Eine Marktnische erobert Stroh ist keineswegs gleich Stroh in Vennermoor

Von Karin Kemper

Wilhelm, Florian und Johanna Böckmann vor einem der zahlreichen Abteile, in denen das Stroh gelagert wird – bis zur neuen Ernte, die derzeit anläuft. Foto: Karin KemperWilhelm, Florian und Johanna Böckmann vor einem der zahlreichen Abteile, in denen das Stroh gelagert wird – bis zur neuen Ernte, die derzeit anläuft. Foto: Karin Kemper

Vennermoor. Veränderungen gehören in der Landwirtschaft für die Entwicklung einfach dazu. Ebenso Personen, die den entscheidenden Schritt wagen. Auf dem Hof Böckmann mit der Adresse Neuer Damm 1 sind das gleich zwei Männer – Florian Böckmann und sein Schwiegervater Wilhelm Böckmann. „Bei uns dreht sich jeden Tag ganz viel um Stroh“, sagen die beiden. Das gilt seit dem Jahr 2007.

Vorher standen rund 80 Milchkühe auf dem Hof im Mittelpunkt. Die wurden abgeschafft. Geblieben ist die Bullenmast. Wilhelm Böckmann sagt rückblickend: „Man bekommt als Landwirt sehr viel mehr Freiheit ohne das Melken und Kalben.“ Das dritte Standbein des Hofes sind Lohnarbeiten, in erster Linie der Transport von Festmist. Der Senior sagt in Richtung Junior: „Der Strohhandel ist deine Idee gewesen.“ Landwirtschaftsmeister Florian Böckmann kannte jemanden, der in dem Metier tätig war. Im Testjahr war das Stroh knapp. So entstand die Überlegung, „sich etwas hinzulegen und zu sehen, ob es jemand kaufen will“. Beim Abwarten blieb es allerdings nicht. Klinkenputzen war angesagt. Unter anderem auf Reitbetrieben. Einher ging jeweils die Zusage: „Wir liefern das ganze Jahr über gute Qualität.“

Wissen und Logistik

Was so einfach klingt, erfordert jede Menge Wissen und Logistik. Der Zeitraum, in dem das Stroh eingebracht wird, das dann bis zur nächsten Ernte reichen muss, umfasst einige wenige Wochen. „Das ist schon für alle stressig“, sind sich die Böckmanns einig. In dem Zeitfenster von rund vier Wochen sind neben der Familie und den beiden fest angestellten Mitarbeitern Erntehelfer aus der Umgebung, die sich sogar per Telefonkette alarmieren lassen, wenn das Wetter das nötig macht, im Einsatz. Das ist wichtig für die Qualität des Strohs. „Ein Schauer Regen reicht, dann ist es nicht mehr optimal. Deshalb gilt: „Etwa eine Stunde nach dem Pressen ist das Stroh vom Acker weg – und kann nicht mehr nass werden. Auf dem Hof Böckmann gilt: „Bei uns liegt kein Ballen draußen.“ Das wiederum erfordert jede Menge Hallenraum. Denn inzwischen sind aus den anfänglich 200 Ballen rund 20000 geworden. Dabei handelt es sich um Quaderballen mit den Maßen 2,40 Meter mal 1,20 Meter und einer Höhe von 70 oder 90 Zentimetern. Die eine Größe passe ideal für den Lkw-Transport, die anderen ist für den Endverbraucher besser zu handhaben.

Entzerrte Saison

Das Stroh stammt keineswegs allein vom eigenen Hof, sondern wird im Umkreis von rund 50 Kilometern zugekauft. Das hat mehrere Gründe. Das Getreide wird auf leichten Sandböden zu einem anderen Zeitpunkt geerntet als auf schweren Topböden. Das entzerrt die Saison ein wenig. Und in Jahren, in denen Stroh knapp ist (weil die Getreideernte gering ausfällt), bieten gute Böden die Sicherheit, dass kein Mangel entsteht. Nicht minder wichtig: Wenn es an der einen Stelle regnet, kann es in einiger Entfernung bestes Strohwetter geben.

Allerorten kommen beim Pressen örtliche Lohnunternehmen zum Einsatz. Florian Böckmann: „Das Pressen haben wir komplett vergeben. Damit haben wir ganz bewusst gar nicht erst angefangen. Šo sind wir flexibler und können uns um die reibungslose Abfuhr kümmern. So oder so gilt: Die notwendigen Strohmengen kommen aus Ackerbauregionen, wo Überfluss herrscht. Dort, wo Viehhaltung dominiert, besteht dagegen Mangel.

