Schätze und Hadrianische Teilung Als Sondengänger in Ostercappeln unterwegs

Von Helge Holz


Hitzhausen. Während eines Sondengänger-Lehrgangs konnten angehende Archäologen im Wittlager Land auf Schatzsuche gehen. Zusammen mit Kreis- und Stadtarchäologen wurde der Geschichte Niedersachsens auf den Grund gegangen.

Manchmal gibt es eben Momente, da sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Das erleben auch die angehenden Sondengänger in Hitzhausen: Kaum hat Bürgermeister Rainer Ellermann die Kursteilnehmer begrüßt und ihnen die Vorzüge, im Osnabrücker Land leben und arbeiten zu dürfen, genannt, da passiert es.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Just in diesem Augenblick hält ein Auto nehmen dem Feld. Das Fenster wird herunter gekurbelt und der Fahrer blickt freundlich heraus; eine Einladung zu Kaffee und Mittagessen folgt prompt. „Sind alle Osnabrücker so?“, raunt es perplex aus der Menge. Noch bevor Rainer Ellermann diese Frage beantworten kann, tönt ein spontanes „Ja“ aus der Runde.

Doch Kreis- und Stadtarchäologe Bodo Zehm muss dankend ablehnen. Die anwesenden Männer und Frauen sind schließlich zum Arbeiten ins Wittlager Land gekommen und nicht primär um die Lebensqualität entlang des Wiehengebirges zu erkunden.

Zwischen Kalkriese und Schnippenburg

Den theoretischen Teil hatten die Nachwuchs-Archäologen bereits in Hannover absolviert. Jetzt steht die Praxis im Vordergrund. Und wo lässt sich die niedersächsische Geschichte besser erleben als zwischen Kalkriese, Schnippenburg und allerlei Megalithgräbern?

Ein weiterer Grund für diesen Lehrgang sei deutlich banaler, verrät der Archäologe Bodo Zehm einen Augenblick später. „Wir möchten auch die sorgfältig arbeitenden Sondengänger vom leicht negativen Image ihres Hobbies befreien.“ Oft werden „Sondler“ in die gleiche Schublade gesteckt wie Grabräuber, die sich in antiken Grabungsfeldern mit allerlei Artefakten und Schätzen versorgen, um diese dann auf eigene Rechnung zu verkaufen.

Was ist eigentlich ein Schatz?

Aber was ist eigentlich ein „Schatz“? Ist es die vermeintlich längst vergrabene Truhe, die randvoll mit Golddukaten und Silberstücken gefüllt ist oder ist es etwas anderes, etwas ganz Gewöhnliches?

In erster Linie wohl es eine Frage der Perspektive und der individuellen Definition. Für den einen zählt nur das Monetäre, für den anderen sorgt bereits eine kleine, mit Dreck behaftete Scherbe für große Begeisterung.

Wohl wissend, das es vielleicht „das“ Puzzle-Stück ist, das für die Archäologie durchaus ein „Missing-link“ sein kann, um entscheidende, wichtige Erkenntnisse in der historischen Aufarbeitung zu liefern – so gesehen auch ein Schatz. Doch um dieses zu erkennen und wissenschaftlich korrekt einzuordnen, bedarf es oft eben des archäologischen Fachwissens einer Stadt und Kreis-Archäologie.

Die Hadrianische Teilung

So spannend die heimatliche Geschichte auch sein mag, die juristischen Klippen dürften gleichwohl nicht vernachlässigt werden, weiß der Fachmann. Bevor die Suche auf einem Feld losgeht, müsse zunächst der Eigentümer sein „OK“ geben. Der Grund dafür ist einfach: Schließlich würde ihm, im Fall des Falles, die Hälfte des gefundenen „Schatzes“ gehören, die andere Hälfte eben dem Finder. Als „Hadrianische Teilung“ ist es fest in der Rechtsprechung verankert.

Hinzu kommt, dass die Schatzsuche dem Landesrecht unterliegt. Jedes Bundesland entscheidet selbst, wie es dieses „Schatzregal“ in Anspruch nimmt. So hat das Land Niedersachsen ein Vorkaufsrecht für Fundstücke. „Wer diese Spielregeln nicht beachtet, kann unter Umständen sogar eine Ordnungswidrigkeit begehen“, wissen die heimischen Archäologen.

