Interview mit Winfried Hardinghaus Ostercappelner Klinikchef lehnt Suizidbeihilfe ab

Von Almut Hülsmeyer


Ostercappeln. Prof. Dr. Winfried Hardinghaus ist Ärztlicher Direktor der Niels-Stensen-Kliniken Krankenhaus St. Raphael Ostercappeln und Franziskus-Hospital Harderberg. 1994 gründete er das Palliativ- und Hospizmodell Spes Viva. Seit Kurzem ist Hardinghaus auch der Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV), der sich für die Bedürfnisse schwerstkranker und sterbender Menschen einsetzt. Unsere Redaktion sprach mit Hardinghaus über Sterbehilfe und die Möglichkeiten der Palliativmedizin.

Hospiz- und Palliativeinrichtungen wie beispielsweise Spes Viva möchten schwerstkranken Menschen ein Sterben in Würde ermöglichen. Gleichzeitig führen Befürworter der Sterbehilfe ein würdevolles Sterben als Argument für einen assistierten Suizid an. Deshalb sollten wir zu Anfang klären, was Sterben in Würde überhaupt bedeutet.

Ein Sterben in Würde beinhaltet Schmerzfreiheit des Patienten und eine Linderung der Symptome wie etwa Luftnot oder Übelkeit. Außerdem sollte der Patient die letzten Tage und Stunden in einer angenehmen Umgebung verbringen können und Angehörige um sich haben, um sich von ihnen zu verabschieden. Er sollte die Dinge, die er noch regeln möchte, regeln können. Dazu kann beispielsweise gehören, das ein oder andere Versöhnungsgespräch zu führen. Nicht zuletzt sind auch die spirituellen Bedürfnisse des Patienten zu beachten. Für uns, die in Hospiz- und Palliativeinrichtungen Tätigen, bedeutet würdevolles Sterben, den Betreffenden an die Hand zu nehmen und ihm Zuneigung, Liebe und Wärme zu vermitteln. Er soll an unserer Hand, nicht durch unsere Hand sterben.

Neben dem Sterben in Würde begründen die Befürworter der Sterbehilfe ihre Position auch mit den Argumenten, dass Menschen die Selbstbestimmung über ihr Leben nicht verlieren und nicht unerträglichen Schmerzen ausgesetzt sein wollen. Kann die Palliativmedizin dies Patienten nicht bereits heute ermöglichen?

Wir können heute wirklich jeden Menschen schmerzfrei und in Würde sterben lassen. In einer Patientenverfügung kann der eigene Wille festgehalten werden für den Fall, dass man sich nicht mehr selbst äußern kann. Sich als Patient helfen zu lassen heißt auch nicht, seine Selbstbestimmung aufzugeben. Manchmal wird die Selbstbestimmung erst durch Hilfe möglich. Außerdem ist der Mensch in seinem Leben von Anfang an auf Hilfe angewiesen. Die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, hat mit der gesellschaftlichen Tabuisierung des Tods zu tun. Der Tod gehört zum Leben dazu.

Hat die hohe Quote der Bundesbürger, die sich für Sterbehilfe aussprechen, auch mit dem mangelnden Wissen über Palliativmedizin und Hospizarbeit zu tun?

Ja, sicher. Bei einer Bevölkerungsbefragung unseres Verbandes hatten nur 50 Prozent der Befragten den Begriff Palliativ schon einmal gehört. Nur jeder Dritte konnte den Begriff einigermaßen definieren. Da besteht noch großer Aufklärungsbedarf. Wichtig ist, dass die Menschen begreifen, dass sie keine Schmerzen haben müssen und auch niemand alleine zu sterben braucht. Gerade viele ältere Menschen haben Angst vor Einsamkeit oder davor, allein gelassen zu werden.

Wie sieht es mit der palliativmedizinischen Versorgung in Deutschland und hier in der Region aus?

