„Extreme Verengung auf Effekte“ „Der Hauptmann“: Gebürtiger Papenburger fällt vernichtendes Urteil

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Papenburg. Effektheischend, blutrünstig, wenig authentisch: Paul Meyer, Regisseur, Grimmepreisträger und gebürtiger Papenburger, lässt an dem Spielfilm „Der Hauptmann“ nach den wahren Gräueltaten des Wehrmachtsgefreiten Willi Herold im Emsland kein gutes Haar.

Meyers Kritik fällt im Gespräch mit unserer Redaktion vernichtend aus. Außerdem will er beweisen, dass es besser geht. Zusammen mit dem Regisseur und Autor Hans-Erich Viet hat Meyer ebenfalls ein filmreifes Drehbuch fertiggestellt – und zwar schon vor zwei Jahren. Allerdings steht die Finanzierung bislang noch nicht.

„Ein Nazi-Reißer„

An dem Projekt wollen beide trotz des aktuellen Spielfilms festhalten. „Jetzt erst recht“, sagt Meyer, der in Freiburg lebt, nachdem er und Viet sich den Film von Robert Schwentke, Regisseur mit Hollywood-Erfahrung, angesehen haben. Sie zeigen sich in mehrerlei Hinsicht „entsetzt“ – sowohl, was die historische Authentizität und die Ästhetik des Films angeht, als auch die Berücksichtigung lokaler Aspekte. So tauchten beispielsweise keine emsländischen Ortsnamen auf. Überhaupt sei der Film schlecht recherchiert und in eine abstrakte Welt gesetzt. Viet: „Es wurden die schlimmsten Verbrechen herausgesucht und dann etwas hinzugedichtet. Aus dem Stoff wurde ein Nazi-Reißer gemacht.“ Er und Meyer beklagen eine extreme Verengung der Geschichte auf Effekte.

Massenerschießung als Blutbad

Als Beispiel nennen sie die Szene der Massenerschießung, wie sie seinerzeit im Lager Aschendorfermoor stattgefunden hat. Schwentke habe daraus ein Blutbad gemacht – Nahaufnahmen von Sterbenden inklusive. „Das ist einfach nur widerlich. Es ist eine Frage, wie man filmisch mit Gewalt umgeht“, sagt Viet.

Als schlechte Verlierer sehen sich er und Meyer nicht. Wenn ihnen der Film gefallen hätte, „hätten wir den Hut gezogen und gesagt: Pech gehabt. Nun ist aber genau das Gegenteil der Fall. Wir lassen uns von Hollywood nicht unterkriegen“, so Viet

Geschichte bleibt auf der Strecke

Die tatsächliche Geschichte von Willi Herold bleibt nach Viets und Meyers Auffassung auf der Strecke. „Der Film muss doch einen klaren historischen Bezug haben“, sagt Meyer, der in den Tagen vor dem Kinostart vor allem als Experte der Historie gefragt ist. Kein Wunder, war er es doch, der Herolds Gräueltaten in den 90er-Jahren zusammen mit Rudolf Kersting in dem Dokumentarfilm „Der Hauptmann von Muffrika“ sehenswert aufgearbeitet hat. Dafür wurde Meyer mit dem Grimmepreis ausgezeichnet.

Was Meyer an dem Stoff fasziniert: Die Emslandlager waren zu seiner Kindheit „ein Un-Thema“, wie er sagt. „Es gab Geschichten über einen verrückten, jugendlichen Hauptmann und eine angeblich einzige kriminelle Tat. Das hat mich als Jugendlicher gepackt. Ich wollte gerne immer wissen, was da passiert ist.“

Komplexität statt Ballerei

Um Authentizität soll es auch in Meyers und Viets Spielfilm gehen. „Unser Drehbuch zeichnet aus, dass wir mehr Herold zeigen wollen“, sagt Meyer. „Er war zwei Jahre im Krieg, aber immer noch nur Gefreiter. Sein Wunsch war das Bild eines großen Militärs. Als Pimpf ging er nach Berlin, wollte nach Amerika, weil ihn Cowboy- und Indianergeschichten faszinierten. Willi Herold war ein fantasiebegabtes, aber auch renitentes Kind. Er hat bis zum Schluss an den Sieg geglaubt.“ Im Schwentke-Film werde er stattdessen als Feigling dargestellt.

„Was wir so faszinierend finden, ist die unerklärliche Verflochtenheit“, fügt Viet hinzu. „Komplexität interessiert uns mehr als Ballerei.“


Paul Meyer schildert das Massaker auch in dem Buch „Hölle im Moor – Die Emslandlager 1933 bis 1945“ (ISBN 978-8353-3137-2; 24,90 Euro).

Bereits 1987 veröffentlichte T. X. H. Pantcheff, Major der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg, der Massaker mit aufgeklärt hat, das Buch „Der Henker vom Emsland – Dokumentation einer Barbarei am Ende des Krieges 1945“. Eine Neuauflage ist im Schuster-Verlag Leer erschienen. Preis: 17,90 Euro.

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