Umziehen oder nicht? Der Student im Wittlager Kinderzimmer


Altkreis Wittlage. Studieren und zugleich weiter im heimischen Kinderzimmer wohnen, können sich viele Jungakademiker nicht vorstellen. Dabei gilt das für fast ein Viertel aller Studenten. Auch im Wittlager Land bleiben junge Menschen ihrer Region treu.

Ruhig und beschaulich lebt es sich auf dem Land. Wer einen Blick aus Jannik Oberdiecks Fenster wirft, sieht grüne Wiesen, eine gespannte Wäscheleine und Einfamilienhäuser. Andere Studenten könnte das abschrecken.

Sie leben lieber in engen Häuserreihen mitten in der Stadt, versuchen sich in ihrer Osnabrücker Wohngemeinschaft an den Putzplan zu halten. Doch der junge Mann aus Wehrendorf hat sich gegen das studentische Leben und für Hotel Mama entschieden. Eine Wahl, die dem 22-Jährigen nicht schwerfiel. „Ich mag die Ruhe in Wehrendorf“, gibt er zu. Außerdem habe er im Haus seiner Eltern sein eigenes kleines Reich.

Wittlager Wurzeln

Im ersten Stock lebt der Maschinenbaustudent in einem großzügig geschnittenen Zimmer, verfügt über einen kleinen Balkon und ein eigenes Bad. Doch nicht nur die Annehmlichkeiten ließen ihn zu Hause wohnen bleiben. Oberdieck engagiert sich im Ortsjugendring Bad Essen und ist Mitglied einer Band, die ihre Wurzeln im Wittlager Land hat. Ihm gefällt das Landleben, das Pendeln nach Osnabrück stört ihn hingegen nicht.

Die Entscheidung von Jannik Oberdieck teilt fast ein Viertel aller deutschen Studenten. So leben 23 Prozent von ihnen noch im trauten Familienheim – eine Zahl, die sich seit den 90er-Jahren nicht verändert hat. Dabei spielen zudem wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. „Ich hätte keinen Cent BAföG bekommen“, erzählt Jannik. Das Studium wäre mit einem Auszug zur finanziellen Mammutaufgabe geworden.

Gründe, die auch Marco Beckmann aus Ostercappeln gut verstehen kann. An der Universität Osnabrück studiert er im fünften Semester Jura. Fast jeden Tag pendelt er vom Wittlager Land nach Osnabrück. Auch für ihn wären die Mietpreise, welche zwischen 8,90 Euro und 7,20 Euro pro Quadratmeter liegen, nur schwer zu stemmen gewesen. Zum Pendeln nutzt er oft sein Auto in Kombination mit dem Semesterticket. Dieses gilt ab Belm, sodass der Student die Strecke splittet, den Wagen in Belm stehen lässt und per Bus weiterfährt. Zudem nutzt er eine Fahrgemeinschaft mit einem Freund aus Harpenfeld, der ebenfalls in Osnabrück studiert. Doch auch die Verbundenheit in Ostercappeln ließ ihn auf dem Land bleiben. Seit seiner Jugend engagiert er sich in der heimischen SPD, hat im Ostercappelner Rat die Funktion des stellvertretenden Ratsvorsitzenden inne. Daher würde ein Umzug nach Osnabrück für ihn noch mehr Stress darstellen.

Unbegründete Sorgen

Die Sorge vieler Studenten, sich mehr nach der Familie als dem Studium richten zu müssen, können die beiden nicht bestätigen. Sie führen ein selbstständiges Leben, werden von ihren Familien unterstützt und müssten nicht zu jeder Mahlzeit am Essenstisch sitzen. „Klar versuche ich Zeit mit meiner Familie zu verbringen“, sagt Oberdieck. Aber wenn er mal nicht beim Abendbrot dabei sei, wäre das kein Weltuntergang. Ähnlich sieht es in Beckmanns Familie aus: „Meine Mutter schränkt mich in keinster Weise ein.“

Neben der ländlichen Idylle und der gemeinsamen Zeit mit der Familie leugnen die Wittlager Jungs die bestehenden Nachteile nicht. So spiele sich das studentische Leben oft unter der Woche ab, erzählt Marco Beckmann. Denn viele Studenten würden am Wochenende nach Hause fahren. Wer nach einer Vorlesung noch auf ein Feierabendbier in die Kneipe gehen will, muss dann entweder abstinent bleiben oder zurück ins Wittlager Land, um von dort aus den Bus nach Osnabrück zu nehmen. Um gemeinsam feiern zu können, böten viele Kommilitonen und Freunde auch ihre Hilfe an. „Man findet immer einen Übernachtungsplatz in Osnabrück“, können beide Studenten bestätigen.

Organisationsaufwand

Aber das Leben im Wittlager Land und Studieren in Osnabrück sei mit einem enormen Organisationsaufwand verbunden. Die Vorteile von Hotel Mama könnten viele Kollegen verstehen. Einen Bekannten von Marco Beckmann zieht es jetzt sogar von seinen eigenen vier Wänden in Osnabrück zurück zur Familie. „Er hat gemerkt, dass es zu teuer und zu stressig ist“, erzählt der 21-Jährige. Einen Auszug haben Beckmann und Oberdieck in die Zukunft verschoben. Erst wenn sie Geld verdienen, möchten sie sich nach einer eigenen Bleibe umschauen. Und diese soll für beide im Osnabrücker oder Wittlager Land liegen.

Marco Beckmann kann sich sogar vorstellen, in Ostercappeln zu bleiben: „Ich bin ein Landkind, mag es ruhig und gemütlich. Außerdem leben meine Kumpels in der Region. Es spricht also nichts dagegen.“


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