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270 Container in Nordsee verloren Frachter MSC Zoe jetzt in Bremerhaven – Erste Peroxid-Beutel angespült

Von Daniel Gonzalez-Tepper und Bastian Rabeneck

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Das Frachtschiff MSC Zoe hat im Sturm rund 270 Container verloren. Foto: Havariekommando / AFPDas Frachtschiff MSC Zoe hat im Sturm rund 270 Container verloren. Foto: Havariekommando / AFP 

Cuxhaven/Papenburg. Der Frachter "MSC Zoe", der rund 270 Container in der Nordsee verloren hat, liegt jetzt in Bremerhaven. Die Suche nach den noch vermissten Containern wird am Freitagmorgen fortgesetzt. Inzwischen wurden erste Peroxid-Beutel an der Küste angespült. Der Schiffsverkehr auf der Außenems war in der Nacht beeinträchtigt, läuft aber wieder störungsfrei. Die Küstenwache klagt derweil über ganz besondere "Gaffer".

Ein Frachtschiff hat im Sturm am Neujahrstag und in der Nacht zum 2. Januar auf seinem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven rund 270 Container verloren. Das Havariekommando Cuxhaven hat die Einsatzleitung übernommen und sucht nun entlang der Küste vor Ostfriesland nach den vermissten Containern. In einem sind gefährliche Stoffe gelagert. Auch für den Schiffsverkehr könnten die in der Nordsee schwimmenden Containern eine Gefahr darstellen. 

Gegen 0.35 Uhr in der Nacht zu Donnerstag machte das Schiff nun im Hafen von Bremerhaven fest, begleitet wurde es bei der Fahrt vom Mehrzweckschiff "Neuwerk", teilte das Havariekommando mit. "Die Fahrt in den Hafen verlief ohne Zwischenfälle", heißt es. Die Suche nach den Containern wurde kurz nach Sonnenaufgang am Donnerstag fortgesetzt.  „Die meisten Container wurden bisher in den Niederlanden gefunden. Der Containerverlust begann vermutlich in den niederländischen Gewässern. Die Arbeiten werden noch einige Tage dauern", wird der Leiter des Havariekommandos, Hans-Werner Monsees, in einer Mitteilung von Donnerstagnachmittag zitiert.

Zehn Seemeilen vor Borkum

Wie berichtet, hatte das unter der Flagge von Panama fahrende größte Containerschiff der Welt (396 Meter lang, 69 Meter breit) nach Angaben der Reederei MSC bis zu 270 Container in der Nordsee vor Ostfriesland, genauer gesagt etwa zehn Seemeilen (rund 18 Kilometer) vor Borkum, verloren. Mehrere Container trieben daraufhin in Richtung niederländischer Inseln. Das Schiff war auf der Fahrt vom belgischen Antwerpen nach Bremerhaven in einen Sturm am Neujahrstag geraten. Während das Havariekommando am Mittwoch von einem Container sprach, indem sich gefährliche Stoffe befinden soll, nannte die niederländische Küstenwache drei Gefahrgutcontainer, die nicht angerührt werden sollten. Das Havariekommando arbeitet eng mit der niederländischen Küstenwache zusammen.

Besondere Wachsamkeit herrscht an der ostfriesischen Küste. Für die Insel Borkum wurde am Mittwochabend eine Warnmeldung abgesetzt. Es sei möglich, dass Container oder freigesetzte Gefahrstoffe an Land gelangten, hieß es in der über das mobile Warn- und Informationssystem Katwarn verbreiteten Meldung.  Vom Havariekommando hieß es am Donnerstagnachmittag: "Bisher konnte bestätigt werden, dass maximal drei Container mit Gefahrgut über Bord gegangen sind; diese Container wurden noch nicht gefunden." Auf den Inseln Borkum, Juist und Norderney seien die Strände nach möglichen Containeranlandungen abgesucht worden. "Bisher wurden an der deutschen Nordseeküste keine Container der ,MSC Zoe' angespült", heißt es.

Erste Container in den Niederlanden angespült

Auf den niederländischen Inseln Terschelling und Vlieland sind am Mittwochmorgen erste Container gestrandet. Laut niederländischer Küstenwache wurden zehn Container an Land gespült; weitere zwölf Container treiben vor der niederländischen Insel Terschelling. "Mittlerweile sind auf Vlieland, Terschelling und Ameland 21 Container mit losen Gütern an Land gespült worden, einige schwimmen noch immer im Wasser", teilte die niederländische Küstenwache via Twitter mit. Bei den losen Gütern handele es sich um Autoteile und Spielzeug. Auf Bildern, die bei Twitter kursieren, sind auch Flachbild-Fernseher und Kühlschränke zu sehen, die angespült wurden.

Die Küstenwache des Nachbarlandes spricht derweil von drei noch nicht lokalisierten Behältern, in denen sich gefährliches organisches Peroxid befindet. Es sei in Pulverform gelagert und wird in der Kunststoffproduktion eingesetzt. Man warne ausdrücklich davor, Behälter zu berühren und empfehle, sich von ihnen fernzuhalten. Wer an der Küste herrenlose Container oder andere unbekannte Dinge sichtet, wird gebeten, den Notruf 112 zu wählen.

