„Finanziell und seelisch angeschlagen“ Gerda B.-Prozess: Bekannte des Angeklagten sagen aus

Von Martina Ricken

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In Handschellen und bewacht von mehreren Justizbeamten ist am ersten Prozesstag der im Fall Gerda B. angeklagte 55-Jährige in den Gerichtssaal am Landgericht Aurich geführt worden. Jetzt haben zwei ehemalige Bekanntschaften des gebürtigen Bochumers ausgesagt. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper/ArchivIn Handschellen und bewacht von mehreren Justizbeamten ist am ersten Prozesstag der im Fall Gerda B. angeklagte 55-Jährige in den Gerichtssaal am Landgericht Aurich geführt worden. Jetzt haben zwei ehemalige Bekanntschaften des gebürtigen Bochumers ausgesagt. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper/Archiv

Leer/Aurich. Es sind schon sehr spezielle Charaktere, mit denen der Angeklagte im Tötungsprozess Gerda B., Christian I., näheren Kontakt hatte. Der Prozess wurde jetzt am Landgericht Aurich mit der Aussage von zwei dieser Bekanntschaften, die den 55-Jährigen unter anderem finanziell unterstützt haben, fortgesetzt. Auch ein abgehörtes Telefonat wurde im Verlauf der Vernehmung abgespielt.

Zunächst beschrieb ein 42-jähriger Kaufmann aus Leer Christian I. als „sehr intelligenten, belesenen und talentierten Menschen“, den er nie rauchend gesehen habe. Auch mit Alkohol oder Drogen habe der Angeklagte nichts zu tun gehabt, sagte der Mann im Zeugenstand. Ihn und den Angeklagten, dem er die Tat nicht zutraut, verband bei den ersten Begegnungen intellektuelles Interesse. Sie diskutierten das Buch „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm – als sie vor mehr als zehn Jahren gemeinsam in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oldenburg einsaßen. „Ich bin mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten“, gab der 42-Jährige zu und schob dies auf eine psychische Störung.

Im vergangenen Sommer trafen sich die beiden Männer in Emden wieder. Der Angeklagte habe zu der Zeit in der Seemannsmission gewohnt. „Da war er nicht mehr in der Verfassung, in der ich ihn kennenlernte“, meinte der Zeuge. „Ich hatte das Gefühl, dass es ihm nicht nur finanziell nicht gut ging, sondern er auch seelisch angeschlagen war.“ Der Ex-Freund ging sogar noch weiter und nahm mit seiner Diagnose dem psychiatrischen Sachverständigen die Arbeit ab: „Ich glaube, seine Steuerungsfähigkeit war eingeschränkt. Ich hatte den Eindruck, dass seine eigene Wahrnehmung nicht mehr mit der Realität übereinstimmte.“ Für das Selbstvertrauen, so die These des Zeugen, habe sich der Angeklagte als erfolgreicher Musikproduzent dargestellt, der eine Werbefirma betrieb und immer wieder „Rechnungen schreiben“ musste. „Ich glaube, es gab keine Kunden“, meinte der Leeraner.

Hotel- und Restaurantrechnungen beglichen

Weil er ihn „als Mensch so sehr schätzte“, griff der Kaufmann dem Angeklagten unter die Arme, finanzierte einige Monate seinen Aufenthalt im Hotel „Hafenspeicher“ in Leer und beglich Restaurantrechnungen. Doch irgendwann wurde es dem Zeugen zu viel. Er riet dem Angeklagten, sich eine kleine Wohnung zu suchen und verwies auf eine Annonce der Galeristin und Immobilienbesitzerin Gerda B.. „Ich gab ihm noch Geld für die Kaution. Aber dann war Schluss“, sagte der Zeuge. Die Miete bezahlte er nicht, weil Christian I. fordernder wurde und meinte, einen Anspruch darauf zu haben.

(Weiterlesen: Viele Blutspuren im Galerie-Café von Gerda B.)

Der Angeklagte habe ihn später noch einmal wegen Mietschulden kontaktiert. Die habe er aber ebenso wenig übernommen, wie eine Geldstrafe von 1300 Euro, erzählte der Zeuge. Deshalb musste Christian I. eine Nacht in Haft, bis eine Hamburger Immobilienmaklerin die Strafe bezahlte, berichtete der Zeuge.

