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Ostfriesin klagt auf Schmerzensgeld Nach Rücken-OP seit zehn Jahren unter Schmerzmitteln

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Vier Mal täglich greift Elisabeth Winkels* zu Schmerzmitteln und Antidepressiva. Die Ostfriesin ist vor gut zehn Jahren am Rücken operiert worden, klagt seit Längerem auf Schmerzensgeld und Schadenersatz, weil sie falsch behandelt worden sein soll. Foto: Daniel Gonzalez-TepperVier Mal täglich greift Elisabeth Winkels* zu Schmerzmitteln und Antidepressiva. Die Ostfriesin ist vor gut zehn Jahren am Rücken operiert worden, klagt seit Längerem auf Schmerzensgeld und Schadenersatz, weil sie falsch behandelt worden sein soll. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Papenburg. Seit einer Operation an der Wirbelsäule vor gut zehn Jahren muss Elisabeth Winkels* große Mengen Schmerzmittel und Antidepressiva nehmen. Nun steht die vierte Folgeoperation an. Eine Klage auf Schmerzensgeld wegen eines Behandlungsfehlers läuft. Mit unserer Redaktion hat sie auf den langen Leidensweg zurück geblickt.

Vier Packungen Schmerzmittel und Medikamente, die gegen Depression wirken, stehen auf dem Wohnzimmertisch von Elisabeth Winkels. Bis zu vier Mal am Tag greift sie zu den Packungen. "Ohne diese Mittel würde ich gar nicht klar kommen im Alltag", sagt die Ostfriesin. Ihren richtigen Namen, ihren Wohnort und ihr Alter möchte sie nicht veröffentlicht wissen, weil eine Klage gegen das Krankenhaus aus der Region läuft, in dem sie vor gut zehn Jahren zum ersten Mal an der Wirbelsäule und der Bandscheibe operiert worden ist.

Vier Kinder hatte sie groß gezogen, die letzten beiden waren Zwillinge. "Mein Mann war Fernfahrer, ich war oft alleine zu Hause. Ich musste mich außer um die vier Kindern auch noch um die Schwiegereltern und den Schwager kümmern, die mit im Haus gelebt haben." 

Winkels stand mitten im Leben, engagierte sich beispielsweise ehrenamtlich im Fußballverein ihres Mannes, fast jedes Wochenende gab es Treffen mit dem großen Freundeskreis. Irgendwann rebellierte ihr Körper, die Schmerzen kamen, zunächst an der Schulter, schon bald im Rücken. Die Bandscheibe drückte auf den Nervenkanal. Nach mehreren Monaten mit Schmerzmitteln, Physiotherapie und anderen herkömmlichen Versuchen, die Schmerzen in den Griff zu bekommen, entschied sie sich dazu, sich in einem Krankenhaus in der Region am Rücken operieren zu lassen.


Ehe geht in die Brüche

"Ich habe dem Arzt damals voll und ganz vertraut. Ich wollte einfach die Schmerzen los werden", berichtet die Ostfriesin. Der Arzt versteifte den Wirbel. Die Schmerzen wurden zwar zunächst weniger, ganz auf Schmerzmittel verzichten konnte sie jedoch nie. Im Haushalt konnte sie nur noch eingeschränkt mithelfen, die Ehe ging in die Brüche, sie zog in eine Nachbarstadt. Fortan war sie mit ihren gesundheitlichen Problemen auf sich alleine gestellt. Und die wurden etwa vier Jahre nach der ersten Rückenoperation spürbar schlimmer. Die Menge der Schmerzmittel, die sie zu sich nehmen musste, um den Tag zu überstehen, wuchs ständig -  bis hin zu Morphinen. "Aber was sollte ich machen, es ging nicht anders", so die Ostfriesin. 

Der Medikamentenentzug war die HölleElisabeth Winkels*

Die Medikamente, die zusätzlich Probleme mit der Niere, der Galle und der Leber verursachten, trieben sie eines Tages bis hin zur Bewusstlosigkeit. Nur durch einen Zufall wurde sie von einer ihrer Schwestern, die vergeblich versucht hatte, sie telefonisch zu erreichen, entdeckt. Es folgte ein 16-tägiger Aufenthalt in einer Suchtklinik. "Der Medikamentenentzug war die Hölle, ich hatte Krämpfe, permanent Schweißausbrüche, konnte nicht schlafen", blickt die Ostfriesin zurück.