Inzwischen sei ein Sack mit Pulver an der niederländischen Wattenmeer-Insel Schiermonnikoog angespült worden. Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich um den Stoff aus den vermissten Containern. Das meldete die Behörde der Provinz Friesland am Donnerstagnachmittag. Die Substanz werde nun untersucht. In dem Sack seien etwa 25 Kilogramm Puder. Tests sollen ergeben, welcher Stoff genau es ist. Erst dann wisse man, wie stark giftig die Substanz ist. 

Experten-Einschätzung

Welche Gefahr geht von den Chemikalien aus?
Dibenzoylperoxid fällt unter das Sprengstoffgesetz, wird als farbloses Pulver transportiert und verströmt einen nur schwachen Geruch. In der Industrie wird die chemische Verbindung als Bleichmittel verwendet. Dirk Kuckling, Professor für Organische und Makromolekulare Chemie an der Universität Paderborn, schätzt das Risiko für eine Explosion als gering ein: „Das Pulver kann durch Wärmezufuhr oder Lichteinstrahlung zur Explosion gebracht werden. Bei den derzeitigen Temperaturen ist das Peroxid in den Containern aber gelagert wie in einem Kühlschrank“, sagt der Chemiker. Davon abgesehen sei es wahrscheinlich, dass das Pulver in der Nordsee Feuchtigkeit zieht und sich die Gefahr einer Explosion damit verringert – komplett auszuschließen sei das aber nicht.
Gesundheitsschädlich ist das Peroxid dennoch: „Allerdings nur in größeren Mengen“, erklärt Kuckling. „Experimente mit Ratten haben ergeben, dass eine Menge von sieben Gramm pro Kilogramm Körpermasse schädlich wirken.“ Der Stoff zerfalle im Meer jedoch zu der weniger gefährlichen Benzoesäure, die zum Beispiel als Konservierungsmittel verwendet wird. „Bis dahin ist das Peroxid vornehmlich für Meeresbewohner schädlich, die mit höheren Konzentrationen in Berührung kommen“, vermutet der Experte.


Auch auf Texel seien am Mittwochabend Güter an der Küste entdeckt worden. Fotos des Frachters zeigen, dass die Container an verschiedenen Stellen über Bord gegangen sind.


Kommando gegen 7 Uhr übernommen

Das Havariekommando habe das Kommando des Schiffes am Mittwoch gegen 7 Uhr übernommen, nachdem es zu dem Zwischenfall gekommen war. Umgehend wurde das Ölüberwachungsflugzeug Do 228 in die Luft geschickt, um nach den über Bord gegangenen Containern zu suchen. Außerdem wurden Vorbereitungen zur Bergung der Container getroffen, heißt es in der Mitteilung. Zusätzlich überflog ein Hubschrauber der Bundespolizei das Einsatzgebiet nordwestlich von Borkum und hielt auch nach treibender Ladung Ausschau. Auch das Mehrzweckschiff "Neuwerk" und der Tonnenleger "Gustav Meyer" seien im Einsatz. 

Rund 270 Container hat dieses Frachtschiff in der Nordsee verloren. Foto: Havariekommando Cuxhaven

Gegenüber der Reederei des Schiffes wurde eine Verfügung ausgesprochen. Das bedeutet, dass die Reederei zusammen mit dem Havariekommando einen Bergungsplan erarbeiten muss. Dafür sichert das Havariekommando das Gebiet ab. 

Wasserschutzpolizei ermittelt

Zur Unfallursache ermitteln die Wasserschutzpolizei Wilhelmshaven und die Kollegen aus Bremerhaven gemeinsam, teilten die beiden Polizeistationen via Twitter mit. Die Wasserschutzpolizei spricht dabei von "Großschadenslagen an der  Nordseeküste". Weiter heißt es: "Der erste Sturm des Jahres hat die Schifffahrt vor der Nordseeküste durcheinandergewirbelt. Ein Containerschiff hat bis zu 270 Container verloren."



Die Suche auf niederländischer Seite wurde mit Einbruch der Dunkelheit am Mittwoch beendet und am Donnerstagmorgen fortgesetzt, teilte die niederländische Küstenwache via Twitter mit.

Die „MSC Zoe“ ist eines der größten Containerschiffe der Welt und kann rund 19.000 Standardcontainer transportieren. Es wurde 2015 in Dienst gestellt, ist also quasi neu. Der Frachter war gegen Mitternacht vor der Emsmündung von mehreren Wellen schwer getroffen worden.

Niederländischen Medien zufolge wurden auch Glühbirnen, Kleidung und Möbelstücke an den Küsten gefunden. Der Bürgermeister von Terschelling, Bert Wassink, sagte dem niederländischen Radio, das Aufräumen werde Tage dauern. In den Niederlanden ist es nicht verboten, angespülte Waren zu sammeln. Allerdings dürfen geschlossene Container nicht geöffnet werden. 

