Serie „Mein Job und ich“ Gerichtsvollzieher aus Papenburg über Stammkunden, Interneteinkäufer und Scham

Von Daniel Gonzalez-Tepper

Ist Gerichtsvollzieher im Amtsgerichtsbezirk Papenburg: Daniel Bockhorst. Sein Büro befindet sich an der Friesenstraße. Foto: Daniel Gonzalez-TepperIst Gerichtsvollzieher im Amtsgerichtsbezirk Papenburg: Daniel Bockhorst. Sein Büro befindet sich an der Friesenstraße. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Papenburg. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht diesmal Gerichtsvollzieher Daniel Bockhorst aus Papenburg über schlecht gelaunte Stammkunden, Interneteinkäufer und Scham.

Herr Bockhorst, wenn Sie bei einem Klienten an der Tür klingeln, dürfte sich die Begeisterung bei dem Klienten in Grenzen halten. Wie gehen Sie in solchen Situationen vor?

Einen großen Teil der Klienten kenne ich bereits durch vorherige Besuche. Die kennen die Abläufe bereits. Tragisch sind natürlich die Fälle von Menschen, die unverschuldet in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit. Bei der Insolvenz von ADO zum Beispiel sind viele ältere Menschen arbeitslos geworden, die häufig Berufsausbildungen hatten, bei denen es schwierig war, etwas neues zu finden. In solchen Fällen fließen schon einmal die Tränen. Und wenn ein älterer Klient von 500 Euro Rente leben muss, obwohl er sein ganzes Leben gearbeitet hat, geht einem das natürlich auch nahe.

Wie oft reagieren Klienten aggressiv?

Es gibt drei Arten, wie sich Klienten verhalten. Die ersten machen große Augen, sind überrascht über meinen Besuch und reagieren höflich, damit die Sache vom Tisch kommt. Die zweite Gruppe sind ,Stammkunden‘, zu denen man ein gutes und vertrautes Verhältnis aufbaut und ich weiß, dass eine Ratenzahlung auch in der Regel funktioniert. Die dritte Gruppe, etwa fünf Prozent der Klienten, reagiert aggressiv und ablehnend. Bei denen muss ich auf den Selbstschutz achten und mit Polizei und Haftbefehl vorstellig werden, um die Vollstreckung durchzusetzen.

Wie oft ist Scham dabei?

Das kommt natürlich vor. Unsere Klienten stammen aus allen Bevölkerungsschichten. Wir sind auch in Wohnvierteln mit Einfamilienhäusern unterwegs, bei denen man davon ausgehen kann, dass ein geregeltes Einkommen fließt. Da ist nicht selten Scham im Spiel. Möglich ist ja aber beispielsweise auch, Termine hier bei mir im Büro an der Friesenstraße zu vereinbaren, um beispielsweise eine Vermögensauskunft abzugeben oder eine Ratenzahlung schriftlich zu vereinbaren. Wenn wir wiederholt niemanden angetroffen haben, kommt es aber auch vor, dass wir abends oder am Wochenende unterwegs sind.

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Wie oft kommt das denn vor?

Sehr oft. Viele reagieren auf Anschreiben einfach nicht. Wenn ich 20 zu einem Termin hier im Büro lade, zum Beispiel für die Abgabe der Vermögensauskunft, reagieren meist nur zwei oder drei. Erst bei Androhung eines Haftbefehls und in Begleitung der Polizei reagieren viele. Dabei sind wir auch dafür da, den Schuldnern eine Perspektive aufzuzeigen, ihnen zum Beispiel Hinweise im Hinblick auf Beratungsangeboten oder eine Privatinsolvenz zu geben. Wir sind sozusagen das Schwert für die Gläubiger, aber auch das Schild für die Schuldner. Das verkennen aber viele.

Wie gehen Sie mit belastenden Situationen im Job vor? Können Sie externe Hilfe in Anspruch nehmen, zum Beispiel von einem Psychologen?

Das könnten wir, kommt aber nur sehr selten vor. Was hilft, ist der regelmäßige Austausch mit den Kollegen, in denen wir über alle Fälle sprechen. Auch, damit wir uns gegenseitig vertreten können.

Ist der Job des Gerichtsvollziehers ein Ausbildungsberuf, oder muss man dafür studieren?

