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Weaning-Zentrum in St. Raphael In Ostercappeln lernen Patienten, wieder zu atmen

Von Kerstin Balks | 28.07.2014, 18:00 Uhr

Künstliche Beatmung rettet Leben. Doch nicht selten fällt es Patienten schwer, vom Beatmungsgerät loszukommen, wieder selbstständig zu atmen. Sie dabei zu unterstützen, hat sich das Team von Dr. Christoph Schaudt, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin, zur Aufgabe gemacht. Am Krankenhaus St. Raphael Ostercappeln praktizieren sie die Beatmungsentwöhnung, das sogenannte Weaning.

Er ist von Schläuchen und Kabeln umgeben. Überall blinkt und piept es. Und doch ist Dietmar Kamp guter Dinge. Morgen wird er verlegt. Von der Intensivstation hoch auf die Vier, „die Pneumologische“. „Ich kann wieder quasseln“, sagt er vergnügt. Als er vor vier Wochen ins Krankenhaus kam, „ging gar nix mehr“. „Herr Kamp ist COPD-Patient*. Als dann bei ihm noch eine Lungenentzündung hinzukam, hatte er einen Zusammenbruch. Er war nicht ansprechbar“, berichtet Oberärztin Dr. Anna Heinrichs. Eine künstliche Beatmung war angezeigt, und zwar über eine durch den Hals in die Luftröhre eingeführte Atemkanüle. Daran erinnert immer noch ein kleiner Verband, „aber“, beruhigt Heinrichs, „das Loch in der Luftröhre wächst schon wieder zu.“ Noch trägt Dietmar Kamp eine Nasensonde, über die die Sauerstoffzufuhr unterstützt wird. „Schnaufen kann ich aber wieder selbstständig“, freut sich der Patient.

Risiko COPD

Gerade Patienten, die wie Dietmar Kamp durch eine chronische Lungenerkrankung vorgeschädigt oder durch Alter oder Krankheit ohnehin geschwächt seien, gewöhnten sich nach einer akuten Erkrankung wie der Lungenentzündung, nach einem Unfall oder einer Operation schnell an die künstliche Beatmung, weiß die Ärztin. Gleiches gelte für Menschen mit Fettleibigkeit oder einer ausgeprägten Skoliose, bei denen die Atmung erschwert sei. Auch bei ihnen finde schnell eine Gewöhnung an das Beatmungsgerät statt.

Der Gewöhnung steht die Entwöhnung gegenüber, wie sie die Weaning-Abteilung in Ostercappeln durchführt. Leiter der Abteilung ist Christoph Schaudt, Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie, Gastroenterologie und Intensivmedizin und seit April Chefarzt der Klinik für Pneumologie am Ostercappelner Krankenhaus St. Raphael . Er war zuvor Chefarzt an Lungenfachkliniken in St. Blasien im Schwarzwald und in Bad Lippspringe, wo er die Beatmungsentwöhnung bereits etabliert hat.

Mit dem Ausbau der Weaning-Abteilung am Ostercappelner Lungenzentrum schließt dessen Träger, die Niels-Stensen-Kliniken, eine Lücke in der regionalen Versorgung: „Verfügbare Plätze zur Entwöhnung von einer Langzeitbeatmung waren bislang im weiteren Umkreis nicht vorhanden, die Patienten wurden oft viele Hundert Kilometer weit in Spezialkliniken verlegt.

Weit weg von zu Hause ist der Behandlungsprozess dann für den Patienten zusätzlich belastend, weil regelmäßige Besuche durch Angehörige oft nicht möglich sind“, erklärt Schaudt. Ein Blick auf die Karte der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zeigt: Das Weaning-Zentrum in Ostercappeln deckt einen dringenden Bedarf im gesamten nordwestdeutschen Raum ab. Bisher mussten Weaning-Patienten aus dieser Region Einrichtungen in Bremen, Hannover, Bad Lippspringe, Hemer oder Dortmund aufsuchen.

Die Vorgehensweise beim Weaning gleicht einem Training – nur dass die Teilnehmer alles andere als Leistungssportler sind. Im Gegenteil. Zudem lässt sich kein allgemeingültiger Trainingsplan aufstellen, schon gar kein Zeitplan. „Wir tasten uns behutsam vor, ohne den Patienten zu überfordern. Wir beginnen minutenweise mit der selbstständigen Atemarbeit. Dann erweitern wir die Dauer der Phasen, in denen der Patient ohne Beatmungsgerät atmet. Nach und nach bringen wir ihm auch den Tag-undNacht-Rhythmus wieder nahe“, beschreibt der Lungenmediziner den Prozess.

