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Weltbahn durchs Wiehengebirge Griff in die Geschichte: Nächster Halt „Höhenluftkurort Ostercappeln“

28.07.2012, 08:25 Uhr

Als die Bahnlinie Hamburg–Venlo in den 1860er-Jahren projektiert wurde, war in Ostercappeln kein Bahnhof vorgesehen.

Mit Hinweis auf die geringe Bevölkerungsdichte sollte für die gesamte Strecke zwischen Osnabrück und Bohmte ein einziger Halt in Vehrte genügen. Und obgleich um die Jahrhundertwende in Ostercappeln tatsächlich gerade mal 700 Einwohner gezählt wurden, gelang es doch, die zuständigen Behörden von der Notwendigkeit eines Haltepunkts zu überzeugen, sodass schon kurze Zeit nach der Inbetriebnahme des Streckenabschnitts Osnabrück–Bremen (1873) Züge in Ostercappeln hielten.

Die Station 99 an der damals noch eingleisigen Strecke war ein schmuckloser kleiner Fachwerkbau, dessen bescheidene Infrastruktur allerdings durch die Nachbarschaft des Gasthauses „Zur Morgensonne“ deutlich aufgewertet wurde.

Die Lage des Bahnhofs im tiefen Tal, an der Nordseite des Wiehengebirges, sei von Anfang an ein wenig schwierig gewesen, sind sich Lokalhistoriker und ehemalige Eisenbahner einig, die sich zum Gespräch über den Bahnhof Ostercappeln vor Ort versammelt haben. Um vom deutlich höher gelegenen Dorf zum Bahnhof zu gelangen, nutzten Fuhrwerke die neu angelegte Bahnhofstraße, die sich noch heute in Kehren und Windungen den Berg hinunterschlängelt, während Fußgänger die zahlreichen Fußwege bevorzugten: Ob es der Herringhauser Kirchweg, die Affenbahn – die so hieß, weil die ins Feld ziehenden Soldaten ihren pelzigen Rucksack bereits mitbrachten, wenn sie vor Abfahrt des Zuges noch einen Tanzabend im nahe gelegenen Waldschlösschen verbrachten – oder der Eselsweg war, sie alle waren deutlich kürzer, aber auch extrem steil und schwer zu begehen.

Und so wurde schon kurze Zeit nach seiner Inbetriebnahme diskutiert und beantragt, ob der Bahnhof nicht weiter westlich Richtung Krebsburg verlegt werden könne, wo man ihn bequemer erreichen könnte. Doch aus technischen Gründen wurde diese Lösung abgelehnt – die Steigung Richtung Vehrte in Kombination mit einer Kurve hätte es schweren Zügen nahezu unmöglich gemacht, nach einem Halt dort am Berg wieder anzufahren.

Ungeachtet aller Beschwerlichkeiten florierte der Bahnhof an seinem alten Standort – nicht nur die Bewohner der Nachbarorte Herringhausen, Feldkamp, Schwagstorf und Venne nutzten den direkten Anschluss an die „Weltbahn Paris–Hamburg“, wie die Bahnstrecke gern genannt wurde, sondern, und das mag heute überraschen, Hunderte Kurgäste, Sommerfrischler und Wanderer reisten per Bahn nach Ostercappeln.

Denn gerade die zauberbergmäßig exponierte Lage auf dem Wiehengebirgskamm und die würzige Waldluft hatten Ostercappeln das Prädikat „Höhenluftkurort“ erworben. Das St.-Raphaels-Stift eröffnete 1904 ein Kurheim, in das erschöpfte Stadtmenschen vor allem aus Bremen und dem Ruhrgebiet zur Erholung kamen. Zudem lebten viele örtliche Hotels und Pensionen damals recht gut vom Tourismus. In einer Broschüre von 1925 wird der Ort gar als „Dorfschöne“ des „lachenden Osnabrücker Berglandes“ gerühmt. Ostercappeln war damals so populär, dass von den Gästen Kurtaxe erhoben werden konnte.

Klar, dass schon bald ein schöneres und größeres Empfangsgebäude her musste. Zwischen 1910 und 1916 entstand also das heute noch existierende Gebäude.

Von außen eher quadratisch-praktisch-gut, muss es in seinem Inneren durchaus mit Jugendstilelementen und schönen Fliesenböden geschmückt gewesen sein. Auf der mittleren Ebene gab es zu den Gleisen hin das Stellwerk, zur Straße die Schalter- und Wartehalle, im Obergeschoss Wohnungen.

Daneben befand sich im Souterrain noch eigens eine Bahnhofsgaststätte. Von hier ging auch der Weg an einem Schalterhäuschen mit „conducteur“ vorbei durch eine Unterführung zu den Gleisen 1 und 2. Dort waren die Treppenaufgänge noch lange Zeit von Dachaufsätzen geschützt, deren grünliche Verglasung für eine eigenartige Atmosphäre sorgte. Für den stilgerechten Transport der zahlreich eintreffenden Kur- und anderen Gäste hinauf in die Kurfrische standen am Bahnhof Kutschen, später auch das Postauto bereit.

Mit dem Erstarken des Personenverkehrs ließ auch die Einrichtung von Güterverkehr nicht lange auf sich warten. Zu den besten Zeiten standen neben dem Güterboden im Bahnhofsgebäude elf zusätzliche Güterschuppen längs der Gleise, deren Zahl sich im Bahnhofsbereich auf fünf erhöht hatte, für Handelsaktivitäten bereit. Kohlen und Kunstdünger, Fleisch und Wurst und viele andere Produkte wurden zunächst von Hand, später per Förderband bis in die Waggons geschafft.

Doch nur zu schnell war die große Zeit des Anschlusses an die Weltbahn Vergangenheit. Im Mai 1977 hielt der letzte Personenzug in Ostercappeln, das Aus für den Güterverkehr folgte wenige Jahre später.

Das könne nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist die Initiative „Starkes Dorf Ostercappeln“ überzeugt, deren Mitglied Dr. Franz Kahlert auf den großen Einzugsbereich hinweist, der heute einen schienengebundenen Nahverkehr zwischen Osnabrück und Bohmte mit Stopps in Vehrte und Ostercappeln wieder attraktiv erscheinen lasse: „Vor allem, wenn die Verbindung von Bohmte auf den Schienen der Wittlager Kreisbahn über Bad Essen und Preußisch Oldendorf bis nach Bad Holzhausen fortgeführt wird, wird sich der Aufwand lohnen.“