Ein Artikel der Redaktion

Ostercappeln Die Gemeinde ist wirklich steinreich

14.07.2009, 22:00 Uhr

Einige Wochen lang hat die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück eine kleine Fläche im Bereich des Gutes Caldenhof in Ostercappeln-Hitzhausen – Geburtsort von Ludwig Windthorst – gegraben und gesichtet. Bodo Zehm, Sebastian Möllers und weitere Mitarbeiter haben allerdings keine Spuren des Politikers aus dem 19. Jahrhundert gesucht. Ihr Forschungsobjekt ist mindestens 5000 Jahre alt: ein Großsteingrab.

Am Rande des Waldstücks liegen nämlich mehrere große und kleinere Steine, die einst zu einer Grabanlage gehörten. „Hünengrab“, so bezeichnet der Volksmund diese Anlagen.

Der Grund: Die Bewohner konnten sich nicht erklären, wie ganz normale Menschen solch große und tonnenschwere Steine bewegt haben. Deshalb hätten wohl Hünen, also Riesen, in ferner Vergangenheit die Steine herbeigeschleppt und die Anlagen errichtet. Fachleute sprechen von Großsteingräbern oder Megalithgräbern.

Wie sind die Bauten denn nun tatsächlich errichtet worden? Fachleute gehen davon aus, dass die bis zu 50 Tonnen schweren Findlinge mit einfachen Mitteln wie hölzernen Rollen, Hebebäumen, Tauen und Zugtieren bewegt wurden. Nach Hochrechnungen lag der Zeitaufwand für den Bau einer großen Anlage bei Einsatz von 100 Helfern bei etwa 15 Wochen

Lohnt es sich, eine Infrastruktur in Hitzhausen herzurichten? Diese Frage soll jetzt unter anderem geklärt werden. Soll Geld in Hinweisschilder, Infotafeln und eventuell auch in einen Rad- und Wanderweg zur Anlage investiert werden? „Es gibt immerhin eine touristische Perspektive“, meint Bodo Zahm, Leiter der Stadt- und Kreisarchäologie.

Im Nordwesten Deutschlands liegen viele Großsteingräber, nämlich rund 100. Komplett erhalten sind aber nur ganz wenige. Und wie ein Grab sieht die Steinformation am Waldrand in Hitzhausen wirklich nicht aus. Was allerdings die Regel sei, erläutert Sebastian Möllers. „Hier liegen mehr Deck- als Trägersteine.“ Die kleineren Trägersteine der Grabanlagen wurden von den Bewohnern über Jahrhunderte hinweg als Baumaterial verwendet. „Unzählige Megalithgräber sind im Lauf der Zeit auf diese Weise komplett zerstört worden“, bedauern die Experten. Sogar für den Straßenbau haben Kommunen früher diese Material eingesetzt. Nur ein Zehntel aller Gräber sind ganz- oder zumindest teilweise erhalten.

Die Megalithgräber sind charakteristisch für die Epoche der Jungsteinzeit, das ist die Ära von 5500 bis 2000 vor Christus. Die Anlage in der Gemeinde Ostercappeln wurde erst sehr spät entdeckt: 1976. Größere Untersuchungen folgten aber nicht sofort.

Jetzt nach dem Ende des Schnippenburg-Projektes standen Zeit (und Gelder) zur Verfügung, um das Areal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Großsteingrab ist 13 Meter lang. „Es war also definitiv ein Kollektivgrab, in dem mehrere Menschen bestattet wurden“, sagt Bodo Zehm. Und sie wurden über viele Generationen hinweg genutzt. Ein einziges Großsteingrab konnte die Überreste von bis zu 150 Verstorbenen enthalten.

Die Archäologen haben in Hitzhausen drei sogenannte Grabungsschnitte gemacht und den Boden in diesem abgegrenzten Areal intensiv untersucht. Das Ergebnis: „Wir haben Keramikscherben, Knochen, Schaber und Feuersteinbeile gefunden“, so die Bilanz von Sebastian Möllers. Einige Keramikteile sind mit Mustern versehen. „Das erleichtert die Feindatierung“, ergänzt Bodo Zehm. Dazu sind Vergleiche mit Funden aus anderen Grabstellen notwenig. Diese Bewertung folgt demnächst. Sicher ist, dass das Großsteingrab in der Zeit zwischen 3500 und 3000 vor Christus errichtet wurde.

Heute liegt die Fläche abseits, Wald war darüber gewachsen. „Das war in der Jungsteinzeit anders“, erklärt Zehm. Der Grabstandort war zentral. „Auch territorialer Besitz wurde damit deutlich gemacht. Und wo Gräber waren, gab es auch Wege und Trassen.“

Warum sind Jungsteinzeit und Megalithgräber, überhaupt so interessant für die Archäologen? Die Ära ab 3500 vor Christus markiert den Beginn einer Revolution in der Geschichte. Aus Jägern und Sammlern wurden im Lauf der Zeit sesshafte Menschen. Die bäuerliche Kultur mit dem Anbau von Getreide und der Haltung von Tieren entwickelte sich. Die ersten Siedlungen entstanden.

In der Steinzeit errichteten die Menschen ihre Wohnungen aus Holz und Lehm – und nicht aus Stein. Diese Häuser sind längst verschwunden. Die Megalithgräber sind dagegen bis heute steinerne Zeugen des Zeitenwandels, und die Funde lassen Rückschlüsse über Leben und Alltag der Vorfahren zu.

„Ostercappeln ist wirklich steinreich“, stellte Kämmerer Rolf Lange bei einem Besuch der Grabanlage fest. Leider wirkt sich das jedoch nicht positiv auf die kommunalen Finanzen aus...