Drangsaliert, eingesperrt, geschlagen So hat eine Emsländerin häusliche Gewalt erlebt

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Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt ihres Mannes zu schützen. Szenen wie diese gestellte haben sich auch in der Beziehung der 44-jährigen Hümmlingerin abgespielt. Symbolfoto: dpa/ArchivEine Frau versucht, sich vor der Gewalt ihres Mannes zu schützen. Szenen wie diese gestellte haben sich auch in der Beziehung der 44-jährigen Hümmlingerin abgespielt. Symbolfoto: dpa/Archiv

Papenburg. 245 Fälle hat die Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) gegen häusliche Gewalt im nördlichen Emsland 2017 registriert. Die Höhe der Dunkelziffer ist ungewiss. Aus dem Schatten herausgetreten ist eine 44-jährige Frau vom Hümmling. Nach ohnehin schwierigen Beziehungsjahren ist die Situation mit ihrem Ehemann gefährlich aus dem Ruder gelaufen, wie sie erzählt. Die Geschichte eines Einzelschicksals.

Die Eskalation im Leben der Frau erreicht an einem späten Abend im vergangenen August ihre höchste Stufe. Die 44-Jährige ist tagsüber mit ihren drei erwachsenen Kindern sowie den zwei Enkeln zum Schwimmen in ein Erlebnisbad nach Delmenhorst gefahren – allerdings nicht stressfrei. Ihr Mann, mit dem sie seit neun Jahren Tisch und Bett teilte, bevor sie ihn vor zwei Jahren heiratete, schürt offenbar permanent eifersüchtiges Misstrauen. „Er war schon immer ein schwieriger Mensch, aber seitdem wir verheiratet sind, hat er sich um 180 Grad gedreht“, sagt die drangsalierte Hümmlingerin.

Mit der Arbeit klappt es nicht

Im Gespräch mit unserer Redaktion, zu dem sie Heike Gertken von der BISS-Beratungsstelle in Papenburg mitgebracht hat, beschreibt die 44-Jährige ihren Mann als herrisch, cholerisch und kontrollbesessen. Hinzu sei Arbeitsstress gekommen, weil es mit der beruflichen Selbstständigkeit in Form eines Handwerksbetriebes nicht so recht habe klappen wollen. Handgreiflich sei er ihr gegenüber aber bis zu besagtem Abend nicht geworden, versichert die Frau.

Handy kontrolliert

Gleichwohl trennt sie sich zwischenzeitlich mehrfach von ihm und findet bei einer ihrer Töchter Unterschlupf, kehrt aber immer wieder zu dem Partner zurück. Und das, obwohl der Mann ständig das Mobiltelefon der Frau und den Kilometerstand des Autos kontrolliert. „Er hat immer geglaubt, ich würde fremdgehen“, sagt sie. Ein eigenes Konto darf sie nicht führen, obwohl sie selbst Arbeiten geht – als Aufsicht in einer Spielhalle. Hinzu übt der Mann auch Druck auf das Sexleben aus. „Vielleicht war ich zu gutgläubig“, meint die 44-Jährige. Wenn sie dem Wunsch nach Geschlechtsverkehr dennoch aber nicht entsprochen habe, sei er wütend und Türen knallend durch die Wohnung getobt.

Mit Kurznachrichten bombardiert

Während des Schwimmausflugs lässt die 44-Jährige ihr Handy im Umkleidespind. Der Mann flutet das Mobiltelefon in dieser Zeit mit Kurznachrichten und dem Dauervorwurf, sie sei ja gar nicht Schwimmen.

Schlagend durch die Küche getrieben

Als die Frau abends nach Hause zurückkehrt, erscheint zunächst dennoch alles normal. „Mein Mann war zum Rauchen auf der Terrasse und ich wollte mich in der Küche gerade per Whatsapp bei meiner Tochter für den schönen Tag bedanken, als er plötzlich hereinstürmt und mir das Handy aus der Hand schlägt“, erzählt die Frau. Im nächsten Augenblick deckt er sie mit Nackenschlägen ein und treibt sie durch die Küche. „Ich wollte zur Vordertür raus. Die war aber abgeschlossen und mit dem Vorhängeschloss gesichert. Was mir dann außerdem aufgefallen ist, war, dass überall die Jalousien heruntergelassen waren.“ Für die Frau ein Indiz, dass der Übergriff geplant war. Sie flüchtet sich aufs Bett und versucht so gut es geht, ihren Kopf mit Händen und Armen zu schützen. „Ich hatte Angst.“ Der Mann schreit sie an. Er ist angetrunken.

