Bewegende Gedenkfeier mit Kritik Brücke in Papenburg nach Wilhelm Polak benannt

Von Gerd Schade


Papenburg. Begleitet von scharfer Kritik seines Sohnes Oliver Polak an der Gedenkkultur seiner Heimatstadt ist am Dienstag eine Hauptkanalbrücke nach dem Papenburger Holocaust-Überlebenden Wilhelm Polak benannt worden.

Jetzt ist es amtlich: Über zwei Jahre nach dem Tod des Papenburger Holocaust-Überlebenden Wilhelm Polak ist am Dienstag im Beisein mehrerer Hundert Teilnehmer einer bewegenden Gedenkveranstaltung die Hauptkanalbrücke im Zuge des Deverweges feierlich in Wilhelm-Polak-Platz umbenannt worden. In einer Rede während der Feier äußerte Grimme-Preisträger Oliver Polak scharfe Kritik am Umgang mit dem Gedenken an seinen Vater in der Fehnstadt.

Start im Kino

Die Feier am Vormittag beginnt nicht auf dem Brückenplatz, sondern im Kino. Vor dem Saal begrüßen Seniorchefin Thea Muckli und ihre Tochter Astrid die hereinströmenden Gäste einzeln mit Handschlag. Auf der Leinwand prangt ein Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt Wilhelm Polak (1925–2015) und seine heute in New York lebende Schwester Ilse, die per Videobotschaft Grußworte übermitteln lässt, im Kindesalter. Kulturreferent Ansgar Ahlers kündigt an, dass zunächst drei Filme gezeigt werden, bevor es in einem Schweigemarsch zum Brückenplatz gehen soll.

Bürgermeister Jan Peter Bechtluft (CDU) erinnert in einer kurzen Ansprache an das Leben von Wilhelm Polak, der als einziger jüdischer Mitbürger und Überlebender der Menschenmassenvernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in seine Heimatstadt zurückkehrte und bis zu seinem Tod Ende September 2015 blieb. Mit seinem Bekleidungsgeschäft am Deverweg habe Polak jahrzehntelang zu den prägenden Geschäftsleuten in Papenburg gehört. Bis zu seinem Tod habe er die Brücke tagtäglich überquert.

Persönliche Erinnerungen aufgeschrieben

Nach der sogenannten „Machtergreifung“ durch das Hitlerregime, die sich am Tag der Gedenkfeier im Übrigen zum 85. Mal jährte, habe Wilhelm Polak als Kind die zunehmenden Anfeindungen wahrgenommen, sagt Bechtluft. Polak, der seine persönlichen Erinnerungen an die NS-Gräuel erst ein halbes Jahrhundert später und auch nur auf Drängen seiner Kinder aufgeschrieben hat („Erinnerungen an Papenburg und eine unfreiwillige ,Reise‘) sei ein bedeutender Teil der Geschichte der Stadt und dürfe nicht in Vergessenheit geraten. „Je weniger Zeitzeugen es gibt, desto wichtiger ist Erinnerungsarbeit“, betont Bechtluft. Wilhelm Polak habe Papenburg die Hand zur Vergebung gereicht. Auch diese Geste dürfe nicht vergessen werden.

Filminterview sechs Wochen vor dem Tod

Der erste Film berichtet von der im vergangenen November im russischen Kaliningrad eröffnete Ausstellung über Polaks Leben, der zweite zeigt ein Interview mit dem Papenburger, in dem er sechs Wochen vor seinem Tod beklemmend ausführlich und teilweise unter Tränen schildert, wie er den Holocaust überlebte.

„Gegen Hitler gewonnen“

Dann ergreift sein Sohn Oliver – Komiker, Schauspieler und Showmaster, der 2017 für seine Show „Applaus und Raus!“ mit dem Grimmepreis ausgezeichnet wurde – das Wort. Er wünscht den Zuhörern Kinosaal zu nach wie vor vormittäglicher Stunde zunächst „einen wunderschönen Abend“, erinnert kurz an die Leidenschaften seines Vaters (Zirkus, Jahrmärkte, FC Germania 08, Lottospielen) und erklärt, dass sich sein Vater in Papenburg sicher gefühlt habe. Außerdem habe er „gegen Hitler gewonnen, denn er hat jüdisches Leben weitergegeben. Aber um welchen Preis?“ Die Eltern seien in Konzentrationslager gesteckt und ermordet worden, Freunde und andere Weggefährten hätten sich von ihm abgewendet und sieben Jahre hätten die Nazis versucht, seinen Vater zu ermorden, sagt Polak.

