Präventionsprojekt Mehr als 750 Schüler hören schockierende Unfallberichte in Papenburg

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Papenburg. Mit emotionalen Bildern des Grauens von Einsätzen bei tödlichen Verkehrsunfällen im nördlichen Emsland haben Polizisten, ein Rettungssanitäter, Feuerwehrleute sowie eine Notfallseelsorgerin am Dienstag in Papenburg mehr als Schüler der Jahrgangsstufen 11 auch bei der fünften Auflage des Verkehrspräventionsprojektes „Abgefahren – wie krass ist das denn?“ konfrontiert.

Bei den Schilderungen der grässlichen Unglücke und ihrer unmittelbaren Folgen aus erster Hand werden die Zuhörer in der Stadthalle, viele davon Fahranfänger und solche, die es werden wollen, bewusst nicht geschont – weder optisch, noch akustisch. So ist es auch diesmal. Die unter die Haut gehenden Einsatzberichte verfehlen ihre Wirkung bei dem jungen Publikum offenbar nicht. In den Reihen der Schüler des Gymnasiums Papenburg, des Mariengymnasiums, den Berufsbildenden Schulen Papenburg sowie des Hümmling-Gymnasiums Sögel herrscht Stille, die dann und wann lediglich von Husten unterbrochen wird. Für einige Zuhörer erscheint die emotionale Belastung zu hoch. Aufgewühlt verlassen sie die Stadthalle, während die Redner für jedes der Todesopfer, über die sie berichten, eine Kerze entzünden. Am Ende werden acht Kerzen brennen.

„Wenn durch das Projekt auch nur ein Menschenleben gerettet werden kann, ist viel erreicht“, zitiert Gerd Müßing, Verkehrssicherheitsberater der Polizei in Papenburg, eine ältere Frau aus Rhede, die nach seinen Worten nicht nur drei ihrer Söhne, sondern auch einen Enkel durch tödliche Verkehrsunfälle verloren hat. Müßing verhehlt aber auch nicht, dass sich dieser fromme Wunsch nicht erfüllt hat. Er berichtet von einem Schüler, der vor zwei Jahren im Publikum gesessen habe und im vergangenen Jahr bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist.

Wenn Lebensträume zerplatzen

So wie die beiden jungen Männer, die am 18. Januar 2012 in einem Auto ihr Leben lassen, das auf dem Rückweg von der Schule an einem Baum in Spahnharrenstätte zerschellt. Ein dritter Insasse wird bei dem Unglück infolge eines Überholmanövers auf regennasser Fahrbahn lebensgefährlich verletzt. Doch wie alle Einsatzkräfte in ihren Schilderungen deutlich machen, geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um das Grauen, wenn von einem auf den anderen Augenblick feststeht, dass ein geliebter Mensch nie wieder nach Hause, in den Kreis seiner Freunde, in die Schule oder an den Arbeitsplatz zurückkehrt. „Achtet und schützt das Leben!“, mahnt Notfallseelsorgerin Christel Lünnemann. „Es ist nicht wiedergutzumachen.“ Um das zu verdeutlichen, lassen Lünnemann und Müßing später einen Luftballon platzen, auf den Schüler mit Klebezetteln ihre Lebensträume geheftet haben.

Bruder bricht schreiend zusammen

Andrea Holthaus, 39 Jahre jung und zweifache Mutter, ist seit 22 Jahren Polizeibeamtin. Früher ist sie Einsätze in Berlin gefahren. „Ich dachte, ich hätte alles gesehen“, sagt sie. „Doch weit gefehlt.“ Als sie und ihre Kollegin zu dem schrecklichen Unfall in Spahnharrenstätte gerufen werden, wünscht sie sich inständig, dass es die Opfer keine Menschen seien, die ihr nahestehen und überhaupt, dass es bitte nicht so schlimm sein möge.

