Klinik-Mitarbeiter sagen vor Gericht aus Prozess gegen Arzt aus Leer: Wer wusste vom Einkauf der Implantate?

Von Martina Ricken

Vorteilsnahme und Bestechung wirft die Staatsanwaltschaft einem ehemaligen Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Leer (Mitte) vor. Verteidigt wird der Mediziner von Sebastian Wendt (links) und Christian Landowski. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaVorteilsnahme und Bestechung wirft die Staatsanwaltschaft einem ehemaligen Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Leer (Mitte) vor. Verteidigt wird der Mediziner von Sebastian Wendt (links) und Christian Landowski. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Leer/Aurich/Papenburg. Im Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie des Klinikums Leer sind am zweiten Verhandlungstag mehrere führende Mitarbeiter des Krankenhauses befragt worden. Der 55 Jahre alte Mediziner soll von zwei Firmen, die Medizinprodukt vertreiben, in insgesamt 89 Fällen Provisionsgelder in Höhe von mehr als 120.000 Euro kassiert haben.

Dem Angeklagten wird vor dem Landgericht Aurich deshalb Vorteilsnahme und Bestechung vorgeworfen. Der Angeklagte bestritt zum Prozessauftakt sämtliche Vorwürfe.

Der zweite Verhandlungstag glich dem Fischen im Trüben. Denn die befragten Zeugen konnten oder wollten in Bezug auf den Angeklagten keine wirklich konkreten Angaben machen. Die Antworten bezogen sich meist auf allgemeine Abläufe im Klinikum Leer, zum Beispiel im Hinblick auf den Einkauf von Medizinprodukte, Oft gab es aber ahnungsloses Schulterzucken. Niemand schien den Angeklagten näher zu kennen und etwas über ihn sagen zu können – oder zu wollen. Alles nachbohren der Richter half nichts. 

War Geschäftsführer am Einkauf beteiligt?

Einige kleinere Informationen gab es aber dann doch. So sagten zwei frühere Leiter der Einkaufsabteilung aus, dass beim Einkauf der neuen, vom Angeklagten vorgeschlagenen Bandscheibenimplantate, sie letztlich außen vor gewesen seien. „Der Geschäftsführer trifft letztendlich die Entscheidung zusammen mit dem Chefarzt“, sagte ein 44-jähriger Zeuge. Ihm selber habe dafür das Fachwissen gefehlt. Der Geschäftsführer hatte am ersten Verhandlungstag ausgesagt, er sei erst bei größeren Anschaffungen ab 200.000 Euro involviert.

Bei Problemen mit den Bandscheiben kommt es oft zu heftigen Schmerzen im Rückenbereich. Der Mediziner soll den Patienten eine schnelle Heilung versprochen haben, die von ihm genutzten, oft neuartigen Medizinprodukte sollen aber nicht ausreichend getestet worden sein. Dadurch kam es zu Komplikationen. Symbolfoto: Arno Burgi/dpa

Dieser Zeuge erinnerte sich auch, dass es ungewöhnlich gewesen sei, dass die Wirbelsäulenabteilung „so viele Produkte von so vielen Firmen verwendet“ habe. „Das war in anderen Abteilungen anders“, meinte der ehemalige Leiter der Einkaufsabteilung. Eine der betroffenen Firmen, die den Angeklagten mit Umsatzprovisionen gelockt habe soll, sei in der Wirbelsäulenabteilung auch tatsächlich die umsatzstärkste gewesen. „Wir haben etwa eine halbe Million Euro in Implantat-Kosten investiert“, meinte der Zeuge. Der Umsatz sei dann aber „schlagartig“ zurückgegangen.

Oberarzt von Keramik-Implataten nicht überzeugt

Der Angeklagte hatte auch zusammen mit einer der Firmen ein Keramik-Implantat entwickelt. Das hatte der ehemalige Chefarzt am ersten Verhandlungstag klar eingeräumt und sogar zu verstehen gegeben, dass er auf diese Entwicklung stolz gewesen sei. Der Oberarzt in der Wirbelsäulenabteilung hielt von diesem Produkt allerdings nicht sehr viel. 23 Keramik-Implantate hatte er bei Operationen verwendet, entnahm Richterin Jana Bruns-Klaes der Akte. Danach fanden sie durch den gelernten Neurochirurgen keine Verwendung mehr. „Die Implantate waren nicht zufriedenstellend“, sagte der 51-Jährige. „Sie sind immer ein bisschen in die Knochen eingebrochen.“ Das habe zwar den Patienten keine Probleme bereitet, aber auf den Röntgenbildern „nicht schön ausgesehen“.

Christoph Brüggemann aus Bunde ist einer von vermutlich 114 Patienten, denen am Klinikum in Leer mutmaßlich fehlerhafte Bandscheiben-Prothesen eingesetzt wurden. In seinem Fall zerbröselten die Implatate innerhalb kürzerer Zeit. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Wann der Angeklagte wo und wie oft Vorträge gehalten oder an Fortbildungsmaßnahmen teilgenommen hatte, konnte der Zeuge nicht sagen. Das alles habe ihn schlicht "nicht interessiert", sagte er. Das betraf selbst Kongresse, die die beiden Ärzte gemeinsam besuchten. Dass die Medizinproduktfirmen die Reisekosten für Tagungen übernahmen, sei nicht unüblich, meinte der Oberarzt.

Interesse an Prozess ist groß

Das Interesse an dem Prozess, der fortgesetzt wird, ist groß. Die mutmaßlich fehlerhaften Bandscheiben-Prothesen soll in Leer bei insgesamt 114 Patienten eingesetzt worden sein, mehrere stammen aus dem Emsland. Den Mediziner erwartet ein zweites Verfahren am Amtsgericht Leer, bei dem es um strafrechtliche Dinge (Körperverletzung und mangelhafte Aufklärung der Patienten) geht. Ein Teil der Betroffenen wird von Papenburger Rechtsanwalt Burkhard Remmers vertreten.


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