Interdisziplinär

Außerdem wird beim Weaning interdisziplinär gearbeitet – mit geschulten Pflegekräften, Atmungstherapeuten, Physiotherapeuten, mit Ernährungsberatern, Logopäden und nicht zuletzt mit Psychotherapeuten. Es kommt nämlich auch vor, dass Patienten zwischenzeitlich der Mut verlässt. Selbst oder gerade nach Monaten und Jahren der künstlichen Beatmung würden sie gerne dabei bleiben. Trotz aller Einschränkungen und Risiken, wie etwa der erhöhten Infektgefahr, da die Öffnung zur Luftröhre ein Einfallstor für Keime ist.

Und schließlich: Einfach ist die Entwöhnung – gerade zu Beginn – nicht. Dietmar Kamp weiß das: „Man schnappt nach jedem Lüftchen“, erinnert er sich. Der Kopf spiele eine wichtige Rolle. Und die Familie, bestätigt Schaudt. „Man sollte nicht zu übereifrig sein. Besser ist es, das Weaning ruhig und überlegt anzugehen. Wir nehmen uns die erforderliche Zeit, wir haben die Ressourcen, die eben nur in Weaning-Zentren für die Beatmungsentwöhnung zur Verfügung stehen“, so der Facharzt. Denn: Reguläre Intensivstationen sind darauf nicht ausgerichtet, sie überweisen Beatmungspatienten, deren Verfassung eine Entwöhnung angeraten erscheinen lässt, an die Weaning-Zentren. Wie das in Ostercappeln.

Kostenfaktor

Neben den gesundheitlichen Risiken und der eingeschränkten Lebensqualität ist die künstliche Beatmung natürlich auch ein erheblicher Kostenfaktor im Gesundheitswesen. „Allein die Heimbeatmung eines Patienten über ein Pflegeteam kostet die Krankenkasse etwa 33000 Euro pro Monat“, so Schaudt. Insofern sei der Ausbau von Weaning-Zentren auch volkswirtschaftlich gesehen von Bedeutung, selbst wenn der Weaning-Prozess vergleichsweise personalintensiv ist. 16 Beatmungsplätze stehen in der hochmodernen, vor einem Jahr neu errichteten Intensivstation in Ostercappeln zur Verfügung, inklusive derer für akute Beatmungspatienten.

Wie etwa den Patienten am Fenster. Ihm steht eine OP bevor. Nach einem Unfall blieb bei ihm ein Bluterguss im Brustraum zurück, der sein Lungenvolumen einschränkt. Deshalb muss er künstlich beatmet werden. Durch den Eingriff, bei dem das Hämatom entfernt werden soll, versprechen sich die Lungenärzte für diesen Patienten gute Chancen, wieder selbstständig zu atmen. Vielleicht sogar ohne längere Entwöhnung.

Abgesehen vom subjektiven Empfinden des Patienten sind es die Blutgaswerte, also die Parameter Sauerstoff und Kohlendioxid, die die Spezialisten Aussagen über den Fortschritt des Weanings treffen lassen. „Sauerstoff können wir ja jederzeit zuführen. Wichtig ist aber, dass die Blutgase im richtigen Verhältnis zueinander stehen und der CO2-Anteil im Blut nicht zu hoch wird, was ab einem gewissen Wert lebensbedrohlich sein kann“, erläutert Siegfried Hötzel, Atmungstherapeut im Weaning-Team, anhand eines Ausdrucks der Blutgasanalyse. Vereinfacht gesagt: Wenn die Ausatmung nicht ausreichend ist, kann nicht genügend verbrauchte Atemluft und damit CO2 ausgestoßen werden. Es verbleibt im Blut und übersäuert den Patienten.

Lebensqualität

Bei Dietmar Kamp befindet sich alles im schönsten Einklang. Seit vier Tagen kann er wieder feste Nahrung zu sich nehmen. „Obwohl die Beatmung ja direkt über die Luftröhre erfolgte, leidet dabei häufig das Vermögen, zu schlucken. Es muss sichergestellt sein, dass der Patient atmen und schlucken kann, dann fangen wir mit dünnflüssiger Nahrung an und gehen sukzessive zu fester Nahrung über“, erklärt Heinrichs. Die natürliche Nahrungsaufnahme mit dem Mund sei eben ein wesentlicher Faktor für Lebensqualität und werde daher auch von den Patienten als entscheidender und ermutigender Schritt auf dem Wege der Genesung wahrgenommen, so Schaudt.

Und deshalb freut sich Weaning-Patient Kamp nicht nur auf ein Wiedersehen mit seiner Enkelin und den Kindern aus der Nachbarschaft, sondern auch auf das Stück frischen Aprikosenkuchen aus der Backstube des Ostercappelner Krankenhauses.