Ein Artikel der Redaktion

Ostercappeln Inzwischen ein Projekt für ganz Europa

12.11.2008, 23:00 Uhr

Gunter Demnig hat mehr als 17 000 Stolpersteine verlegt. In Deutschland gibt es diese Steine in 384 Kommunen. Die jüngsten sind die sechs Steine, die am Dienstag in Ostercappeln gesetzt wurden. Sie erinnern an Josef und Helene Meyer, an Erna Meyer un d ihre Kinder Hans und Ruth sowie an Pater Franz Riepe. „Also an Menschen, die in Ostercappeln gelebt haben“, sagte Pfarrer Bernhard Stecker.

„Ich freue mich über jeden Ort, der an der Aktion teilnimmt“, so Gunter Demnig. Der Kölner Künstler hat diese besondere Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus 1993 gestartet. Zunächst war es eine Idee, deren Verwirklichung unrealistisch erschien. Doch da sich viele Bürger hierfür interessiert und eingesetzt haben, ist daraus „ein Projekt für ganz Europa geworden“.

Natürlich sei ihm klar gewesen, dass nicht alle Bürger die Stolpersteine gut finden und dass es Kritik und Ablehnung gebe werde. Doch das sei eine Minderheit. „Vor allem Jugendliche haben großes Interesse“, sagte Demnig in Ostercappeln. Statt mit abstrakten Daten könnten sich junge Menschen konkret mit dem Schicksal einzelner Familien befassen. „Dieser Geschichtsunterricht ist so handfest, dass er sitzt.“ So haben Schüler der Ludwig-Windthorst-Schule die Steinverlegungen begleitet und aus dem Leben der Opfer erzählt. Erste Station war das Pfarrheim auf dem Kirchplatz. Dort war früher eine Schule untergebracht, die Franz Riepe besuchte. Riepe wurde 1885 in Schwagstorf (Krebsburger Mühle) geboren. Er trat den Steyler Missionaren bei und studierte Theologie. 1914 wurde er zum Priester geweiht. Er lehrte im Missionshaus St. Xaver in Bad Driburg. 1941 wurde er von Gestapobeamten verhaftet, weil man ihm vorwarf, einen Hirtenbrief holländischer Bischöfe mit scharfer Kritik am NS-Regime verbreitet zu haben. Er war denunziert worden. „Franz Riepe nahm aber alle Verantwortung auf sich, um seine Mitbrüder nicht zu gefährden“, berichteten die Schüler. Der Pater wurde ins Konzentrationslager Dachau gebracht. „Er hatte die Häftlingsnummer 25338.“ Er starb er im August 1942 in Dachau.

An der Windthorststraße erinnern zwei Stolpersteine an Josef und Helene Meyer. Das Eheleute waren schon über 80 Jahre alt, als ihr Hausinventar versteigert und sie deportiert wurden. Zunächst in ein „Altenheim“ bei Mönchengladbach, dann nach Theresienstadt in Böhmen. Dort wurden sie im Winter 1942/43 ermordet. Eine entfernte Verwandte war Erna Meyer, die mit ihren Kindern Hans und Ruth, geboren 1928 und 1929, an der Bahnhofstraße in Ostercappeln wohnte. Versuche, das Haus zu verkaufen, um emigrieren zu können, gelangen nicht. Die Familie zog nach Köln, 1943 wurden Erna, Hans und Ruth Meyer verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Mutter und Sohn wurden in dem Konzentrationslager umgebracht; die Tochter ist bereits während der Deportation verschollen. Eine Infotafel, die am Bolbecer Platz (Markt) steht, informiert über Hintergründe und Orte der Stolpersteinaktion.