerade über unsere Region hinweg. Vor 100 Jahren fiel die Influenza besonders stark und großflächig aus, entwickelte sich in Herbst und Winter des Jahres 1918 sogar zur „Pandemie“. Über die Auswirkungen der sogenannten Spanischen Grippe in Papenburg und Umgebung weiß Heimatforscher Dieter Simon Interessantes zu berichten.

Als sich das Jahr 1918 und der Erste Weltkrieg dem Ende zuneigten, wütete in Europa, Asien, Afrika und den USA eine der schwersten Influenza-Epidemien, die die Menschheit bis dahin gesehen hatte. Wie diese Zeit im nördlichen Emsland erlebt wurde, damit hat sich der Heimatforscher Dieter Simon beschäftigt. Auch in der Region fielen damals viele Menschenleben der Seuche zum Opfer.

Es war wohl ein Vorläufer der Schweinegrippe, die in einer besonders gefährlichen Form auftrat und der die durch Krieg und Entbehrung gezeichnete Bevölkerung wenig entgegenzusetzen hatte. Simon weiß: „Der Mangel an Ärzten, ungenügendes Sanitätsmaterial und der schlechte Allgemeinzustand der Menschen in Zeiten des Krieges begünstigte, dass die Erkrankung in eine Lungenentzündung ausartete und zum raschen Tod führte.“

„Spanische Grippe“ hatte Ursprung in den USA

Wie Simon in einem Aufsatz über die Spanische Grippe in Band 13 der Reihe „Emsländische Geschichte“ (S. 106 - 145) berichtet, forderte die Viruserkrankung ab Herbst 1918 in der Gegend zwischen Papenburg, Lingen und Nordhorn viele Hundert Menschenleben. Seine Quellensuche sei dadurch erschwert worden, dass die damalige Heeresleitung und andere staatliche Stellen die tatsächlichen Ausmaße der Epidemie zu verschleiern suchten. „Das Heer sollte vor dem Feind nicht als geschwächt gelten, eine Panik in der Bevölkerung vermieden werden“, erklärt Simon.

Amerikanische Soldaten hatten den Erreger mit nach Europa gebracht, wo sie sich von Spanien aus weiter verbreitete. Der Seuchenzug erreichte die letzte deutsche Offensive an der Westfront. Im Juli 1918 litten im deutschen Heer bereits mehr als eine halbe Million Soldaten an den Symptomen Fieber, Schüttelfrost, Kopf und Gliederschmerzen.

Öffentlichen Leben kam fast zum Erliegen

Nach den Schützengräben breitete sich die Spanische Grippe im Hinterland aus und brachte auf ihrem Höhepunkt im November 1918 das öffentliche Leben in manchen Städten fast zu Erliegen. Erstaunlich, so Simons Beobachtung, dass der erhebliche Einfluss der Seuche auf die militärischen wie politischen Ereignisse des Ersten Weltkrieges so wenig in der Fachliteratur beachtet worden sei.

Für Papenburg lässt sich feststellen, dass erste Fälle von Grippe in den Papenburger Krankenhausakten im Juli 1918 beschrieben wurden und sich die Erkrankungen in den Folgemonaten häuften. Der Pfarrer von St. Antonius, Paul Engelhard schrieb in der Orts-Chronik: „Im Oktober kam die (...) Grippe auch nach Papenburg, wo sie viele Opfer forderte.“ Auch wenn wegen der von Simon beschriebenen Umstände eine genaue Zahl der Grippeopfer nicht zu ermitteln ist, verdeutlicht die folgende Zahl das Ausmaß der Epidemie: Ein Drittel der Arbeiter in der Glashütte konnten wegen Krankheit nicht zum Dienst erscheinen. Mancherorts mussten Schulen geschlossen werden. In der Kirchengemeinde St. Amandus Aschendorf starben innerhalb von sechs Wochen 25 Menschen. In der Pfarrgemeinde St. Michael am Obenende wurden binnen vier Monaten 32 Papenburger zu Grabe getragen, die der Grippe oder einer Lungenentzündung erlegen waren.

Junge Frauen und kleine Kinder unter den Opfern

Während an der Front immer mehr Soldaten durch den Virus starben, ereilte die Grippe in der Heimat erstaunlich viele junge Frauen und kleine Kinder. In Papenburg ereignete sich ein besonders tragischer Fall. Kurz bevor der Vater von der Front heimkam, starben seine 25 Jahre alte Ehefrau, der dreijährige und der neun Monate alte Sohn. Die Nachricht traf den Vater mit aller Wucht, als er einen Tag vor der Beerdigung seiner Angehörigen nach Hause kam.


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