Auch im Opfer steigt Wut auf

In dieser Situation steigt auch der Zorn des Opfers. „Ich wurde immer wütender, habe dann auch geschrien und gesagt, dass ich mich endgültig von ihm trennen werde“, berichtet die 44-Jährige.

Mit Küchenmesser auf die Terrasse

Als sie mehrfach versucht, vom Bett aufzustehen, wirft sie ihr Partner immer wieder zurück. Dann fordert er sie auf, sich zu duschen. Er wolle Sex. Und wenn sie sich weigere, werde er sie vergewaltigen und sich dabei die Pulsadern aufschneiden, habe er gesagt. Dann aber habe er das Zimmer verlassen, ein Küchenmesser genommen und sich damit in einen Gartenstuhl auf die Terrasse gesetzt.

„Ich wusste nicht, was ich tun sollte“, berichtet die Frau. Ihr sei es aber gelungen, das Messer an sich zu nehmen und es zu verstecken.

Reumütige Worte – „das übliche Blabla“

Die Lage scheint sich zu beruhigen. Weil sie die verriegelte Wohnung aber nicht verlassen kann, kehrt die Frau aufgewühlt aufs Bett zurück. Später kommt ihr Mann ins Zimmer, der sich zwischenzeitlich – offenbar wegen seines übermäßigen Alkoholkonsums – übergeben muss, setzt sich in einen Sessel und trinkt weiter. „Dann sagte er, ich hätte ihn provoziert, es würde ihm alles schrecklich leidtun und er könne verstehen, dass ich ihn nun endgültig verlassen würde. Das übliche Blabla“, sagt die Hümmlingerin.

In Windeseile Tasche gepackt

In den frühen Morgenstunden geht der Mann unvermittelt aus dem Haus. Die 44-Jährige schnappt sich eine Tasche, packt in Windeseile ein paar Sachen zusammen und flüchtet sich zu ihrer Tochter. „Ich hatte Angst, dass er wiederkommt“, sagt sie. Noch am selben Tag erstattet das Opfer Anzeige bei der Polizei. Die Beamten vermitteln Kontakt zur BISS-Beratungsstelle. Die Anzeige wird später eingestellt, „weil ich nicht zum Arzt gegangen bin“. So ließen sich etwaige Verletzungen nicht belegen.

Bei Null angefangen

Zurzeit läuft noch das Trennungsjahr. Als Nächstes steht die Scheidung an. Und doch ist die 44-Jährige trotz mitunter noch immer schlafloser Nächte schrittweise auf dem Weg zurück in die Normalität. Sie hat eine eigene Wohnung und eine neue Arbeitsstelle. Dort ist es ihrem Noch-Mann inzwischen gerichtlich untersagt, sich ihr zu nähern, was mehrfach vorgekommen ist. „Ich bin noch einmal bei Null angefangen. Als ich das Haus verlassen habe, hatte ich kein Handtuch, keinen Topf und keine Gabel. Heute bin ich stolz auf mich, obwohl es immer noch schwer ist.“


Das ist häusliche Gewalt:

Der Partner

  • beleidigt sein Opfer
  • hindert es daran, Familie und Freunde zu treffen
  • sperrt sein Opfer ein
  • wird wütend und rastet aus
  • schlägt, tritt oder schubst
  • zwingt zum Sex
  • kontrolliert die Finanzen seines Opfers
  • verfolgt und belästigt
  • droht seinem Opfer Verletzungen und Gewalt

Nach Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002 sind im Emsland die ersten Beratungs- und Interventionsstellen für Menschen eingerichtet worden, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Nach Angaben des SKF Meppen werden durch die Beratung die Opfer nicht nur über ihre Möglichkeiten nach dem Gewaltschutzgesetz informiert. Dazu gehöre beispielsweise die alleinige Zuweisung der gemeinsamen Wohnung für das Opfer und/oder das Erwirken eines Näherungsverbotes. Hinzu komme das Auffangen in einer Krisensituation und Unterstützung bei der Entwicklung neuer Perspektiven für eine gewaltfreie Zukunft.

Weitere Infos und Kontakt: 01 51/11 87 58 30 (Heike Gertken, SkF Meppen), Sprechstunde in Papenburg: montags 8.30 bis 12.30 Uhr.

SKF Lingen: 0591/ 4129 (Monika Olthaus-Göbel), 01 71/ 9 35 73 35 (Rufbereitschaft Frauen- und Kinderschutzhaus).

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