Die Unfallstelle gleicht nach ihren Worten einem Trümmerfeld. „Zwei Ex“, habe ihr ein Rettungssanitäter zugeraunt. „Ex bedeutet tot“, erklärt Holthaus. Plötzlich sei der Bruder eines der Getöteten aufgetaucht. Er habe von dem Unglück über Facebook erfahren. „Er brach auf der winterkalten Straße schreiend zusammen“, berichtet die Polizistin. „Ich hätte ihm diese schrecklichen und grausamen Bilder gerne erspart.“

„Ich würde daran zerbrechen“

Andrea Holthaus macht kein Hehl daraus, dass es für sie als Mutter „die schlimmste Nachricht der Welt“ wäre, wenn gewiss wäre, dass eines ihrer Kinder nie mehr nach Hause kommen würde. „Für mich würde eine Welt zusammenbrechen und ich würde daran zerbrechen“, sagt die Polizistin.

Puls, Atmung und Reflexe – Fehlanzeige

Auch Klaus Langen, Feuerwehrmann in Spahnharrenstätte, berichtet von seinen Erlebnissen bei dem Unfall. „Einer ist tot, einer weiß ich nicht und einer schreit noch“, habe ihm ein Augenzeuge als erstes zugerufen, erzählt der 31-Jährige. Beim Beschreiben der tödlich verletzten Unfallopfer schont auch er seine Zuhörer absichtlich nicht. Er berichtet, wie er beim Fahrer Puls, Atmung und Reflexe gemessen habe – Fehlanzeige.

Wie er und seine Kameraden mit dem Erlebten klar kommen? „In der Zeit des Einsatzes funktioniert man einfach nur. Jeder weiß, was zu tun ist“, sagt Langen.

Niemals Routine

Und doch machen der Spahnharrenstätter sowie auch seine Feuerwehrkollegen Andreas Brak (Rhede) und Thorsten Bögemann (Aschendorf) deutlich, dass derartige Einsätze niemals Routine würden. Erst recht nicht, wenn es sich wie bei dem von Brak geschilderten Unfall in Rhede aus dem Jahr 2009 bei den zwei 18-jährigen Getöteten um Menschen handelt, die er selbst und seine Kameraden gut kannten. Brak hatte im Rahmen des Projektes über seinen Einsatz bereits im vergangenen Jahr gesprochen. Auch diesmal zeichnete er ein gespenstisches Bild, als er darüber berichtete, wie in dem kalten Februarmorgen der Dunst aus den aus dem Autowrack geborgenen Leichen aufstieg. „Als wenn sie noch leben und atmen würden“, sagt Brak.

Vater hält tote Tochter krampfhaft in den Armen

Nicht minder ergreifend als beim Projektdurchlauf im Vorjahr schildern auch Bögemann, Notfallseelsorgerin Lünnemann und der Rettungsassistent Holger Hesener ihre Erfahrungen – Bögemann, wie die Bergungsmaschinerie um einen tödlich Verunglückten läuft, während es für das Opfer „um nichts mehr geht“, Hesener, wie er eine 23-Jährige „beim Sterben erlebt“ hat und Lünnemann, wie ein Vater seine 16-jährige Tochter krampfhaft im Arm hält, nachdem sie vor dem Haus der Familie von einem unter Drogen stehenden Autofahrer überfahren worden ist.


„Abgefahren – wie krass ist das denn?“ ist ein Gemeinschaftsprojekt für junge Menschen von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Notfallseelsorge. Es fand am Dienstag zum fünften Mal in Papenburg statt. Zentrales Element des Projektes sind emotionale Schilderungen der unmittelbaren Folgen tödlicher Verkehrsunfälle durch Rettungskräfte und Beteiligte. Nach Angaben von Gerd Müßing, Verkehrssicherheitsberater bei der Polizei in Papenburg, sind in mehr als jeden fünften Unfall (23 Prozent) im Emsland und der Grafschaft Bentheim Fahranfänger im Alter von 17 bis 24 Jahren verwickelt. „Das ist überproportional viel“, sagt Müßing. Häufige Unfallursachen schwerer oder gar tödlicher Unfälle seien Unerfahrenheit, Risikobereitschaft, jugendlicher Leichtsinn, Alkoholkonsum, Selbstüberschätzung und Fehleinschätzung, beispielsweise beim Überholen.

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