SKF Meppen bietet Beratung an Neue Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt in Papenburg

Von Gerd Schade


Papenburg. Papenburg hat BISS. In der Fehnstadt ist mit Jahresbeginn eine Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BISS) im nördlichen Emsland eingerichtet worden. Angeboten wird eine wöchentliche Sprechstunde – und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

„Das Besondere an unserer Beratung ist der proaktive Ansatz. Das heißt, wir gehen auf die Opfer zu und bieten unsere Unterstützung an“, erklärt Heike Gertken, Diplom-Sozialarbeiterin des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF) Meppen, die die Beratung dank finanzieller Unterstützung der Stadt Papenburg anbietet, im Gespräch mit unserer Redaktion. Anlaufstelle sind Räume der Untenender Geschäftsstelle der Sparkasse Emsland, die über einen Seiteneingang an der Kirchstraße erreichbar sind.

Zahlen seit 2002 verfünffacht

Anders als im mittleren und südlichen Emsland hatte es für den Nordkreis zuletzt keine Erstberatung für von häuslicher Gewalt betroffene Menschen gegeben. Dabei haben sich Gertken zufolge die Fallzahlen der Beratung in den vergangenen 15 Jahren verfünffacht – von 53 im Jahr 2002 auf 267 im Jahr 2016. Im vergangenen Jahr wurden 245 Fälle registriert – 210-mal waren Frauen, 35-mal Männer betroffen. Wenn Männer Opfer werden, habe es häufig mit Vater-Sohn-Konflikten zu tun. „Dass eine Frau als Täterin benannt wird, ist selten“ – womöglich auch aus Scham. Wie Gertken weiter ausführt, spielen sich die meisten Fälle in Papenburg und Umgebung ab. 2017 waren es 110, 2016 147. Aus Gertkens Statistik geht außerdem hervor, dass die Klienten häufig Menschen mit Migrationshintergrund sind. Hier sei die Anzahl im Vergleich zum Vorjahr von 72 auf 92 gestiegen.

Meistens und stets standardmäßig werden die Fälle von der Polizei vermittelt. „Die Zusammenarbeit klappt gut“, sagt Gertken. Das bezieht sie nicht nur auf die Kooperation mit den Beamten, sondern auch auf das Zusammenwirken mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, Andrea Kruse, die ebenfalls in den Sparkassenräumen ihr Büro hat.

Psychischer Druck

Die steigenden Beratungszahlen führt Gertken auf eine wachsende Meldebereitschaft von Opfern oder Menschen aus deren Umfeld zurück. Auch würden die Beratungsstellen durch viel Öffentlichkeitsarbeit zunehmend bekannter. Ebenso gezielt wie diskret platziere der SKF seine Hilfsangebote zudem in Arztpraxen, Familienzentren, Schulen und Behörden wie dem Jugendamt.

Gertken macht aber keinen Hehl daraus, dass die Beratung bei Opfern auch auf Ablehnung stößt. „Die Bereitschaft, etwas zu ändern, muss da sein. Sonst funktioniert es nicht. Wir können aber auch niemanden zwingen, sich vom Partner zu trennen“, sagt sie.

Die Beraterin erklärt zudem, dass Gewalt nicht immer gleich körperlich ist, sondern nicht selten auf emotionaler Ebene beginne. Dazu gehöre beispielsweise psychischer Druck in Form von Kontrolle des Mobiltelefons oder des Kilometerstandes am Auto. Hinzu komme das Nichtzulassen von Kontakten beispielsweise aus Eifersucht bis hin zum Einsperren oder das „Kleinmachen“ von Opfern. Oftmals seien auch Kinder mitbetroffen.

Mit Kugelschreiber Ohrläppchen durchstoßen

Als „erschreckend“ beschreibt Gertken das Ausmaß körperlicher Gewalt, mit dem sie es bei ihrer Arbeit zu tun bekomme. Sie berichtet von Nasenbeinbrüchen, Hämatomen und Würgemalen am Hals. In einem besonders krassen Fall habe der Täter seinem Opfer mit einem Kugelschreiber das Ohrläppchen durchstoßen. Statt ihm daraufhin den Gang zur Notaufnahme ins Krankenhaus zu gestatten, habe der Angreifer selbst Hand angelegt, in dem er das Loch mit Sekundenkleber versiegelte.

Die Polizei kann Täter bis zu 14 Tage aus der Wohnung verweisen. Der Leiter des Polizeikommissariates Papenburg, Robert Raaz, macht deutlich, dass gerade Einsätze bei häuslicher Gewalt aufgrund hochemotionaler und eskalierter Situationen „supergefährlich“ für die Kollegen seien. „Sie gehen in Wohnungen, die sie nicht kennen und treffen dort auf den Platzhirschen, der sein Revier mit allen Mitteln verteidigt“, erklärt Raaz.

Weitere Infos und Kontakt: 01 51/11 87 58 30, Sprechstunde in Papenburg: montags 8.30 bis 12.30 Uhr.


Nach Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002 sind im Emsland die ersten Beratungs- und Interventionsstellen für Menschen eingerichtet worden, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Nach Angaben des SKF Meppen werden durch die Beratung die Opfer nicht nur über ihre Möglichkeiten nach dem Gewaltschutzgesetz informiert. Dazu gehöre beispielsweise die alleinige Zuweisung der gemeinsamen Wohnung für das Opfer und/oder das Erwirken eines Näherungsverbotes. Hinzu komme das Auffangen in einer Krisensituation und Unterstützung bei der Entwicklung neuer Perspektiven für eine gewaltfreie Zukunft.