28-jährigen Emder Ausbildung angeboten

Ebenfalls als Zeuge geladen war ein 28-jähriger Emder. Er sagte über Christian I.: „Mit meinen 28 Jahren habe ich viele Menschen mit Problemen und psychischen Erkrankungen getroffen, aber der Angeklagte ist der interessanteste Fall.“ Er gehe davon aus, dass dieser „ein schwer gestörter Mensch ist, der sich nicht öffnen kann. Ich habe auch niemanden getroffen, der ihn mag.“ Auch die eigene Psyche brachte der Zeuge zur Sprache. „Ich fühle mich nicht wohl hier. Ich möchte nicht mit diesem Menschen in einem Raum sitzen.“

Der Bekannte des Angeklagten erzählte, dass er Christian I. im vergangenen Sommer kennengelernt habe. Man habe öfter gemeinsam in Cafés und auch in der CoCo Bar in Emden gesessen. Der Angeklagte habe ihn zu Kaffee und Kuchen eingeladen und einmal ein Geldbündel gezückt. Christian I. habe von seinem Ibiza-Aufenthalt und seiner Arbeit als Musikproduzent erzählt. „Er sagte, er habe ,Tic Tac Toe‘ gesponsert und hat mir einen Ausbildungsplatz in Richtung Mediendesign angeboten“, berichtete der Zeuge. Doch an allem, was der Angeklagte ihm erzählt habe, sei letztlich nichts dran gewesen. Insgesamt stellte der Zeuge Christian I. als Lügner und Schaumschläger dar. Allerdings war der Angeklagte bei der Wahrheit geblieben, als er erzählte, dass er bei „einer Künstlerfrau in einem Künstlerhaus“ lebe. Gemeint waren Gerda B. und ihre Villa.

Polizei hört Telefonat ab

Gegenüber dem Angeklagten hatte sich der 28-jährige Emder allerdings anders verhalten, wie ein Telefonat vom 11. November 2016, das im Gerichtssaal abgespielt wurde, belegte. „Ich wollte mir einiges abgucken von dir“, sagte der Zeuge dem Angeklagten in diesem Gespräch und bezeichnete Christian I. als seinen „Lehrmeister“. Der fühlte sich offenbar geschmeichelt. Den Angeklagten plagten zu der Zeit aber ganz andere Sorgen. „Ich bin in einen Scheißfilm geraten“, teilte er dem Zeugen in dem Gespräch mit. „Hast du mal die Zeitung gelesen? Das ist meine Vermieterin.“

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Der Angeklagte bezog sich auf die Suchaktionen, die nach der damals noch vermissten Gerda B. durchgeführt wurden. „Ich bin da ein bisschen in Not“, fuhr Christian I. fort. Er sei mit der 66-Jährigen nach Hamburg gefahren. Gerda B. und der Jaguar seien dort geblieben. Er selbst sei mit dem Zug zurück nach Leer gefahren. „Dann klingelte die Polizei bei mir und ich habe eine Nacht in Meppen verbracht.“ Dort sollte der Angeklagte eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen. Die Geldstrafe wurde aber am nächsten Tag von einer Hamburger Immobilienmaklerin bezahlt.

Während des Gesprächs verhaftet

Mitten im Gespräch sagte der Angeklagte dann: „Moment, es klingelt“. Mit einem „Moin“ begrüßte er die Besucher und wendete sich dann wieder seinem Gesprächspartner am Telefon zu: „Was wollte ich sagen? Jetzt habe ich hier gerade von der Polizei Besuch.“ Der Emder antwortete: „Ich wünsch dir erst mal alles Gute.“ Dann tönte aus dem Lautsprecher in den Gerichtssaal die Stimme eines der Besucher: „Herr I., wir sind hier…“ Abrupt brach der Telefonmitschnitt ab. Das Klicken der Handschellen war nicht mehr zu hören. Christian I. wurde in diesem Moment verhaftet.

Der Prozess wird am 25. Juli fortgesetzt.

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