Kreisel wurde 1995 gebaut Die Riesen-„Spinne“ von Schwagstorf

Von David Hausfeld


Schwagstorf. Es lebt eine Riesenspinne im Wittlager Land, genauer gesagt in Schwagstorf. In unserer Region ist sie die größte ihrer Art und ihre asphaltbedeckten Beine erstrecken sich kilometerweit durch die Landschaft. Sie ist Identitätsstiftend, gefährlich ist sie jedoch nicht – ganz im Gegenteil.

Schon lange bevor 1994 die Bauarbeiten für den heutigen Kreisverkehr in Ostercappeln-Schwagstorf begannen, hieß der Knotenpunkt in dem die B 218 sowie Driehauser, Venner, Schwegerhoff- und Mühlenstraße zusammenlaufen bei den Bewohnern im Altkreis schlicht: „Die Spinne“. Sechs Beine ragen ihr empor und bringen Autofahrer durch das Wittlager Land: Im Norden bis nach Hunteburg, im Südwesten bis nach Vehrte oder als B 218 über Ostercappeln bis nach Bad Essen im Südosten, oder Venne im Nordwesten. Das macht sie zum größten Kreisel seiner Art im gesamten Landkreis Osnabrück, nach Angaben des selbigen.

Der „Spinne“ die Beine rauben

Ohne entschärfende Verkehrsleitmaßnahmen, wie einen Kreisel oder eine Ampel, bildete der Schnittpunkt der fünf Straßen ein unübersichtliches Wirrwarr für alle Verkehrsteilnehmer – und einen nicht zu unterschätzenden Gefahrenherd. Über die Jahre steigendes Verkehrsaufkommen, eine wachsende Ortschaft und „tägliche Beinaheunfälle“ zwangen Entscheider in Schwagstorfer Rat und Verwaltung zum Handeln, erinnert sich Schwagstorfs heutiger Ortsbürgermeister Karl-Heinz Rohrmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Doch bevor auch nur ein Arbeiter einen Spatenstich setzen konnte, gab es mühselige und lange Diskussionen über das weitere Verfahren mit dem Verkehrsknoten.

In einer ersten Idee wollten die Verantwortlichen der „Spinne“ die Beine rauben. Zwei Straßen sollten abgehängt werden, etwa die Driehauser und die Mühlenstraße, um eine klassische Ampelkreuzung zu schaffen, sagt Rohrmann. Wer schließlich den entscheidenden Vorschlag zum Bau eines Kreisels lieferte, kann er heute nicht mehr sagen. Dass es keine leichte Entscheidung war, weiß er jedoch sicher. Ein Kreisverkehr war seiner Zeit ein brandneues und fast gänzlich unbekanntes Konzept. Lediglich zwei Kreisverkehre gab es damals im Landkreis Osnabrück – einer in Hagen, der andere in Bramsche, sagt Burkhard Riepenhoff, Sprecher des Landkreises, auf Nachfrage.

Mysteriöses Gebilde verunsichert Autofahrer

Neuerungen mag der gemeine Niedersachse nicht: „Watt de Buer nich kennt, datt frett he nich“, zitiert Rohrmann ein plattdeutsches Sprichwort. „Viele wussten zum Beispiel nicht: Wie benimmt man sich als Verkehrsteilnehmer überhaupt in einem Kreisel“, sagt der Ortsbürgermeister. Allen Zweifeln zum Trotz baute Schwagstorf den Kreisverkehr dann aber doch innerhalb eines Jahres als ersten im Wittlager Land. 1995 wart die „Spinne“ in ihrer heutigen Form fertiggestellt. 1,1 Millionen D-Mark kostete der Bau. 387.000 D-Mark übernahm der Bund, 531.000 D-Mark der Landkreis und 182.000 D-Mark die Gemeinde selbst, sagt Rohrmann. Die Investition hat sich aus seiner Sicht gelohnt: „Ein Kreisel ist das idealste, was es gibt für Schwagstorf“.

Manch ein Autofahrer schien mit dem neuen, mysteriösen Rundstreckengebilde aber doch zunächst überfordert. „Am Anfang sind viele Fahrer falsch herum in den Kreisel gefahren“, erzählt Rohrmann. Und auch nach Jahren kam es hin und wieder noch zu Bagatellunfällen. Ein betrunkener Autofahrer verrückte mit seinem Auto einen der großen, in der Mitte des Kreisels liegenden Findlinge. Er übersah oder ignorierte den Kreisverkehr offenbar und fuhr geradeaus auf die Insel. Der Fahrer flüchtete anschließend und konnte später in einem Roggenfeld gestellt werden, erinnert sich Rohrmann. Schwagstorf und seine „Spinne“ seien dadurch kurzzeitig zu einem regelrechten Wallfahrtsort geworden.

Der Urwald von Schwagstorf

Darüber hinaus ging der Kreisverkehr nicht nur als „Spinne“, sondern auch als Urwald von Schwagstorf in die Chroniken ein. Auswuchernder Wildwuchs zeichnete das verkehrstechnische Wahrzeichen der Ortschaft lange Zeit aus. Regelmäßig machte sich der Ortsrat gemeinsam mit Anwohnern und Vereinen daran, Gestrüpp und Unkraut zu stutzen, um die ansonsten verhinderte Sicht über einbiegende Fahrzeuge wieder herzustellen. Im „Schwagstorfer Heimatbuch 1995“ wird der Kreisel aber auch die „grüne Insel in der grauen Eintönigkeit unserer Straßen“ genannt.

Ob nun Urwald oder „grüne Insel“, heute erscheint die „Spinne“ ordentlich und gepflegt. Sogar Stromanschlüsse seien auf ihr vorhanden, sagt Rohrmann. Diese würden etwa eine Weihnachtsbeleuchtung ermöglichen. Auch eine beleuchtete Stele mit Hinweisschildern auf das Veranstaltungszentrum Schwagstorf seien in Zukunft denkbar. Für den Ortsbürgermeister ist der Kreisverkehr unwiderruflich mit Schwagstorf verwachsen. Jeder in der Region kenne den Ort und seine Riesenspinne. Laut, hektisch und meistens auch friedlich liegt sie da und streckt ihre sechs Beine durch das Wittlager Land.

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