Wir sind auf einem guten Weg. In den letzten Jahren hat es deutliche Fortschritte gegeben, aber natürlich gibt es noch Verbesserungsbedarf, gerade in den ländlichen Regionen, in Pflegeheimen und anderswo. Die Vergütung muss noch verbessert werden, zum Beispiel in Hospizen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat zum Ausbau des Hospiz- und Palliativwesens jetzt ein Eckpunktepapier vorgelegt, in das auch die Vorschläge des DHPV, unter anderem im Rahmen eines Vorstandsgesprächs beim Minister, mit eingeflossen sind. Die Region Osnabrück ist palliativmedizinisch aber schon gut abgedeckt.

Haben schon mal Patienten an Sie oder Ihre Mitarbeiter den Wunsch herangetragen, ihrem Leben ein Ende zu setzen?

Ganz selten. In den wenigen Fällen, wo Menschen solche Gedanken gehegt haben und man ihnen dann Alternativen aufgezeigt und sie entsprechend umsorgt hat, habe ich es noch nicht erlebt, dass die Patienten den Wunsch wiederholt haben. Der Satz „Ich will nicht mehr leben“ bedeutet meistens „Ich will so nicht mehr leben“.

Glauben Sie, dass durch eine Liberalisierung der Sterbehilfe der Druck auf kranke, insbesondere ältere Menschen wachsen würde, den assistierten Suizid als Option zu wählen?

Eine Liberalisierung der Sterbehilfe wird zu einem Dammbruch führen. Ältere Menschen werden sich unter Druck gesetzt fühlen, weil sie ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen. Es besteht die Gefahr, dass durch eine entsprechende Gesetzgebung die Beihilfe zur Selbsttötung zu einem normalen Vorgang stilisiert wird. Von den Befürwortern wird uns zwar vorgeworfen: „Mit dem Dammbruch übertreibt ihr da“, aber man braucht nur in unsere Nachbarländer wie Belgien oder die Niederlande zu schauen. Dort gibt es bereits aktive Sterbehilfe für Kinder und Jugendliche.

Mit welchen Themen werden Sie sich als neuer Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes in den kommenden Monaten beschäftigen?

Der DHPV vertritt die Interessen der Schwerstkranken und Sterbenden sowie von 1000 Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Deutschland und circa 100000 dort ehren- und hauptamtlichen Tätigen. Wir sind Partner im Gesundheitswesen und für die Politik, gerade auch in der aktuellen Sterbehilfedebatte. Wir sind gegen die ärztliche Suizidbeihilfe und für ein Verbot jeglicher Form der organisierten Sterbehilfe.


Infos zur Sterbehilfe

Beihilfe zum Suizid: Beihilfe zum Suizid leistet, wer einem Menschen, der sich selbst tötet, dabei hilft. Entscheidend ist, dass der Hilfeleistende das Geschehen nicht bestimmt. Den entscheidenden Akt des Suizids muss der Sterbewillige selbst vollziehen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland grundsätzlich straffrei.

Ärztlich assistierter Suizid: Rechtlich gesehen ist der ärztlich assistierte Suizid Beihilfe zum Suizid. Deshalb können Ärzte zwar nicht strafrechtlich belangt werden, jedoch durch ihr Berufsrecht. Die möglichen Konsequenzen reichen bis zum Entzug der Approbation.

Passive Sterbehilfe: Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden unterlassen, um das Sterben des Patienten als natürlichen Prozess zuzulassen.

Aktive Sterbehilfe: Der Tod eines Menschen wird auf dessen Wunsch hin absichtlich und aktiv herbeigeführt, beispielsweise, indem ein Arzt ein tödliches Medikament verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten.

Organisierte Sterbehilfe: Darunter ist die geschäftsmäßig erbrachte Hilfeleistung zur Selbsttötung zu verstehen. Die Bundesregierung plant ein neues Gesetz zur Sterbehilfe, das kommerzielle Sterbehilfe, möglicherweise auch jede organisierte Form von Sterbehilfe unter Strafe stellt.