Warum nicht zu Lebzeiten?

Eine Brücke nach seinem Vater zu benennen, sei eine gute Idee des Bürgermeisters gewesen. Dann aber macht Oliver Polak deutlich, dass sich Wilhelm Polak schon zu Lebzeiten bei aller persönlichen Bescheidenheit über eine entsprechende Würdigung wie eine Ehrenbürgerschaft oder eine Medaille gefreut hätte. In diesem Punkt warf Polak junior den Stadtvätern mit drastischen Worten Versagen vor: „Das habt Ihr vergeigt!“ Sein Vater habe „sein ganzes ,fucking‘ Leben“ in Papenburg verbracht. Im November 2016 hatte der Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur beschlossen, Wilhelm Polak zu ehren. Darüber waren sich Stadt und die Hinterbliebenen zunächst nicht einig gewesen.

Fortan in Fahrt, ätzt Oliver Polak derweil weiter. Zur Gedenkfeier Klezmermusik zu spielen, sei an Klischeehaftigkeit nicht zu überbieten. „Mein Vater hasste Klezmermusik. Da hätte man uns einfach nur mal fragen können. So ist es, wie wenn mein Vater homosexuell gewesen wäre, Village People auftreten würden.“ In der Tat wird die Gedenkfeier musikalisch vom Klezmer-Ensemble des Gymnasiums Papenburg unter der Leitung von Hagen Stach begleitet.

Noch lange nicht fertig

Oliver Polak ist mit seiner Kritik aber noch lange nicht fertig. Er spricht der Stadt „aufrichtiges Gedenken ab“ und von einer „symbolischen Reinwaschung“. Namentlich nimmt Polak Ex-Bürgermeister Ulrich Nehe (parteilos) ins Visier, der sich gegen die Benennung einer Straße oder eines Platzes nach seinem Vater ausgesprochen hätte, weil er ja gar kein echter Papenburger sei. Schließlich habe Wilhelm Polak nach dem Krieg in die USA auswandern wollen.

Dem verbalen Rundumschlag gegen Menschen in seiner Heimatstadt folgt eine Abrechnung mit der AfD („Sogar im Papenburger Stadtrat sitzt einer dieser Egomanen, die nichts gelernt haben“). Dass der Raum für rechtsgerichtetes Gedankengut immer weiter geöffnet werde, „fühlt sich an, als werden alle Opfer noch einmal getötet“.

Appell an Schüler

Dann fordert Oliver Polak die Schüler im Kinosaal auf, sich von ihren Plätzen zu erheben. „Die andern haben verkackt!“, sagt Polak. Den Schülern schreibt er ins Stammbuch, stets empathisch zu sein und auch „die Vollpfosten“ in der Gesellschaft mit Respekt und Liebe zu behandeln. „Werdet zu einem Versprechen, die Welt besser zu machen! Das würde meinem Vater gefallen.“

Als Polak die Bühne vor der Kinoleinwand wieder freigibt, durchbricht höflicher Applaus die Augenblicke offenbar auch peinlich berührter Stille. Kulturreferent Ahlers dankt seinem Vorredner für die offenen Worte, gibt aber auch zu bedenken, dass viele Menschen gekommen seien, weil es ihnen ums Gedenken an Wilhelm Polak geht. Auch dafür gibt es Applaus. Er fällt stärker aus als der Beifall für Polak.

Ein letztes Gebet

Einem beklemmenden Film von Andrzej Wolf über die Polin Irena Sendler (1910–2008), die ihr eigenes Leben riskierte, um mehrere Tausend jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto zu retten, folgt der Schweigemarsch zum für die Enthüllung einer Gedenkstele für den Verkehr gesperrten Brückenplatz. Das Klezmer-Ensemble spielt. Gemeinsam enthüllen Bürgermeister Bechtluft, Oliver Polak und seine Schwester Esther Argentato die Stele.

Das letzte Wort hat der Kantor der jüdischen Gemeinde Osnabrück, Baruch Chauskin. Er singt „Unser Städtl brennt“ und spricht ein Gebet, das viele Juden im Holocaust kurz vor dem Erschießen gesprochen hätten: „Ich glaube an Gott – trotz allem.“