Finanzielle Lage immer prekärer

Aber nicht nur körperlich erging es ihr Jahr für Jahr schlechter, auch finanziell wurde es immer prekärer, weil an Arbeiten nicht zu denken war. Einen Job als Taxifahrerin musste Elisabeth Winkels aufgeben, weil sie wegen der vielen Medikamente keine Personen mehr befördern durfte. "Dabei hat mit der Job großen Spaß gemacht", berichtet die Ostfriesin. Seit etwa vier Jahren lebt sie von Hartz IV, die kleine Wohnung finanziert der Staat, weniger als 200 Euro bleiben ihr im Monat zum Leben. Elisabeth Winkels geht davon aus, ihr gesamtes restliches Leben auf Unterstützung des Staates angewiesen zu sein. "Ich konnte in den vergangenen zehn Jahren ja kaum in die Rentenkasse einzahlen. Das, was mir im Rentenalter zusteht, dürfte kaum ausreichen, um über die Runden zu kommen", sagt sie. 


Symbolfoto: Felix Kästle/dpa


Die finanziell schwierige Lage ändern könnte ein Sieg vor Gericht. Elisabeth Winkels hat nämlich vor knapp zwei Jahren Klage eingereicht und fordert von dem Krankenhaus, in dem sie 2007 operiert worden ist, Schmerzensgeld und Schadenersatz. Ein Wirbelsäulenexperte eines anderen Krankenhauses, dem sie vertraut und der in den vergangenen Jahren inzwischen insgesamt drei Folge-Operationen an ihrem Rücken durchgeführt hat, habe der Ostfriesin zufolge festgestellt, dass die damals eingesetzte Bandscheibenprothese gebrochen war. "Zudem fehlte eine Schraube, die Prothese war nur mit zwei statt wie vorgesehen mit drei Schrauben in der Wirbelsäule befestigt. Aus unserer Sicht war es ein Behandlungsfehler", erklärt Elisabeth Winkels. Drei Gutachten hätten dies inzwischen bestätigt. Dennoch sei von der Gegenseite ein viertes Gutachten angefordert worden. Das Verfahren könnte sich also noch Monate, wenn nicht gar Jahre hinziehen. 

Das bestätigt ihr Rechtsanwalt im Gespräch mit der Redaktion. "Solche Verfahren dauern im Regelfall zwei bis Jahre Jahre - mindestens", sagt er. Der Rechtsanwalt betont, es gehe in diesem Fall nicht um ein strafrechtliches Verfahren gegen den behandelnden Arzt, sondern um die (zivilrechtliche) Frage, ob die Operation notwendig war, seine Mandantin richtig aufgeklärt wurde im Vorfeld des Eingriffs und ob der Eingriff später richtig durchgeführt wurde. 

Leichter zu Schadenersatz und Schmerzensgeld

Eben jenes lange juristische und auch nervenzehrende Geplänkel haben die Ostfriesin dazu bewogen, sich an unsere Redaktion zu wenden. Die hatte nämlich vor wenigen Wochen über den Vorschlag des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann (CDU) berichtet, der dafür plädiert, dass Patienten bei Behandlungsfehlern leichter Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche stellen können. "Das ist dringend notwendig und längst überfällig. Ich fühle mich seit Jahren vom Staat und der Justiz im Stich gelassen", meint Elisabeth Winkels, die insbesondere nicht nachvollziehen kann, wieso die Geschädigten in der Pflicht sind, dem Gericht beweisen zu müssen, dass der Arzt einen Fehler begangen habe. Ebenfalls zu 100 Prozent bestätigen könne sie folgende Aussage in dem Kommentar: "Das andere sind die psychischen Belastungen für Betroffene: Obwohl sie Opfer geworden sind, ist nicht sicher, dass das erlittene Unrecht anerkannt und sie auch entschädigt werden. Immer noch liegt die Beweislast oftmals beim Patienten." 


Ich habe nichts zu verlierenElisabeth Winkels*


Aufgeben will sie keinesfalls, auch wenn sie daran kurzzeitig gedacht hat. "Aber ich habe ohnehin nichts  zu verlieren, schlechter kann es mir nicht mehr gehen", sagt die Rückengeschädigte. Doch selbst wenn ein Gericht ihr eine hohe fünfstellige Summe zusprechen würde, was möglich erscheint, weiß die Ostfriesin nicht, ob es ihre Situation nachhaltig verbessern würde. "Ich gehe nämlich davon aus, dass ich dann die staatliche Unterstützung, die ich in den vergangenen Jahren erhalten habe, zurückzahlen muss." Ein weiterer Punkt, den es Elisabeth Winkels zufolge bei diesem Thema zu verbessern gelte.

*Name von der Redaktion geändert


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