Letztlich ist es eine 18-monatige Fortbildung für Justizmitarbeiter, 24 Monate für Menschen, die aus einem kaufmännischen Bereich kommen. Ich habe eine Ausbildung zum Justizfachwirt bei der Staatsanwaltschaft in Osnabrück absolviert und dort auch zehn Jahre gearbeitet, zuletzt im Bereich Sozialverbrechen und Kindesmissbrauch. Mir fehlte aber irgendwie der direkte Kontakt zu Menschen bei der Arbeit. Deshalb habe ich die Fortbildung zum Gerichtsvollzieher gemacht. Da meine Frau aus dem nördlichen Emsland stammt, habe ich mich um die Stelle im Amtsgerichtsbezirk Papenburg bemüht und dann auch vor etwa vier Jahren bekommen.

Wie ist der Gerichtsbezirk aufgeteilt, wo sind Ihre Einsatzgebiete?

Es gibt vier Gerichtsvollzieher für die vier Kommunen Papenburg, Dörpen, Lathen und Nordhümmling, Sögel und Werlte gehört zum Amtsgerichtsbezirk Meppen. Nicht alle sind in Vollzeit tätig, im Prinzip sind es 3,5 Stellen. Ich bin schwerpunktmäßig in der Stadt Papenburg und Lathen unterwegs. Arbeit gäbe es für fünf Vollzeitstellen, wir bekommen jeder zwischen 1500 bis 1600 Aufträge im Jahr auf den Tisch.

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Heißt das, die gute konjunkturelle Lage macht sich bei Ihnen nicht bemerkbar?

Das ist so, ja. Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Wobei gesetzliche Änderungen in den vergangenen Jahren für uns für Mehrarbeit gesorgt haben. Die Bürokratie hat zugenommen. Beispielsweise müssen wir mehr und kürzere Fristen einhalten. Eine Vermögensauskunft, in dem der Schuldner alle Einnahmen und Kontoverbindungen angeben muss, war früher drei Jahre gültig, inzwischen nur noch zwei Jahre. Dadurch hat sich der Turnus, in der wir Fälle wieder zur Hand nehmen müssen, verkürzt und sorgt für Mehraufwand.

Das Bestellen im Internet hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Damit auch die Zahl der offenen Rechnungen?

Beim Mobilfunk würde ich sagen ja. Für viele muss es immer das neueste Handy sein, vor allem bei jüngeren Leuten. Und wenn die monatliche Rate dafür ausbleibt, sind die Mobilfunkfirmen schnell dabei mit Mahn- und Vollstreckungsbescheiden. Mahnbescheide von Versandhäusern kommen natürlich auch vor. Strafrechtlich relevant wird es, wenn mit falschen Geburtsdaten hantiert wird. Wenn beispielsweise Eltern im Namen ihrer minderjährigen Kinder Waren bestellen und die Rechnung dann nicht bezahlen können, informieren wir das Jugendamt. Das kommt durchaus regelmäßig vor.

Und aus welchen Bereichen stammen die Gläubiger ansonsten?

Wir haben häufig mit Gläubigern von Selbstständigen zu tun, die ihre Sozialversicherungsbeträge nicht bezahlt haben. Die Sozialversicherungsträger sind, ähnlich wie das Finanzamt, sehr schnell dabei mit Vollstreckungsaufträgen.

Haben Sie auch mit Räumungsklagen zu tun?

Ja, aber selten. Etwa ein Mal im Jahr in meinem Bezirk. Das sind dann oft intensive und auch unschöne Situationen.

Gerichtsvollzieher – ein Job mit Zukunft?

An zu wenig Arbeit wird es vermutlich auch künftig nicht mangeln. Aktuell macht uns die Einführung der elektronischen Akte und eine Veränderung beim Vergütungsmodell ein wenig Sorge. Wir wissen noch nicht, wie sich die Änderung auswirken wird. Die Kosten wiederum, beispielsweise für die Anmietung und den Unterhalt der Büros hier an der Friesenstraße, werden weiter anfallen. Wir werden nämlich zwar von den Gerichten bestellt und bekommen eine Art Grundgehalt, letztlich arbeiten wir aber wie Selbstständige.

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