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Besuch aus Israel Eine bewegende Spurensuche in Ostercappeln

Von Rainer Westendorf | 07.06.2016, 15:16 Uhr

Besuch aus Israel in Yuval Ben-Nur und Amos Kleczinski, zwei Urenkel von Josef und Helene Meyer, haben den Ort besucht, an dem ihre Vorfahren gelebt haben. Die Meyers gehörten zu den jüdischen Familien Ostercappelns.

Die Mutter von Yuval Ben-Nur und Amos Kleczinski hatte ihren Söhnen von ihren Großeltern in Ostercappeln erzählt und berichtete, dass sie bei ihren Aufenthalten dort ihre glücklichsten Kindheitstage verbrachte. Das war Anlass für die beiden Gäste, zu recherchieren und Kontakt aufzunehmen. Das Starke Dorf Ostercappeln mit Franz Kahlert, Heinz Müller und Walter Grewe als Übersetzer hat den Aufenthalt dann vorbereitet.

In Ostercappeln integriert

Die jüdischen Familien waren vollkommen in Ostercappeln integriert. „Unsere Mutter, 1921 geboren, wusste nicht einmal, dass sie jüdisch ist – bis sie den gelben Stern tragen musste“, berichtet Yuval Ben-Nur. Wie es dann innerhalb weniger Jahre zu Diskriminierung, Verfolgung und zum schließlich Holocaust kommen konnte, ist eine Frage, die Gäste und Gastgeber bewegt und beschäftigt. Es ist schwierig, das Unfassbare in Worte zu fassen.

Eine Tafel und Stolpersteine

Das Haus von Josef und Helene Meyer, das Anfang der 1980er Jahre abgerissen wurde, stand an der Windthorststraße. Dort, wo sich heute der Parkplatz der Pflegeeinrichtung Haus am Markt befindet. Eine Tafel und Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnern an das Schicksal der Eheleute. Josef Meyer war Viehhändler. Er wurde 1855 in Rabber geboren. Seine Frau Helene kam 1861 in Hülsen zur Welt. Als die Verfolgung unter den Nationalsozialisten begann, waren beide schon über 70 Jahre alt. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Josef Meyer kurzfristig verhaftet, aber bald darauf wieder aus Osnabrück entlassen. 1939 wurde der inzwischen 83-Jährige zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er musste für den Landkreis Wittlage Straßenbauarbeiten in Herringhausen verrichten.

Tod in Theresienstadt

Im Sommer 1941 wurde das Ehepaar zunächst in ein sogenanntes Judenhaus für Alte nach Rhyedt bei Mönchengladbach gebracht. Von dort wurden sie nach Theresienstadt verbracht. Josef Meyer kam dort im Dezember 1942 ums Leben, seine Frau zwei Monate später. Sie verhungerten.

Gesprächsrunde mit Zeitzeugen

Welche Erinnerung haben Ostercappelner an die Familie Meyer? Zum Aufenthalt der Gäste gehörte eine Gesprächsrunde mit Zeitzeugen (und jungen Bürgern) im Haus St. Michael. Die Brüder Willi und Josef Beckers, Henny Hugo und Anneliese Freibüter kannten Josef und Helene Meyer. Helene Meyer hatte den Kindern aus dem Ort, die zu Besuch waren, immer vorgelesen. Und Süßigkeiten gab es auch. Die Beckers pflückten Äpfel für das hochbetagte Ehepaar und wurden dafür entlohnt. Von der Deportation haben die Kinder nichts mitbekommen. Von einem Tag auf den anderen waren die Meyers nicht mehr da. Sie waren verschwunden – und im Ort wurde darüber nicht gesprochen.

Eine komplizierte Beziehung

„Wieso werden zwei alte Menschen, die niemandem etwas getan haben, umgebracht?“ Für Yuval Ben-Nur und Amos Kleczinski waren die Erzählungen sehr bewegend. „Die Beziehung zu Ostercappeln ist natürlich sehr kompliziert“, sagte Ben-Nur. Der Holocaust sei bis heute prägend für die Menschen und den Staat Israel. „So etwas darf nie wieder passieren – nirgendwo auf der Welt“, so die Gäste.

Heimstatt für alle Juden

Ben-Nur versuchte, den Ostercappelner zu erklären, welche Bedeutung der Staat Israel für die Juden hat. Ohne den Holocaust sei das nicht zu verstehen. „Israel ist die Heimstatt für alle Juden in der ganzen Welt“. Diese wissen, auch wenn sie in anderen Ländern leben, dass sie immer Israel kommen können. Daher sei ein starkes Israel notwendig – ganz egal, wie man zu den jeweiligen Regierungen stehe. „Und Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten“, merkte Ben-Nur an.

Ein Gespräch, dass auch die Gastgeber tief beeindruckt hat. „Danke im Namen der Gemeinde für diese Stunde der Wahrheit“, sagte Ortsbürgermeister Peter Kovermann.

Empfang im Rathaus

Ein kurzer offizieller Teil im Rathaus war ebenfalls Bestandteil des Aufenthalts. Michael Borgmeier, Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters, hieß die die Besucher aus dem Ort Magshimim in Zentralisrael willkommen. Yuval Ben-Nur und Amos Kleczinski trugen sich in das Gästebuch der Gemeinde ein – und schrieben auf hebräisch, also von rechts nach links.

Einen Wunsch erfüllt

Einen besonderen Wunsch konnte das Starke Dorf Yuval Ben-Nur und Amos Kleczinski außerdem erfüllen. Deren Mutter Shulamit – ihr Geburtsname in Deutschland war Hilde – hatte ihren Kinder immer davon vorgeschwärmt, wie lecker die hausgemachten Würstchen bei den Großeltern schmeckten. Wo gibt es solche Wurst noch heute? Bei der Landschlachterei Krischke in Venne. Die Gäste durften die Herstellung von Mettwürsten beobachten, natürlich auch probieren und eine Kostprobe mitnehmen. Zudem gab Heinz Krischke eine interessante Betriebsführung.