Die Küstenwache und die Wasserschutzpolizei sind im Einsatz. Foto: Havariekommando Cuxhaven

Schiffsverkehr auf Außenems war beeinträchtigt

Der Schiffsverkehr auf der Außenems vor Borkum und den anderen ostfriesischen Inseln ist am Mittwochabend bei Einbruch der Dunkelheit eingestellt worden, wie Hermann Poppen, Leiter des Wasser- und Schiffahrtsamtes (WSA) Emden, auf Anfrage berichtete. "Wir haben sechs oder sieben Schiffskapitäne gebeten, lieber festzumachen. Alle haben es auch bereitwillig getan. Es kann schließlich eine Gefahr darstellen, mit solchen großen Containern zu kollidieren", sagte Poppen. Seit dem Sonnenaufgang laufe der Schiffsverkehr vor den Küsten wieder ohne Einschränkung. Der Verkehr auf der Ems und dem Dortmund-Ems-Kanal war zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt. Dem Leiter zufolge beteiligte sich seine Dienststelle im Auftrag des Havariekommando Cuxhaven mit zwei Schiffen an der Suche nach den noch vermissten Containern.

Für Poppen war es erst der zweite Arbeitstag. Er ist zum Jahreswechsel aus dem Ruhrgebiet nach Emden gewechselt und wird eigentlich erst Ende kommender Woche offiziell in sein Amt beim WSA Emden eingeführt.

Wie viele Container gehen jährlich über Bord?

Der privat betriebene Webblog "Zukunft Mobilität" berichtet unter Berufung auf das "World Shipping Council", dass in den Jahren 2008 bis 2013 im Durchschnitt jährlich 546 Container über Bord gegangen sind (ohne katastrophale Ereignisse wie Schiffsuntergänge). Mit Untergängen sind es demnach 1679. In den Jahren 2014, 2015 und 2016 waren es dem Forum nach schätzungsweise 612 Container im Jahr, die verloren gingen (ohne Katastrophen). Werden katastrophale Ereignisse mit in die Betrachtung einbezogen, steigt die Zahl der verlorenen Container auf 1.390 Container pro Jahr. Im Jahr 2016 wurden etwa 130 Millionen Container über die sieben Weltmeere transportiert. Die Mitgliedsunternehmen des WSC repräsentieren etwa 90 Prozent der globalen Containerschiffkapazitäten.


Diese Bilder von Containern in der Nordsee hat die niederländische Küstenwacht veröffentlicht. Foto: Kustwacht Nederland


Niederländische Küstenwache erklärt Vorgehen

Die niederländische Küstenwache hat am Donnerstagmittag erklärt, wie sie in den vergangenen Stunden vorgegangen ist. Demnach überwacht die Küstenwache mit Hilfe des Schiffes ETV Guardian und des Coast Guard-Flugzeugs die Situation genau, um Container und Waren zu lokalisieren. "Zusätzlich warnen wir den Schiffsverkehr mit Hilfe von Navigationsmeldungen. Wir stehen auch in Kontakt mit verschiedenen Organisationen wie den betroffenen Sicherheitsregionen und Rijkswaterstaat Zee und Delta", heißt es.

Zu der Frage, wie sicher man sei, dass tatsächlich 270 Container über Bord gegangen seien, heiß es: Es ist eine Schätzung. Es gibt eine Liste mit allen Containern des Schiffes. Aufgrund der Größe des Schiffes dauert es jedoch eine Weile, bis bekannt ist, welche Fracht über Bord gefallen ist." Die Schiffsbesatzung selbst habe mitgeteilt, dass drei Behälter mit organischem Peroxid über Bord gegangen seien. Die MSC Zoe liege derzeit in Bremerhaven, "Dort wird das Containerschiff entladen. Dann wird auch klar, welche Container über Bord gefallen sind", heißt es weiter. 


Foto: Kustwacht Nederland

Am frühen Nachmittag klagte die Küstenwache derweil über ganz besondere "Gaffer". In einem Tweet heißt es: "Die Suche des Coast Guard-Flugzeug wird durch mehrere (Sport-) Flugzeuge behindert, die zum Zuschauen gekommen sind. Wir bitten die Piloten, sich außerhalb der Suchumgebung in der Luft aufzuhalten, um gefährliche Situationen zu vermeiden."


Reederei bedauert Vorfall

Die Reederei MSC teilte derweil mit, eine Bergungsfirma beauftragt zu haben, die die Rückholung der Ladung und die Aufräumarbeiten an den Stränden koordiniert. Außerdem werden Spezialschiffe eingesetzt, die mit Sonar ausgestattet sind, um auf See nach vermissten Ladungen zu suchen. "MSC nimmt diesen Vorfall sehr ernst, sowohl hinsichtlich der Auswirkungen solcher Unfälle auf die natürliche Umwelt als auch hinsichtlich etwaiger Schäden an der Ladung der Kunden", heißt es von der Reederei

Bei allen Aspekten der Sanierung arbeitet MSC mit lokalen Behörden zusammen.

(mit dpa)


Foto: Kustwacht Nederland



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