Leben im Haus St. Michael Ostercappeln Wie Demenz das Leben eines Angehörigen verändert

Von Andre Pottebaum


Ostercappeln. Es gibt Tage, an denen gibt es mehr Schatten als Licht. Und an anderen, sagt Karl-Heinz Neumann, reiche eine kleine Geste aus, dann sei er glücklich. Seit 50 Jahren ist der Osnabrücker mit seiner Frau Elvira verheiratet. Doch die Demenz der 71-Jährigen veränderte sein Leben. Schlagartig.

Vor fast zehn Jahren fing alles an, berichtet Karl-Heinz Neumann. Kurz nach der Pensionierung seiner Frau. Eines Tages sei sie vom Einkaufen wiedergekommen. Mit einem Portemonnaie voller Kleingeld. Ungewöhnlich, wie er fand. An einem anderen Tag habe sie einfach aufgehört, den letzten Gang ihres Wagens einzulegen. Erste Anzeichen, erinnert sich der pensionierte Lehrer. Aber auch sprachlich habe seine Frau stark abgebaut. Gemeinsame Gespräche waren kaum mehr möglich. Doch erst Jahre später folgte der Befund: Demenz.

Im Klinikum Osnabrück ließ er seine Frau untersuchen. Das war 2012. „Ich hatte Angst vor der Diagnose“, erinnert sich der 76-Jährige. „Plötzlich sprang es mich von allen Seiten an: Im Fernsehen, in der Zeitung, alles drehte sich um Alzheimer.“ Seitdem sei alles ganz schnell gegangen. Seine Frau habe immer mehr abgebaut, sich nicht mehr selber waschen oder ankleiden können. Ein schreckliches Gefühl sei das gewesen, „einfach furchtbar“, sagt er mit starrem Blick, in sich gekehrt.

Pflege ein 24-Stunden-Job

Für ihn war es selbstverständlich, seine Frau zuhause zu pflegen. Ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche. „Meine Frau ins Bett zu bringen, war immer eine Tortur. Dazu das Einnässen und Einkoten. Duschen ging nur, wenn ich mit reinging und die Tür abschloß, damit sie nicht wegläuft“, berichtet der Osnabrücker. Zweimal die Woche nahm er sich eine Auszeit. Für ein bis zwei Stunden, wie er selbst sagt. Mit Freunden ging es zum Tennis. Eine Pflegekraft kümmerte sich um seine Frau. Ein schlechtes Gewissen habe er gehabt, weg zu sein von zuhause, seine Frau alleine zu lassen.

Irgendwann, so Neumann, sei seine Frau immer aggressiver geworden, habe geschlagen und gebissen, sich mit Händen und Füßen gewehrt, wenn er sie anziehen wollte. „Man selber wird dadurch auch aggressiver“, sagt er. „Das ist fürchterlich und beschäftigt einen. Man hat Schuldgefühle etwas falsch gemacht zu haben. Das Ganze zu ertragen ist nicht so einfach.“ Als er seine Frau nicht mehr die Treppe herunter bekam, zog er die Reißleine und entschied sich, seine Frau in ein Pflegeheim zu geben.

„Da geht mir das Herz auf“

Mit seiner Tochter, die als Lehrerin in der Schweiz arbeitet, fuhr er von Einrichtung zu Einrichtung. Ganz Osnabrück und Umgebung klapperte er ab, um die beste Pflege für seine Frau zu finden. Im Haus St. Michael in Ostercappeln wurde er fündig. Wie „sechs Richtige im Lotto“ sei die Wahl gewesen, seine Frau hier her zubringen. „So viel Empathie, so viel Einsatz und Freundlichkeit, die hier im Umgang herrschen. Da geht mir das Herz auf“, schwärmt der 76-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht.

In ihrem Zimmer habe sie alles, was sie zum Leben brauche, auch wenn sie den Raum nur zum Schlafen nutze. Sie sei sehr mobil, immer auf Achse, im ganzen Haus unterwegs. Manchmal büxe sie aus, verstecke sich in Nebenräumen und komme mit Süßigkeiten wieder, berichtet Karl-Heinz Neumann mit einem Schmunzeln. Sonst nutze er die Zeit, um mit ihr im Garten spazieren zu gehen, gemeinsam den Vögeln zuzuhören, Rosen und Tulpen zu bewundern oder einfach, um ein paar Minuten zur Ruhe zu kommen.

Ängste und Nöte, die einem keiner abnimmt

Für ihn sei es eine Erleichterung zu wissen, dass seine Frau in guten Händen ist, dass sich jederzeit Pfleger um die Bedürfnisse seiner Frau kümmern würden. Auch er selbst profitiere von dem Pflegeheim. „Es beruhigt mich unheimlich hier zu sein. Wenn ich hier bin, geht es mir besser als zuhause. Es ist wie eine Parallelwelt“, sagt er. Zuhause müsse er sich um alles selber kümmern, den Haushalt, die Wäsche, den Garten. Doch in Gedanken sei er immer bei seiner Frau. In Sorge, ob es ihr gut gehe, sie in Ordnung sei. Ängste und Nöte, die ihm keiner abnimmt.

So begann Karl-Heinz Neumann vor einiger Zeit Tagebuch zu schreiben. Seit anderthalb Jahren intensiv. Darin verarbeitet er jeden Tag seine Erlebnisse, sortiert seine Gedanken und Gefühle und verfolgt rückblickend die Entwicklung seiner Frau. Zwar wisse er nicht, ob ihn seine Frau wahrnehme. Dennoch gebe es Momente, in denen sie eine gewisse Regung zeige. „Ich habe das Gefühl, das sie mich erkennt, wenn ich sie besuche. Sie lächelt mich dann an. Das bestärkt mich in meinen täglichen Besuchen“, sagt er.

Doch eines vermisst er besonders – die Kommunikation mit seiner Frau. Seit nun schon drei Jahren. „Man ist zusammen, aber eigentlich auch nicht. Man kann seine Gefühle nicht mehr ausdrücken“, sagt er. Das sei ein bedrückendes Gefühl, eine Situation der Ungewissheit. Er könne nicht viel machen, außer für sie da zu sein. Aber nicht zu wissen, ob es ihr gut gehe, sie etwas brauche oder ob sie ihn überhaupt noch erkenne, das sei eine schwere Bürde. Einfach furchtbar, wie er selbst sagt. (Lesen Sie auch: Wege zum Umgang mit Alzheimer – Wenn der eigene Vater verschwindet)


Demenz

Demenz stammt aus dem Lateinischen und bedeutet sinngemäß „ohne Geist“. Unter dem Begriff werden über 50 verschiedene Krankheiten zusammengefasst, wobei Alzheimer die häufigste Form der Demenzerkrankung ist. Desorientierung, Wahnvorstellungen, Konzentrationsschwächen oder ein eingeschränktes Ausdrucksvermögen kennzeichnen typische Symptome Erkrankter, die häufig nicht ohne die Unterstützung Dritter auskommen. Bei einigen Krankheitsbildern sind auch das Sozialverhalten und die Persönlichkeit betroffen. Das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter. Jährlich erkranken rund 300.000 Menschen an einer Demenz, davon sind 200.000 Alzheimer-Patienten. Etwa 70 Prozent aller Demenzkranken werden zu Hause durch Angehörige gepflegt.

0 Kommentare