Vermarktet wird regional. Das beinhaltet aber durchaus einen Umkreis von etwa 150 Kilometern. Abnehmer sind überwiegend landwirtschaftliche Betriebe, beispielsweise Milchviehbetriebe oder (durchaus bekannte) Pferdebetriebe. Die Lieferung erfolgt jeweils nach Bedarf, sodass der Kunde keine große Lagerfläche benötigt.

Für Stroh gibt es zudem Weiterverarbeitungsmöglichkeiten. Es wird etwa gemahlen und mit Nährstoffen angereichert – zu Futterstroh für Pferde oder Kälber – oder zu Granulat verpresst, das im Hühnerstall zum Einsatz kommt.

Qualität ist gefragt

Hohe Ansprüche müssen erfüllt werden. Ein Feuchtigkeitsgehalt von 13 Prozent darf nicht überschritten werden. Florian Böckmann: „Das Schwierigste ist, die geforderte Qualität hinzubekommen.“ Beim Pressen auf dem Acker sind Feuchtigkeitsmessgeräte im Dauereinsatz. Das verringert den Ausschuss. Das geht so weit, dass das Pressen abgebrochen wird, wenn der Grenzwert erreicht ist. Das ist das Stoppsignal. Warten ist angesagt. So lange, bis die Sonne kommt und trocknet.

Bereits im Vorfeld sind die Strohexperten vor Ort, um zu prüfen, wie die Lage ist und wie weiter vorgegangen wird. Entscheidend ist die Planung. Alles muss gut koordiniert werden. Es muss feststehen, was wann wo bearbeitet wird. Stroh, das an einem Tag gefallen ist, ist in der Regel am nächsten Tag unter Dach und Fach – auf dem Hof Böckmann, Vennermoor. Dafür sind acht bis zehn Fahrzeuge, die das Stroh heranholen, im Dauereinsatz.

„Das Einlagern ist meine Aufgabe“, sagt Wilhelm Böckmann. Und das wiederum ist längst nicht damit getan, die Massen trocken unterzubringen. Stroh ist nämlich keineswegs gleich Stroh. Es gibt ungeschnittenes, geschnittenes und gehäckseltes Stroh in unterschiedlichen Sorten – abhängig davon, ob es von Weizen, Triticale, Roggen oder Gerste stammt. Alles muss separat gestapelt werden und auffindbar sein. Schließlich wollen Kunden „ihr ganz bestimmtes Stroh, mit dem sie gute Erfahrungen gemacht haben, bekommen“. Beim Stapeln kommen Teleskoplader zum Einsatz, zwei eigene und zwei fest angemietete.

Und neben dem Stroh gibt es auf dem Hof Böckmann auch Heu und Ballensilage – das Stroh dominiert aber eindeutig. Die Tatsache, dass das erste „Strohjahr“ gut gelaufen war, stellte die Weichen auf dem Hof Böckmann. Für die bestehende Bullenmast reichten die Flächen, um das nötige Futter zu gewinnen. Für mehr Tiere wären Pachtflächen erforderlich gewesen – aber nur schwer zu bekommen. „Wir haben eine absolute Nische gefunden“, sagt Florian Böckmann. Das Stroh macht sehr viel Arbeit, und die Preise sind extrem marktabhängig. Jeden Tag erfolgen Auslieferungen.

Inzwischen ist die Erkenntnis verbreitet, dass Stroh einen Wert hat, Ackerbauern eine zusätzliche Einnahmequelle bietet und Nährstoffe liefert. Wilhelm Böckmann: „Früher wollten die Leute keine Strohställe mehr, heute sind sie für Hochleistungskühe angesagt.“

Zur Strohgewinnung ist ein Maschinenpark erforderlich, der hilft, große Mengen so trocken zu bekommen, dass es gepresst werden kann. Denn auf dauerhaft trockenes Wetter allein ist eben nicht Verlass.

Und auch diese Dimensionen sprechen für sich: Die Böckmanns pressen Stroh auf einer Fläche von rund 1500 Hektar. An einem Spitzentag können das durchaus einmal mehr als 1000 Ballen sein.

Zur Vorbereitung der Saison gehört auch der Anruf bei den vielen festen Lieferanten: „Was können wir einplanen?“ Fairer Umgang miteinander, so die Böckmanns, ist dabei ein Muss. Ist Erntezeit, gibt es nur noch das Thema Stroh. Dazu gehören das Wetter, die Wetter-App, Regenradar und die Frage „Wer macht was?“.

Mit Leidenschaft

Stress ist auf dem Hof angesagt. Das erste Stroh liegt. Florian Böckmann sagt: „Ich bin zu Hause, arbeite viel, schaffe mir Freiräume und bin meinen beiden Kindern nah.“ Wilhelm Böckmann fügt hinzu: „Da gehört Leidenschaft zu. Es macht einfach Spaß zu sehen, wie sich alles entwickelt und wie Herausforderungen bewältigt werden.“