„Perfekt wäre es, wenn sich potenzielle Sondengänger erst einmal mit unserer Abteilung in Verbindung setzten, damit wir uns gegenseitig kennenlernen können“, verrät der Stadt- und Kreisarchäologe. Der positive Nebeneffekt: So können die Fachleute aus der Verwaltung bei Bedarf ebenso auf das fundierte Fachwissen der ehrenamtlichen Hobby-Archäologen zurückgreifen.

Acker unter die Lupe nehmen

Zu Übungszwecken wird nun der Acker in Hitzhausen ganz genau unter die Lupe genommen. Doch die High-Tech-Sonde bleibt diesmal zu Hause. Mit der Technik können die Schüler zweifelsfrei umgehen – so hieß es jetzt ganz genau hinsehen. So steht diesmal halt das Finden von Keramik ganz oben auf dem Stundenplan.

Wie auf eine Perlenschur aufgereiht gehen sie nun – den Kopf nach unten geneigt – über das Feld. Immer ganz langsam und sorgsam. Siehe da, schon werden sie fündig. Irgendetwas längliches spitzes aus Metall will unbedingt vom Boden aufgehoben werden.

Mit der alten Zahnbürste wird noch etwas Lehm entfernt, sodass ein alter Hufnagel zutage kommt. In diesem Fall ist es eindeutig ein profaner Nagel. Schade, dass es kein Nagel ist, der vor langer Zeit in der Sandale eines Legionärs gesteckt hatte.

Details sorgen für Überraschungen

Wenn noch andere Römer hier seinerzeit noch mehr Sandalennägel verloren hätte, ließe sich anhand der metallischen Hinterlassenschaften sogar der Marschweg ermitteln, den die Gruppe auf ihrer Fußreise Richtung Kalkriese eingeschlagen hätte – Wunschdenken eben. Doch gerade die Details können für Überraschungen sorgen.

Axel Friedrich, von der Stadt- und Kreis-Archäologie schmunzelt. „Da müssen wir durchaus genau hinschauen. Oft müssen wir auf die Hilfe anderer wissenschaftlicher Disziplinen zurückgreifen, um herauszufinden, was es genau sein mag. Für uns Archäologen mag beispielsweise das Glied einer Kette auf den ersten Blick durchaus als Sensation erscheinen. Auf der anderen Seite kann aber der Volkskundler darüber nur milde schmunzeln, weil eben solches Teil in fast jedem Heimatmuseum zu sehen ist...“

Hochkonzentriertes Suchen

Hochkonzentriert sind die Lehrgangsteilnehmer jedenfalls bei der Sache. Würden ihnen sonst die fingernagelgroßen Splitter von Feuersteinen auf der Ackerkrume auffallen? Geduldig gibt ihnen auch Grabungstechniker Klaus Fehrs darüber Auskunft.

Seine Arbeit und die seiner Kollegen lassen sich nur wenige Kilometer entfernt im Museumspark Kalkriese sehen.

Doch egal wie sorgfältig präpariert die Sondengänger ihre Feldarbeit angehen. Selbst die Profis sind vor Überraschungen kaum gefeit; das musste vor einiger Zeit ein „Sondler“ in Südniedersachsen selbst feststellen.

Anekdote aus Südniedersachsen

Bodo Zehm plaudert aus dem Nähkästchen: Die Sonde piepste laut, vorsichtig habe der Hobby-Archäologe den Lehm beiseitegeschoben, sodass etwas unbekanntes, metallisches zutage kam.

Als Mann vom Fach habe er sich sofort Hilfe geholt, rief die Polizei, dann den Kampfmittelräumdienst – sicher ist eben sicher. Doch die Experten hätten schnell Entwarnung geben können. Des Rätsels Lösung: just hier unter dem Acker hatten Witzbolde ein altes Ofenrohr entsorgt. Doch wer buddelt schon ein altes Ofenrohr ein?


Wer sich als Sondengänger mit seinem Hobby in den Dienst auch der guten Sache stellen will, sollte sich zunächst mit der Archäologischen Denkmalpflege, der Stadt- und Kreis-Archäologie in Verbindung setzten. Wer zunächst einen entsprechenden Lehrgang mitmachen will, für den sind die heimisch Archäologen ebenfalls die ersten Ansprechpartner.

Stadt- und Kreisarchäologie, Hakenstr. 11, 49087 Osnabrück, Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8 bis 16 Uhr, Freitag 8 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung. Bitte vorher telefonisch anmelden. Mail: archaeologie@osnabrueck.de